Das liebe Vieh und seine Hörner

Am 25.11.2018 wurde in einer Schweizer Volksabstimmung gefragt, ob man den Kühen ihre  Hörner gönnen soll. 54 % der Bevölkerung waren dagegen.  Das negative Abstimmungsergebnis dieser Schweizer Volksabstimmung zeigt vor allem eines: Die Leute schreien zwar gerne nach Tierschutz, aber im Zweifelsfall geht die neue Pan-Gottheit „Sicherheit“ vor…   Ein Teil der Allgäuer Milchbauern schaffen es auch ohne Staatshilfe, wie mir meine Käsefrau auf dem Wochenmarkt erzählte: Dort geben die Molkereien jenen Bauern und Bäuerinnen, die die „Hörndl“ dran lassen, 5 Cent mehr für die Milch. Denn zu einer Touristenregion gehört nun einmal das liebe Vieh. Und zwar auf der Weide. Ohne Hörner oben drauf sehen die armen Rindviecher in den Augen vieler Touristen irgendwie traurig aus…  Dass es den Tieren ohne ihr Kommunikationsorgan Hörner nicht gut geht, kann man merken. Sie können der Nachbarkuh nämlich schlechter ansehen, ob sie gerade guter oder schlechter Laune ist. Mit den Hörnern können sie zudem sozusagen Dampf ablassen, beim Wiederkäuen erwärmen sich die Hörner…

Wir als städtische Einkäufer können natürlich auch etwas dran drehen, indem wir versuchen, konsequent nur noch die Milch von Kühen kaufen, die ihren Kopfputz behalten durften. Z.B. Demeter-Milch: da bleiben die Hörner den Tieren erhalten. Oder reine Weide-Milch, denn da ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Kühe frei und draußen grasen durften, und daher auch ihre Hörner behalten durften groß. Denn schaden tun die Hörner nur in den angeblich so tierfreundlichen Laufställen. Aus denn nämlich kommen die Tiere das ganze Jahr nicht raus.  Dank Frust über den Bewegungsmangel nehmen sie sich schließlich – mit der langweiligen Stall-Welt unzufrieden – gegenseitig auf die Hörner. Mir scheint das alte System Anbindehaltung während der Nacht aber Freigang während des Tags viel tierfreundlicher als das Neue mit dem Wegsperren der Tiere in einen für die meisten Landwirte überteueren „Schöner Wohnen“ Wohlfühl-Stall.

Veronikas 12 Kühe zumindest (wir nächtigten bei ihr mit einer ganzen Studentengruppe im Heu), die kamen abends stets von ganz allein nach Haus und trotten von allein auf ihren angestammten Platz neben der besten Freundin, wo sie dann zum Melken und über Nacht angebunden wurden. Am nächsten Morgen kamen sie dafür gleich nach dem Melken sicher wieder raus, selbst bei Nebel durften sie allein im Warthebruch herumziehen. Diese Kühe wurden 20 Jahre alt, ohne jemals krank zu werden. Die Nachbarn rannten Veronika die Bude ein, um sich am Küchentisch einen Teil ihrer Milch in ihre mitgebrachten Verhältnisse einfüllen zu lassen. Dann kam die EU. Und Vorschriften über den Platz im Stall. Ob die Kühe tagsüber raus durften, wurde nicht berücksichtigt. Und dann nahm auch südlich von Poznan / Posen die Werbung überhand, die den Städtern erfolgreich einredete, tot gekochte Milch aus Riesenmolkereien sei „hygienischer“ und also „sicherer“. Und  die Industriemilch sei daher der wilden Produktion aus  freilaufendem Hornvieh vorzuziehen. Wegen angeblich mangelhafter Hygiene galt nun die ab Hof verkaufte Milch als nicht mehr statthaft, wurde schließlich sogar illegal…   Wäre nicht moderner Tierschutz: keine Milch mehr von Kühen zu kaufen, die sich in Ställen langweilen mussten? Zumal es auch im Sinne des Klimaschutzes wäre, Weide-Milch zu kaufen, die übrigens auch den allermeisten Menschen deutlich bekömmlicher ist….

(CC) Elisabeth Meyer-Renschhausen

Schafe auf demTempelhofer Feld

 

