Ein Gartentag im Allmende-Kontor

(c) Elisabeth Meyer-Renschhausen

Gemeinschaftsgarten Allmende-Kontor

Eine frische Briese fegt über das Tempelhofer Feld und macht die Hitze sehr viel erträglicher als anderswo in der Stadt. Aber auch hier ist es heiß und die Kinder haben offenbar mit dem Wasser gespielt, nachdem welche von der “Südstadt” unseres Gemeinschaftsgartens Allmende-Kontors alle Schläuche aneinander geschraubt hatten, so dass auch die südlichen Randbeete per Schlauch begießbar sein möchten. Ich übernehme und gieße mit Hilfe eines begeisterten kleinen Kindes namens Edu die Gemeinschaftsbeete wie den ehemaligen Getreidekringel. Als das Kind keine Lust mehr hat, hilft mir die alte Hildegard die restlichen Gemeinschaftsbeete wie das Peter-Lenne-Beet und die Obst-Bäume zu gießen. Hildegard, weit über 80, ist neuerdings über K., der sie beim Bewirtschaften ihres Beets hilft, in unserem Garten aktiv. Was mich freut: sie kommt vom Lande, von einer LPG und kennt sich aus. Danach fülle ich die blauen Wassertonnen auf, die natürlich wieder leer sind. Und schließlich rolle ich mit Hilfe von Hildegard alle die vielen Schläuche wieder ein und verschließe das Feuerwehrbesteck in seinem Kasten. Die Gruppe junger Männer, die auf der Bankgarnitur vor dem Bienenbeet sitzen, hilft mir bereitwillig den Schlauch über die Beete zu hieven, sie freuen sich eigentlich sogar, mir kurz helfen zu können. Anschließend werden wir von der türkischen Frauengruppe eingeladen, die sich im Schatten der Weide im amerikanischen “Kibbuz” niedergelassen haben, mit ihnen zu picknicken. Ich genieße die wunderbar schlichte türkische Rohkostkultur. Wir sitzen da sehr schön und friedlich, aber nicht alle Frauen können deutsch. Es kommt kein gemeinsames Gespräch auf. Ich erkläre meiner Nachbarin, einer jungen Mutter, welche Beete sie zu gießen helfen könnte. Erst hinterher wird mir klar, dass ich hätte fragen müssen, ob sie sich Sorgen machen. Danach pflanze ich meine Biokräuter, gieße mit Humofix angereichertem Wasser und mulche mit meinem mitgebrachten Rasenschnitt. Obwohl sie heute sehr trocken sind, sehen unsere drei Beete ganz gut aus: Topinambur, Bohnen und Kürbisse wachsen in ihren jeweiligen Kisten tapfer vor sich hin. Die rot blühenden Feuerbohnen bringen im Verein mit den orangenen Calendula Farbtupfer hinein. Die vielen Brennnesseln rings um die Beete verhindern allerdings erfolgreich, dass ich weder Petunie noch vorgekeimte Kartoffeln im Topinambur-Container verbuddeln kann… Als ich nach Sonnenuntergang davon radele, sitzen an den verschieden Tischen oder auch auf dem Rasen allein zwischen den Allmende-Kontors-Betten um die acht große Picknickgruppen, die sich englisch, italienisch, türkisch, kurdisch oder deutsch unterhalten. Im uneingezäunten Park auf dem Gleisdreieck, den ich später durchquere, und der inmitten der Stadt keine Schließzeiten kennt, sitzen im Dunklen bestimmt 15 Jugendgruppen…