  1. Modell I: Wanderschäfer mit Herde, von 200 bis 600 Tieren, der nach Nürnberger, Kölner, Turiner oder Trierer Modell. Sollte die Fläche zu klein sein (Feldlerchenbrutzeit) könnte er würde seine Schafe gegeb. alle drei Monate Sonntagsmorgens um 6.OO zum nächsten Park treiben (Gleisdreieck, Treptower Park). Ev. könnten einige Stadtbewohner / die Feldkoordinatoren dabei helfen, soweit er von den Radwegen runter und auch auf Straßen muss. Die Stadt müsste dafür möglichst das Agrarministerium zurückholen und dafür sorgen, dass die EU-Gelder für die Landschaftspflege an die Schäfer gehen können. Auf nächtliches Einpferchen in eine Ecke der Alten Gärtnerei könnte dabei u.a. verzichtet werden, könnte dem Schäfer das Leben ev. wohl erleichtern. Um dem Schäfer Freizeiten zu ermöglichen, könnten FÖJ und Bufdi ihn unterstützen. Dem Schäfer könnte auf Wunsch erlaubt werden einen Bau- resp. Schäferwagen mit sich zu führen. Ponys oder Ochsen (wie z.B. im Museumsdorf Düppel) könnten gegeb. seinen Wagen ziehen. Der Schäfer würde die Fläche je nach Brutverhalten der Vögel und Besucherströmen erst hier und später dort abweiden und mit Hilfe der Schäferhunde die Herde beisammen halten. Die gefährdete Berufsgruppe der Wander-Schäfer könnte so (ähnlich wie der städtische Gemüseanbau durch Allmende-Gärten) einen neuen Auftrieb erhalten. Vorbild: Turin, Nürnberg, Köln etc. Finanzierung als Umweltschutzmaßnahme perspektivisch durch die Umweltsäule / resp. künftigen Tierprämien der GAP.  Verkauf der Schlachttiere auf den lokalen Markt z.B. in Kitas, Mensen, öffentliche Kantinnen sowie Edelrestaurants – entsprechend der Berliner Ernährungsstrategie. Übrigens: Bis zur Wende wurden bis zu 1000 Schafe allein vom THF satt. Und: Turin spart 30.000 durch die tierischen Rasenmäher.
  2. Modell II: Kleine Gruppen von etwa 40 Schafen wie in Charlottenburg / Potsdam gehütet von einem Hauptamtlichen mit Hilfe von Bufdi und FÖJern (zusammen mit einem Berufs-Schäfer) in umsetzbaren nahezu unsichtbaren Steck-Elektrozäunen. Nachts würden diese Schafe in einer behüteten Ecke der Alten Gärtnerei zusammengepfercht mit schlichtem (Schafskovenartigem) Unterstand oder Bäumen zum unterstellen. Betreuungsaufwand: täglich ein bis zwei, zumindest eine Person, falls keine Hunde dabei sein können dann jedoch sicher zwei Personen. Besonders Vorbild: Süd-Lichterfelder Pferdekoppel, Wasserbüffel in Hermsdorf, Schottische Rinder in Marzahn-Hellersdorf . Finanzierung durch das Land Berlin. Das Ökofleisch der geht in Kitas und Schulen, die Wolle in die Hausdämmung.
  3. Hauptargument: Statt lärmender Maschinen-Mahd: Abweiden. Biodiversität: Die Schafe fressen nicht alles und treten Löcher in den Boden, was die Biodiversität fördert (so die wissenschaftl. Begleitung zur Schafhaltung in Sanssouci). Seltene Gräser tauchen wieder auf (s.u.) . Allerdings könnte man durch das Mitlaufen lassen von einigen wenigen Ziegen oder Ponys oder Nachweidenlassen durch etwa Lamas und Alpakas einen gleichmäßigeren Abfraß erreichen. So macht es die Stadt Turin.
  4. Hundebesitzer: Die Erfahrung im Charlottenburger Schlosspark zeigt, dass die Hundebesitzer ihre Viecher mehrheitlich deutlich vermehrt angeleint lassen, seitdem es die Schafe im Park gibt. Die Schafe erfreuen die Menschen und locken Schaulustige an. Menschen erfreuen sich offenbar am Sehen von Tieren. Die Schafe können so auch Frieden in die Landschaft bringen. Gelegentlich geklaut werden Schafe vor allem nur dann, wenn sie ohne Schäfer etwa unbeaufsichtigt auf Deichen oder in Streichelzoos weiden und / oder die Bauarbeiter nicht zumindest den Mindestlohn erhalten.

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Agrarwende zum Erntedankfest

Grünschwarze Bandnudeln aus Algen, salzige Schokolade mit 98%igen Kakao-Anteil, Köche, die auch das Grüne der Karotte mitkochen, Fischer, die den Beifang verwerten und Fleischer mit ausschließlich handwerklich verarbeiteter Wurst, das war das „Stadt – Land – Food“-Festival rings um die Markthalle Neun in Kreuzberg. Dazu kamen z.B. auf einem der vielen Podien junge Bäuerinnen und Gärtnerinnen aus den Philippinen, Kenia und die Oderbruch, die berichteten, wie sie selbst den Weg zurück in den Landbau fanden. Jane berichtete beispielsweise aus Kenia wie und warum sie mit Freunden einen Biogarten betreibt und Saatguttausch-Treffen organisiert. Der von den Rettern der Markthalle 9 ausgerichtete zweitätige Austausch-Markt „Stadt – Land – Food“ war ein inspirierendes Treffen von Hunderten von Essensaktivsten und Kreativunternehmern aus sprichwörtlich Nah und Fern. Natürlich überwogen unter den Marktstandbetreibern jene aus der näheren Gegend – manche von ihnen sind an bestimmten Tagen sogar auch sonst in der Markthalle Neun zu finden. Zum ersten Mal stand „Stadt –Land – Food“ unter der Schirmherrschaft eines Senators, dem Senator für Verbraucherschutz, Dr. Dirk Behrendt, der in Zusammenarbeit mit dem Berliner Ernährungsrat eine Ernährungsstrategie für Berlin auf den Weg bringen möchte. Gerade die Woche zuvor hatte der Berliner Ernährungsrat erfolgreich die „Regio-Woche“ durchgeführt: hier war mit Hilfe von zahlreichen Berliner Akteuren und Brandenburger Biohöfen und anderen Gruppen 170.000 Biomahlzeiten an den Berliner Schulen ausgegeben worden und zwar nahezu ausschließlich aus der Region. Nun muss nur noch die Brandenburger Landwirtschafts-Politik mit ins Boot geholt werden, die hinsichtlich der Förderung der arbeitsintensiven Biolandwirtschaft in den letzten Jahren – gelinde ausgedrückt – versagt hat. Aber auch die Berliner könnten sich besser um ihre landwirtschaftlichen Flächen kümmern, sind doch bisher manche Biohöfe im Stadtgebiet buchstäblich abgesoffen, weil die Bezirke beispielsweise die Gräben nichtmehr gepflegt haben. Heute muss jeder Quadratmeter kultivierbaren Landesfür eine Klima- und Zukunftsverträgliche Landwirtschaft bewahrt werden.
Nur die kleineren und handwerklichen Betriebe, ob auf dem Acker oder in der Werkstatt, stellen die Beschäftigungs-Möglichkeiten resp. Arbeitsplätze, die vergleichsweise krisenfest die Grundbedürfnisse der Städter auf die Dauer befriedigen können, betont der Rinderhalter David Peacock von der Müritzer Seenplatte. Oder um es mit dem Landwirt Rudolf Bühler aus Wolpertshausen zu sagen: „Es gibt uns Bauern Mut, dass sich mitten in Berlin in der Markthalle Neun, ein Nukleus fur die Good Food Bewegung entwickelt. Hier entstehen die wichtigen gesellschaftlichen Bewegungen für eine bessere und lebenswerte Zukunft, für den korrekten Umgang mit den natürlichen Ressourcen, mit unserer endlichen Welt.“ Das lustigere Leben bietet der klimaverträgliche Landbau allemal, das zeigte am gleichen Wochenende das Erntedankfest im Berliner Gemeinschaftsgarten Rosenduft, wo fröhlich geschnattert, gespeist und gesungen wurde. https://stadtlandfood.com/

Freie Künstlerinnen an den Unis

Die Privatdozentinnen sind die freischaffenden Künstler der deutschen Universitäten. Derzeit tagen die großen Wissenschaftsverbände wie die Deutsche Gesellschaft für Soziologie in Göttingen oder der der Historiker in Münster. Die Politologen treffen sich in Frankfurt am Main. Während die Historiker wie auch die Philosophen sich mit der seit der Austeritätspolitik (1990/1995/2002) merkwürdigen Lage der Privatdozenten und Privatdozentinnen angenommen haben, hat man sich seitens der Soziologie mit der Thematik noch kaum befasst.
Tatsächlich sind die Privatdozentinnen dem Gesetz nach unbestallte also unbezahlte Hochschullehrer mit allen Rechten und Pflichten. Sie sind keine Angehörige des Mittelbaus und auch nicht auf „Arbeitssuchende“ zu reduzieren, wie man das in der DGS wohl auch tat. Sie sind vielmehr die freischaffenden Künstlerinnen unter den Hochschullehrern der deutschen Universitäten. Ebenso wie seit der Wende in Ostdeutschland nahezu jede(r) Dritte in die Freiberuflichkeit als Selbständige(r) gezwungen wurde, sind auch die Privatdozentinnen als freiberuflich tätige Kollegen zu betrachten. Während in den angelsächsischen Ländern der Brauch herrscht, dass etwa bei reduzierten Tagungsbudgets die etatierten Kollegen zugunsten der Freischaffenden auf ihr Honorar verzichten, ist das in der Bundesrepublik Deutschland eher seltener der Fall. Eventuell Ergebnis einer im Prinzip positiven gewerkschaftlichen Orientierung, die jedoch die Tatsache missachtet, dass selten viel mehr als 40 % der erwerbstätigen Bevölkerung eine „sozialversicherungspflichtige Tätigkeit“ beschieden ist. Migranten, Frauen, Querdenkern und anderen Künstlernaturen bliebt daher nur der Weg in die Selbständigkeit – soweit unrealistisch hohe Versicherungsbeiträge das zulassen. (In manchen Fällen hilft hier die Künstlersozialkasse.)

Als den Freischaffenden unter den Hochschullehrern blieben die Privatdozentinnen auf Grund ihrer besonderen Lage bis zum Lebensende aktiv und können auch nicht „pensioniert“ werden. Meistens reicht ihre Rente ohnehin nicht und zwingt sie daher, sich weiter aktiv aus der üblichen interessanten Mischung von Buch- und Vortragshonoraren und gelegentlichen Dozenturen oder Gastprofessuren über Wasser zu halten. Indem die Festangestellten resp. verbeamteten Kollegen sich die Lage der Freischaffenden in den eigen Reihen klar machen und zusehen, die kleinen Schikanen, die die neoliberal gewendeten Unis ihrer Unbezahlten so bereit halten, mindern zu helfen, wird diese Solidarität unter Intellektuellen sich auch auf das Betriebsklima an den Universitäten allgemein positiv auswirken. Eine Verabschiedung der relativen Intellektuellen- und Lehrerfeindlichkeit, die in der Missachtung der Privatdozenten angelegt ist, kann die gedrückte Stimmung an den von der Austeritätspolitik gebeutelten Universitäten mindern helfen. Denkbar wäre etwa eine Art Dienst, der freie Gastdozenturen aus den jeweiligen Fachkollegigen vorrangig den PD anbietet oder aber auch Regelungen, die das wissenschaftliche Publizieren von Freien erleichtern resp. ermöglichen.