Agrarwandel und Hunger

INPoUnterKaritebäumenEMRWie das wohl sein könne fragen mich die Bekannten, sie wären bis nach Portugal quer durch Europa mit dem Zug gefahren und überall, besonders aber in Frankreich, wären ehedem vielfältige Landschaften gähnender Leere und erdrückend langweiligen Flächen gewichen. Kaum sähe man noch Kühe auf der Weide, keine bunten Wiesensäume mehr, auch kleinen oder wilden Tiere sind nicht mehr zu sehen. Sie sind schwer enttäuscht. Auch, dass mir nichts weiter einfällt, als ein Hinweis auf die menschenverachtende Agrarpolitik der Europäischen Union. Dabei befinde ich mich damit allerdings in bester Gesellschaft, denn heute grübelt man auch in der FAZ darüber nach, warum der Deutsche Bauerbverband noch immer auf die „Umweltschützer“ einprügelt, statt einzusehen, dass keinem Erholungssuchenden wie auch keinem Essenden mit der bisherigen Politik des Immer-größer, Immer-mehr gedient ist. Ín seinem Artikel „Was die Nachtigall stört“ zur Landwirtschaft als „kollektivistischen Großindustrie“ überlegt Patrick Bahners in der FAZ (13. Juli 2016), ob eventuell die Agrarwissenschaft Abhilfe schaffen könnte. Maisfressende Kühe verbannt in dunkle Ställen, Milch, billiger als Mineral-Wasser, Industrie- statt Kulturlandschaften, das will keiner: könnte denn die Agrarwissenschaft nicht durch wissenschaftlichen Nachweis der objektiven Notwendigkeit von Bodenpflege statt Überdüngung, Klimapolitik statt Versteppung, Bienenschutz statt Vermaisung nötig ist, helfen, die Landwirte als Landschaftpfleger anzuerkennen und entsprechend zu honorieren? Um gleich im Anschluß immerhin die Annahme der Agrarökonomie, man könne der Natur unbegrenzt Material entnehmen, ohne dafür eines Tages zahlen zu müssen, kritisch zu hinterfragen… Allerdings beruht sein Vorschlag einer Versöhnung von Konventioneller und Ökolandwirtschaft auf dem Traum von mehr Technik z.B. auch im Ökobereich: von führerlosen Traktoren die behutsam wertvolle Ökotope umfahren. Der Autor übersieht nur die Tatsache, dass leider die Verschuldung infolge des Einkaufs von Hightec die meisten Bauern so verschuldet hat, dass sie vollständig zu immer mehr Wachstum erpressbar geworden sind. Denn es waren die Schulden, die sie zu unmündigen Klienten ihrer Kreditgeber machten, egal ob nun bei Agrobanken, Claas oder John Deer…

Das interessiert es um so mehr, dass auf der Politikseite der selben FAZ vom „Aufstand der Hungernden“ zu lesen. In Zimbabwe nämlich wollen die Menschen sich nicht mehr gefallen lassen, dass der korrupte Präsident Mugabe nun auch ihnen die letzte Mahlzeit vom Teller raubt, um Devisen zum Schuldenabbezahlen einbehalten zu könne. Einzig zu dem Zwecke neue Schulen machen zu können. Da 90% der Bevölkerung jedoch keine reguläre Beschäftigung haben, treibt sie stark steigende Lebensmittelpreise direkt in den Hunger. Besonders in diesen Jahren, die von „El Nino“ ausgelöste Dürre auf den einheimischen Feldern vieles hat vertrocknen lassen. Autor Thomas Scheen ist klar, dass das Abkommen vom Juni zwischen IWF, Weltbank, Afrikanischer Entwicklungsbank sowie Finanzminister von Zimbabwe, Chinamasa, die Ursache ist, die zu den drastischen Gehaltkürzungen führte, die nun Hungersnot und Bürgerproteste hervorgerufen hat… Denn um neue Kredite bekommen zu können, musste die Regierung in Harare nicht nur Privatisierungen versprechen, sonst auch erst einmal alle Schulden abzubezahlen, so beschloss die Regierung alle Gehaltzahlungen einzustellen… (FAZ 13.7.2016)

Die Hauptstadtgärtner von Tempelhof

Meyer-RenschhausenAm 8. Juli 2016 wurde auf Initaitive einer örtlichen Naturschützerin in der Kiez-Buchhandlung Menger am Tempelhofer Damm in Berlin-Tempelhof das Buch “Die Hauptstadtgärtner” erneut vorgestellt. Und zwar diesmal nahe des “Orts des Geschehens”, dem Tempelhofer Feld. Anschließend wurde es mit Renate Künast, der ehemaligen Ministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz und langjährigen Abgeordneten im Deutschen Bundestag diskutiert. Die Juristin Künast ist nämlich zudem leidenschaftliche Gärtnerin und hat gerade die Schirmherschaft über einen Flüchtlingsgarten übernommen. Als eine Voraussetzung einer neuen urbanen Agrarkultur interessierte das Publikum besonders die Frage des Umgangs mit den Commons, also den “Gemeinheiten” und Allmenden – zumal angesichts des Flüchtlingsdramas. Wissen wollten die Zuhörer aber auch, wie man sich “fair” so ernährt, dass man durch sein Einkauf- und Kochverhalten weder Klima, Böden oder die Bauern schädigt und möglichst auch keine Kleinbäuerinnen im globalen Süden. Renate Künast lobte, dass im Buch nicht nur erklärt wird, wie man  etwa Tomaten in Kisten pflegt, und  von wo aus die Pflanzen jeweils eingewandert sind, sondern dass auch die ernährungsphysiologischen Seiten der einzelnen Gemüse angesprochen sind. So wäre es möglich, nicht nur die Kräuter, sondern auch alle Gartengemüse (altmodisch gesprochen:) “diätetisch”, also “therapeutisch” einsetzen. Das anregende Gespräch in der gemütlichen Buchhandlung führte schließlich zu diversen Buchkäufen…