Weiterlesen: https.privdoz.de

Elisabeth Meyer-Renschhausen, Die neue Bildungskatastrophe – Zur Lage der
Universitäten und ihrer Wissenschaftlerinnen, in: Blätter für deutsche und
internationale Politik Heft 11/2012, S. 111-120 (im Internet als:
http://privdoz.de/c/se?p=pd/meyer1211)

Paul Kellermann, Manfred Boni, Elisabeth Meyer-Renschhausen, Hrsg., Zur
Kritik europäischer Hochschulpolitik – Forschung und Lehre unter Kuratel
betriebswirtschaftlicher Denkmuster, Wiesbaden: VS-Verlag 2009

Sommercamp der Gemeinschaftsgärten

Die Interkulturellen Gemeinschaftsgärten trafen sich zu ihrem alljährlichen Vernetzungstreffen resp. Sommercamp diesmal im Garten Neuland in Köln. Am ersten September-Wochenende führte bei schönstem Wetter interessante Spaziergänge, Radtouren oder auch solche mit der Straßenbahn zu den verschiedenen Gartenprojekten der Millionenstadt am Rhein. Die Stadt Köln unterstützt die Gärten im Rahmen der Idee „essbare Stadt“ und die Kölner Gemeinschafts-Gärten waren maßgeblich daran beteiligt, den Kölner Ernährungsrat mitzugründen.
mehr siehe hier http://www.neuland-koeln.de/ und hier: https://anstiftung.de/

Urban Gardening geht aufs Land

Im Naturschutzgebiet Dübener Heide wird derzeit geprüft, ob die Idee des „Urban Gardening“ auch etwas für das Land ist. Tatsächlich erlebten die zwei anfangs des Jahres neu gegründeten Gemeinschaftsgärten zu Ferienanfang eine ihre ersten, sommerlichen Höhepunkte. In Bad Düben hatten die Gärtner des Gemeinschaftsgartens am Wasserturm zum letzten Schultag zu einem Sommer-Fest eingeladen. Mit einem vielfältigen Programm wurde es ein grandioses Fest. Nach einer Begrüßungsrunde zu selbstgebackenen Kuchen gab es einen Vortrag von Freya Hörnig: Die Gesundheit beginnt am Tor zum Garten. Die gelernte Gärtnerin und zertifizierte Gesundheitsberaterin erklärte, wie – weil so ein Gemüsegarten alle Sinne anspricht–, das Gärtnern zu einer stabilen Gesundheit erheblich beitragen kann. Anschließend gab es eine Führung durch den Garten: die beiden Mit-Gärtner Matthias und Susanne stießen mit ihrem profunden Wissen über Wildkräuter auf ein großes Interesse im Publikum. 114 Wildkräuter haben sie auf dem Gelände gefunden! Nachdem die Gäste sich so tapfer gebildet hatten, waren sie froh dass Hussain, Arwat und die anderen Flüchtlinge ein wunderbares Gericht nach irakischer Art mitgebracht hatten. Die junge Köchin strahlte vor Freude, die Gärtnerinnen und ihre Gäste dergestalt beglücken zu können. Und ihr Hausfreund, ein gelernter Koch, kredenzte dem erstaunten Publikum eine überaus köstliche Spargelsuppe… Gitarren-Musik am Lagerfeuer rundete den Abend ab, die Kinder wippten vergnügt mit ihren Füssen. Manche mochten gar nicht wieder gehen, so urgemütlich empfanden sie den immer noch etwas wilden Garten…

Am nächsten Wochenende ging es im Gemeinschaftsgarten in Gniest, dem Waldgarten am Holzplatz, weiter. Für den Samstag hatte die Projektgruppe zu einem ganztägigen Workshop eingeladen: Wie baue ich einen Bienenkasten? Der örtliche Imker Robert holte nach seinem informativen Vortrag vorgeschnittene Bretter aus seinem Gefährt. Und er teilte seine Studenten in drei Gruppen ein. Sodann begann das große Messen, Sägen, Bohren und Festschrauben. Und tatsächlich konnten am Ende des Nachmittags eine fertige Beute aus Fichtenholz abgeflammt und zum Ort ihrer Bestimmung gebracht werden. Robert setzte eines der Bienenvölker um und bald darauf flogen die Bienen ein und aus. – Das Verschmausen der ersten eigenen Kartoffeln zu Leinöl und Kräuterquark aus dem Garten sorgte fürs Leibliche der Gärtner- und Gärtnerinnen. Während die einen sich mit einbrechender Dunkelheit zufrieden nach Hause aufmachten, erzählten andere sich noch bis tief in die Nacht Schwänke aus ihren bewegten Leben…

Die Idee vom kollektiven Gärtnern stößt in der Dübener Heide offenbar zunehmend auf Interesse. Eine Kerngruppe von regelmäßig mitbuddelnden Menschen ist da und ein gewisser „commoning“-Prozeß in Gang gekommen. Das gemeinsame Graben, Sich-weiterbilden und Feiern macht einfach Spaß. Was viele nicht für möglich gehalten hätten: momentan sieht es ganz danach aus, als wären Interkulturelle Gemeinschaftsgärten durchauch auch etwas fürs „platte Land“.

Jäger und Sammler

Jäger und Sammler im Zeitalter des Betrugs

„Freiheit für Lula“ hatte sich die kleine bunte Truppe, die auf dem „Karneval der Kulturen“ Brasilien repräsentierte, auf ihre Transparente geschrieben. Sie meinen, dass der Präsident, der erfolgreich eine „Zero Hunger“-Politik eingeführt hat, zu Unrecht eingesperrt ist. Halb Südamerika versinkt nach einer Dekade sozialer Regierungen erneut im Sumpf von Korruption und Gewalt. Gewählte Regierungen werden per Tricks entmachtet, Landlose von ihren kleinen Äckern vertrieben, die sie rechtmäßig zu bestellen begonnen haben. Die Superreichen möchten sich bei der Jagd nach noch mehr Geld nicht gerne stören lassen. Seit der dot.com-Blasen-Krise ist das Investieren in „Realien“: Häuser, Rohstoffe und Land angesagt. Alle machen mit, auch die Deutsche Bank. Ist ihren Managern egal, dass Sojabarone die Regenwälder Südamerikas roden? Obwohl das illegal ist? Muss man deshalb daran Anstoßnehmende mittels Korruptions-Vorwürfen auszuschalten? Die Investoren vertreiben mittels bewaffneter Räuber die Jäger-und Sammler-Völker, die bisher im und vom Regenwald lebten. Kleinbauern, die als frühere Regenwald-Vertriebene selbst illegale Bandrodung betreiben, werden mit vertrieben. Mit Gewalt. Die Landjäger kennen keine Gnade. Die Regierungen der zivilisierten Welt schauen ungläubig zu. Sie schämen sich. Und sind froh, dass die Regeln der Diplomatie ihnen verbieten, einzugreifen.

Die weltweite Jagd nach „Realien“ wie Land produziert vor allem eines: Arbeitslosigkeit. Weltweit wächst die Erwerbslosigkeit. Sie betrifft nicht nur die Jugendlichen Griechenlands oder Spaniens. Die Neuzugezogenen in den großen afrikanischen Städten finden zu über 80% keine Jobs, schon gar nicht angemessen bezahlte. Und auch in reichen Städten des Nordens wie Berlin sind seit Jahrzehnten stets um die 20% der Bevölkerung von Sozialgeldern abhängig, in manchen Viertel 40% der Jungs ohne Jobs. Sie jobben allenfalls als Prekäre bei den ebenfalls prekär lebenden „Späti“-Inhabern oder versuchen als Putzfrauen, Fahrradkuriere oder VHS-Dozentinnen zu überleben. Diese neue Armut wird von allen Regierungen vertuscht. Erwerblose über 50 werden z.B. in Berlin nicht mitgezählt, weil sie eh keine Chance mehr hätten. Mit der Folge, dass man im globalen Süden meint, hier bekämen alle Arbeit und sich immer neue Gruppen junger Afrikaner auf den Weg machen…

In Europa merken die Menschen erst jetzt, dass wir weltweit in einer Art Zeitalter des Betrugs angekommen ist. Wenn die Leute keine – und sei es auch eine noch so schlecht bezahlte – Anstellung finden, werden sie wie in archaischen Zeiten wieder zu Nomaden, Jägern und Sammlern. Die einen mähen die Wegesränder ab, um Futter für ihre Hühner und Kaninchen zu erbeuten, die sie in der bewährten Tradition Osteuropas als Nebenerwerbs-Subsistenzbauern halten. Die anderen klauen aus purem Hunger Tomaten aus Gemeinschaftsgärten oder Ziegen aus den Kinderbauernhöfen, um sie zu verzehren. Wenige Tage später entdecke ich in den öffentlichen Parks Berlins, wie Menschen aller Kulturen einträchtig Akazienblüten sammeln, um daraus Sirup zu machen. Eine Woche später höre ich Vater und Töchterchen sich an den wegseitigen Blüten unseres Holunderbusches zu schaffen machen. „Hier ist eine besonders schöne!“ sagt das Kind. Ob sie wohl Pfannkuchen draus machen wollen? Der Holunder duftet betörend. Vielleicht sollte ich auf unserem zweiten „Vorm-Zaun-Acker“ zumindest eine Pfefferminzfarm anlegen? Offenbar brauchen Städte(r) heute solche Allmenden. Denn auch Erwerbslose und andere Prekäre möchte zu gerne ihrem urmenschlichen Betätigungsdrang nachgehen können…

Allmenden und Genossenschaften

Zum Donnerstag, den 26.4. 12.00-13.30 vor dem Reichstag.

Wir gratulieren der Raiffeisen-Genossenschaft zur Feier ihres 200-jährigen Bestehens. Diese Agrargenossenschaften ermöglichten den Bauern des 19. und frühen 20. Jahrhunderts das Überleben. Aber die Genossenschaften wurden im Wendeprozeß ihrer Gemeinützigkeit beraubt und sind heute – extrem gefährdet – von der UNESCO daher zum Weltkulturerbe erhoben. Denn nur Neu-Gründungen von Landbaugenossenschaften ermöglichen im 21. Jahrhundert etwa Hunderten von Kleinbäuerinnen Indiens Überleben und Erfolg. Die Allmenden können wir dabei als Vorform oder eine ältere Form von Genossenschaften oder Gemeinwirtschaft betrachten. Sie hielten sich teilweise bis heute, wie wir dank Elinor Ostrom wissen.

Die Raiffeisen-Genossenschaft möchte zu ihrem Jubiläum Anlaß dem allseits beliebten Gemeinschaftsgarten Allmende-Kontor auf dem Tempelhofer Feld 20 Hochstamm-Obstbäume schenken. Denn schließlich ist dieser Garten als neue
Allmende so etwas wie das Herz und Symbol des Tempelhofer Felds als neuer „Gemeinheit“ geworden, also einer neuen „commons“ wie es auf Englisch heißt. Vermehrte Neueinrichtungen von commons – das werden wir für die Zukunft überall brauchen. Eßbare Stadtlandschaften verwaltet in Bürgerhand bzw. konkret neuen Allmende-Genossenschaften – die werden wir gerade auch in den Städten benötigen, allein schon deshalb, um die vom Land Vertriebenen vor der für die meisten unerträglichen Bürde der Erwerbslosigkeit bewahren zu können. Um ihnen einen Raum für Eigenarbeit als tätiger Selbsthilfe geben zu können.

Die geschenkten Obst-Bäume wird das Allmende-Kontor allerdings gleich an das Tempelhofer Feld als solches resp. das Land Berlin weiter verschenken, schon mangels Platz im eigenen Garten, zumal Gemüseanbau und Obstbäume sich nur bedingt vertragen. Das Feldforum des Tempelhofer Feldes wird mit Unterstützung der „Feld-Koordination“ entscheiden, wo sie stehen sollen.

Den Namen „Allmende“-Kontor verdanken wir übrigens Ivan Illich, dem Kritiker der Expertokratie, der das schöne Buch „Das Recht auf Gemeinheit“ schrieb, sowie Karl Linn, einem Community-Gärtner in Berkeley. Karl Linns Buch heißt „Building Commons and Communities“, denn das hat er ein Leben lang getan. Karl Linns Mutter war eine erfolgreiche „Zurück-Aufs-Land“-Pionierin der ersten Stunde, 1913 baute sie allein mit Hilfe der Rentengut-Genossenschaft „Freie Scholle“ eine erfolgreiche Obstbaum-Plantage auf, die später vielen jüdischen Mädchen eine Art frühen Kibbuz mit Landbau-Ausbildungs-Möglichkeit bot. Solange die Kirschbäume noch nicht trugen, ernährte sie sich von einer Subsistenz-Landwirtschaft mit Hühnern, Kühen und Schweinen und allem drum und dran. 1933 aber wollte der Nazi-Bürgermeister ihr Land, der üble Bodenraub der Nazis… Gegen das Landgrabbing weltweit hilft nur das „Reclaim the Commons“! Henny Rosenthals Sohn, Karl Linn, trug diese Idee dann durch die halbe Welt und unterstützte dabei auch die Besetzer vom Ziegenhof in Charlottenburg. Als einer, der häufiger die Länder und Städte wechselte, wußte er wovon er sprach: Das „Wiederverwurzeln in der Fremde“, das geht am allerbesten in der Gemeinschaft einer Allmend-Genossenschaft, in einem Gemeinschaftsgarten auf einem Tempelhofer Feld als Gemeinheit, die allen gehört und daher auch auch den „Neuen“ offen steht…

Elisabeth Meyer-Renschhausen

Vom Paradies, Allmenden und Kühen

Der kleine Küstenort Agonda in Goa ist ein Paradies. Die Fischer und Bauern leben in offenen Palmenhainen. Die Touristen ergötzen sich an den am Strand frei laufenden Kühen. Rindviecher in allen Farben wie auf den Gemälden der Renaissance. Fast alle lieben die Kühe. Aus den edlen Ressorts werden sie jedoch verjagt, wenn sie sich zum Wiederkäuen hingelegt haben. Am abendlichen Strand jedoch müssen manche Mütter länger nach ihren Töchterchen schreien. Da die eben mit einem der Kälbchen schäkern. Das Kalb versteckt sich scheu neugierig hinter der Alten. Erst als das Kind eingesammelt worden ist, macht das kleine Kalb übermütige Bocksprünge, offenbar vor lauter Begeisterung so viel Bewunderung hervorgerufen zu haben. Es versucht einen Altersgenossen mitzureißen, mit Erfolg. Die lustigen Sprünge der Kälber sind ansteckend. Viele der den Strand entlang wandelenden Touristinnen zücken ihre Handys, um an dieser Lebensfreude teilzuhaben.

Zum Sonnenuntergang veranstalten die Kellner mancher Strandressorts fast eine Art Schaufüttern. Einer setzt sich mit den Brotresten in die Herde und ernährt die Kälber. Das Gros der Herde steht um einige Plastikboxen mit den gesammelten Küchenresten. Harte Papaya- und Ananasschalen sind darunter, an denen die Kühe geduldig kauen. Die Abendsonnen-Wanderer bleiben beeindruckt stehen. Später erklärt mir der jüngste Kellner des „Jardim a Mar“, dass sie die Kühe eigentlich nicht füttern dürften, wegen der Hygiene. Wenn sie dabei erwischt werden, müssten sie zahlen. Deshalb warten sie bis zum Abend, weil dann keine Beamte mehr unterwegs wären. Der junge Mann mit der falsch herum aufgesetzten Baseballkappe stammt aus Nepal. Sie wären hier fast alle aus dem Himalaya. Sie wäre Hindus und gäben deshalb den Kühen die Küchen-Abfälle etwa aus der Obstsaft-Herstellung. Die Kühe hätten jetzt Ende der Trockenheit kaum noch etwa zu fressen. Wer die Kühe während des Monsuns füttere, wenn die Touristen weg und die Restaurant zu sind, wisse er auch nicht. Er glaubt, dass die Kühe herrenlos wären.

Nach der Fütterung beginnt das Sozialleben unter den Rindviechern. Jetzt geht das Gerangel unter den verwunderlich vielen Stieren in der Herde los. Die Stirnen aneinandergelegt schieben sie sich über den Strand. Manchmal geraten zwei Bullen auch ernsthafter aneinander. Ihr Kampf wird heißer, sie bewegen sich dabei auf den Wanderstreifen der Feriengäste zu. Da kommt die weibliche Müllbrigade in orange und grün mit Müllsäcken und Reisigbesen bewaffnet. Die zierlichste von ihnen mit Wetter-gegerbtem Gesicht unter dem mit einem Schal festgebundenen Hut winkt mich heftig weg. Dann bewirft sie die Bullen energisch mit einigen Handvoll Sand. Die Tiere lassen sofort voneinander ab. Die zierliche Dame ist stolz und von Stund´ an grüßen wir uns wie alte Bekannte. Andere Jungbullen sind ohnehin friedfertig und beginnen – nachdem sie eine Weile gerangelt hatten – sich gegenseitig abzuschlecken und zu kraulen. Währenddessen die Kühe ihre Kälber anstubsen, nun doch bitte aufzustehen und brav zu saufen. Die freilaufenden Kühe sind jung, halbe Färsen, keine wird gemolken. Zumindest noch nicht.

Am nächsten Tag sehe ich im Dorf zwei blitzblanke Milchkannen. Dahinter wäscht ein Bauer sein Milchgeschirr. Ja erklärt er mir froh, er sei Milchbauer und melke morgens und abends. Davon könne er ganz gut leben. Jeden morgen um neun käme der Milchwagen und hole die Milch seiner fünf Kühe. Da kommt ein weißes Pritschenauto und er hilft beim Aufladen der schweren Stahlkannen und erhält zwei leere zurück. Die indische Regierung ist bemüht genügend Molkereiprodukte für alle anbieten zu können. Die staatliche Molkerei Almu wirbt für ihre Milch und Butter. Tee mit Milch, eine Art Kefir namens Lassie und Süßigkeiten aus Milch gehören in Indien zu Leben dazu. Später sehe ich in anderen Teilen Indiens an viel befahrenen Landstraßen angebunden gehaltene Einzelkühe mit strammen Eutern. Kühe und Büffel als Zug- und Pflugtiere und Milch- sowie Düngerproduzenten sind aus der Indiens Landwirtschaft nicht wegzudenken und bringen der Bauern einen wichtigen Teil ihrer Einkommen.

Ein allzu intensives Interesse an der Herde am Strand zwecks eventueller Fotos wird von den Rindern auch schon mal falsch verstanden. Einmal bemerke ich gerade noch rechtzeitig wie ein Viermonats-Kalb hinter mir seinen noch hörnerlosen Schädel mit schlangenartigen Bewegungen angriffslustig zu drehen und zu wenden beginnt. So als wolle es mir sogleich den wohlverdienten Schubs geben. Als ich mich umdrehe und es auf den Irrtum hinweise, merkt es, dass es sich im Spielkameraden geirrt hat. Es trollt sich von dannen… Es sind wohl besonders diese freilaufenden Tiere, die im christlichen Goa unbekannteren Strände Indiens etwas Paradiesisches verleihen. Aber wie lange noch? Noch sind die meisten Palmen- und Cashewnußhaine rings um die Häuser uneingezäunt. Noch können Affen, Schweinchen und Kühe sowie auch manches Pferd oder auch alte Büffel sich freilaufend durch die Nutzbaumhaine bewegen.

Aber auch in Indien wird sogar in entlegenen Orten Land privatisiert. Immer mehr Land gehört immer weniger Großgrundbesitzern. Der Mittelstand baut sich auch auf dem Land größere Häuser und zieht Zäune ums Grundstück. Die Dorfallmende mit dem öffentlichen Badestrand sei erst kürzlich von einem Investor aufgekauft und mit neuen Holzhütten zu einem Ressort verwandelt worden, erzählt mir eine Dame aus Wien, eine der vielen Dauergäste. Es handelt sich um jenen Palmenhain, den die Kühe gerne für ihre mittägliche Verdauungsrunde benutzen. Mit den freilaufenden Kühen jedoch, wird mir klar, verlöre der ansonsten eher langweilige Badeort zweifelsohne das Paradiesische.

In anderen Teilen Indiens wurden die Flußauen der derzeitigen Bauwut bereits illegal geopfert, erzählt mir die Ökoaktivistin Vandana Shiva empört. Damit verschwänden die wesentlichen Weidegründe der Rinder und der Wasserbüffel. Nun fristen Kühe und Büffel mit ihren prall gefüllten Eutern ein trauriges Dasein in Anbindehaltung an den Straßenbäumen oder in den Höfen. Es sei denn, ihre Besitzer treiben sie wie früher in den Staatsforst, was heute aber nicht mehr statthaft ist. Opfert Indien seine Allmenden? Geht auch hier das Landgrabbing auf Kosten von Viehhaltern und das mittelständige Tourismus-Gewerbe, obschon Landwirtschaft und Kleingewerbe die allermeisten Inder ernähren?

Gedichte für die soziale Arbeit?

In Berlin streitet man sich über ein Gedicht. Ein Gedicht an einer Hauswand einer Hochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik. Ein Gedicht über eine Prachtstraße mit Bäumen und flanierende Frauen. Ein freundliches Gedicht. Ein Gedicht aus männlicher Sicht. Was hat es hier zu suchen? Wohl eher nichts.

Die Alice Salomon Hochschule ist als ehemalige Hochschule für Sozialarbeit und –Sozialpädagogik HfSS Nachfolgerin der ersten Sozialen Frauenschule in Berlin. Sie wurde 1903/8 gegründet. Damals schuf die erste Frauenbewegung ähnliche Hochschulen überall in der Welt z.B.auch in London oder New York etc. The first wave of feminism setzte sich neben dem Wahlrecht und dem Recht auf Bildung auch für soziale Gerechtigkeit ein. Ledige Mütter und ihre Kinder sollten nicht mehr hungern müssen. Alleinreisende Dienstmädchen sollten nicht mehr Mädchenhändlern in die Fänge geraten. Lehrerinnen eine Rente ansparen können. Arbeiterinnen auch ohne ehemännliche Erlaubnis z.B. einen Kleingarten pachten können… Die erste Frauenbewegung setzte sich für ihre Ziele sowohl theoretisch als auch praktisch ein. Die Feministinnen schrieben Eingaben an die Regierung und unterrichteten ehrenamtlich junge Frauen, die ihrerseits freiwillig in den Armenquartieren arbeiteten. Von Chikago über Berlin bis Hamburg entstand international eine sogenannte Settlementbewegung: „junge Damen aus gutem Hause“ zogen furchtlos und abenteuerlustig in die Ghettos, lebten mit den Obdachlosen, ehemaligen Knackis und Prostituierten eng zusammen. Sie versuchten ihnen durch kostenlose Beratung zur Seite zu stehen. Um den jungen Helferinnen ihre Naivität und den damit einhergehenden Klassendünkel zu nehmen, richteten die Frauenrechtlerinnen, wie die Feministinnen im Kaiserreich abschätzig genannt wurden, soziale Frauenschulen ein. Es begann in Berlin ab 1893 mit Kursen für die Jugendgruppen für soziale Hilfsarbeit. Auch die Brüder Max und Alfred Weber unterrichteten hier unentgeltlich. Schließlich war ihre Mutter eine der Erfinderinnen der sozialen Arbeit. Die Ausbildung währte drei Jahre und entwuchs aus der Praxis. Auf ihre Praxisorientiertheit waren die Frauenrechtlerinnen stolz. Das hatten sie den Universitäten voraus. Die nämlich empfanden sie als langweilig verstaubt und ihrer Zeit hinterher.

Dann kam der Erste Weltkrieg. Die Not war urplötzlich überall so groß, dass viele der Anliegen der ersten Frauenbewegung nunmehr Gehör fanden. Plötzlich wurden überall Sozialarbeiterinnen und auch Sozialpädagoginnen benötigt: für die hungernden Alten, mittellose Mütter, verwaiste und in die Kriminalität abgerutschte Kinder. In vielen Großstädten entstanden nun Soziale Frauenschulen. Aber als der Krieg zu Ende war, war der gesamte Mittelstand verarmt. Die Staatsanleihen waren wertlos geworden und die Inflation nahm den Rest der Ersparnisse. Kaum noch eine Familie konnte es sich leisten eine ihrer Töchter auszuhalten, damit sie ehrenamtlich als Sozialarbeiterin tätig war. Egal, ob sie nun Sozialbeamtin, Wohlfahrtsdame, Fürsorgerin oder Jugendleiterin hießen: Die Examinierten mussten nunmehr bezahlt werden. Die Professionalisierung eines Berufsstandes stand an. Alice Salomon, damals Direktorin der Sozialen Frauenschule Berlins, war darüber extrem unglücklich. Sie wusste, dass sie damit ihre Freiheiten verlieren würden. Denn mit der staatlichen Besoldung übernahm der Staat auch „das Sagen“… Dienstanweisungen verboten den ersten Sozialarbeiterinnen das forschende Lehren, das sofortige schriftliche Reflektieren der gemachten Erfahrungen und das Öffentlichmachen sozialer Ungerechtigkeiten. Und so kam es.

Alice Salomon war erst Mitte der 1920er Jahre wieder glücklich, als sie auf dem begrünten Dach des Neubaus ihrer Schule unterrichten konnte. Immer noch am altangestammten Platz so vieler sozialer Frauengründungen in der Karl-Schrader-Straße. Hier hatten die Damen wie Lina Morgenstern, Henriette Schrader-Breymann, Hedwig Heyl, Helene Lange, Jenny Hirsch etc. alles einmal angefangen… Alice Salomon kam als Jüngere dazu. Heute erinnert nur noch der Krippenverein an den Standort. Die Gebäude sind noch da, aber nur noch teilwiese genutzt. – Damals wurde ab 1933 unerwartet alles anders. Alice Salomon kam aus jüdischem Hause. Sie musste weg. Die Nazis übernahmen.

Als die Hochschule für Sozialarbeit- und Sozialpädagogik nach 1945 wieder allmählich in ihre sozialpolitisch orientieren Gänge kam, wussten nur noch ältere Hochschullehrer wie Dieter Claessens von der Geschichte der Hochschule. Meistens solche, die wie Claessens selbst, aktive Frauenrechtlerinnen als Mütter hatten, die sich auch 1945 wieder für die Waisen, Flüchtlinge, displaced persons im Verbund mit ihren Schwestern im Geiste in den USA etc. einsetzten…

Dann kam die Wende von 1989, die deutsche Wiedervereinigung. Die HfSS kam aus dem Zentrum der damaligen Frauen- und Lesbenbewegung weg. Weg aus dem Stadtteil mit den vielen neuen Frauenhäusern, Mädchenläden, betreuten Mädchen-WeGes, Prostituierten-Beratungs-Stellen und Lesben-Zentren. Sie wurde einem übereifrigen Bauvorhaben geopfert, wo noch diverse Räume zu besetzen waren. Die HfSS, nunmehr nach ihrer ersten Direktorin Alice-Salomon-Hochschule genannt, kam an den östlichen Stadtrand, sollten zur dortigen Entwicklung beitragen…

Das Lehrpersonal wurde zunehmend männlicher. Wer mag da wohl für das fragliche Gedicht an die Wand der Fachhochschule (university of applied sciences) entschieden haben? Was wussten die entsprechenden Gremiums-Mitglieder über die Geschichte dieser Einrichtung? Was über Alice-Salomon und die Frauenbewegung, aus der sie kam? Bedeutet die Abkürzung ASH die Tilgung einer besonderen Geschichte? Wäre es nicht einer Zeit, da weltweit unzählige Frauen kaum genügend Beschäftigung für eine ausreichende Rente bekommen und weibliche Alleinerziehende und ihre Kinder größtenteils arm sind, an der Zeit, über die Geschlechtergerechtigkeit in der staatlichen Wohlfahrt neu nachzudenken?