 

Die Milch der Hirten in Burkina Faso

MilchgefässTragedeVorMinimolkereiEMRAuf Einladung von Misereor war ich mit hiesigen Milchbauern in Burkina Faso in Westafrika.OLYMPUS DIGITAL CAMERA Burkina Faso ist ein fröhliches Land, wo man sich traditionell von Hirse, Dickmilch, Bohnen, Zwiebeln und Okra ernährt. Die Städter bevorzugen allerdings Reis und Hühnchen. Wir sollten die Auswirkungen der Milchexporte aus Europa auf die dortigen Märkte studieren. Burkina Faso gilt als eines der ärmsten Länder der Welt und in der Stadt Ouagadougou sind die auskömmlichen Erwerbsgelegen-heiten rar. Auf dem Lande sind die einen Bauern, die anderen  halbsesshafte Hirten. Die Bauern sind  wie die Hirten einerseits Selbstversorger, andererseits müssen sie die Überschüsse verkaufen, um Geldeinkommen zu haben. In den letzten Jahren hat der Import von Milchpulver aus Europa den Viehhaltern dort das hergebrachte Verkaufen der Milch auf den lokalen Märkten erschwert. Nun versuchen sie, durch das Gründen kleiner Molkereien den eigenen Markt zurückzuerobern. OLYMPUS DIGITAL CAMERADie lokale Entwicklungs-Organisation Pasmep setzt sich mit Unterstützung von Misereor für das Neueinrichten oder Modernisieren von Klein-molkereien ein, um den Frauen der Viehalter ihre Einkommen zu erhalten und so die Situation der Familien zu verbessern. Denn die Milch der Kühe gehört den Frauen. In Afrika sind die Frauen die Ernährerinnen ihrer Familien. Mit dem Einkommen aus ihrer Milch kommen sie ohne Hunger durchs Jahr und können die Kinder in die Schule schicken, Gemüse, Schulhefte, Küchengeräte und z.B. Fahrräder kaufen. Mittels der Schule wird erreicht werden können, dass die Regierung die Lebenslage der “Pastoralisten” künftig sehen und berücksichtigen wird. Das hofft zumindest die NGO Pasmep, die bisherige Schulverweigerung der Hirtenvölker kritisch sieht..

 

fünf Jahre Allmende-Kontor!

AllmendeKontor5JahreklVor ziemlich genau fünf Jahren begann es: das Buddeln im Gemeinschaftsgarten Allmende-Kontor auf dem Tempelhofer Feld. Dem heute wohl berühmtesten Gemeinschaftsgarten Berlins, wie die “Berliner Morgenpost” kürzlich meinte. Das wurde an einem ausgesprochen wetterwendischen Aprilnachmittag gebührend gefeiert, mit  ausführlicher Einweisung der großen Anzahl interessierter “Neuer” samt Rundgang durch die Beete.Baumpflanzenkl Anschließend gab es (auf deutsch und arabisch und z.T. auch auf farsi) Vorstellungen und Erläuterungen für die zum heutigen Tag erstmals offiziell eingeladenen Geflüchteten aus den benachbarten Massenunterkünften. Es kamen trotz der Ansage von Regen viele Menschen, ganze Flüchtlingsfamilien mit jeder Menge kleiner und kleinster Kinder, die sich nicht immer völlig lautlos verhielten, als die wackeren Allmendegärtner ihren potentiellen neuen syrischen Mitgärtnern die Regeln der Allmende zu erläutern suchten. Es gab einen kurzen Überblick zur Eine-Welt-Geschichte des Allmende-Kontors und seines Namens, wo sogar trotz fehlender Übersetzung für einen kurzen Moment konzentrierte Aufmerksamkeit herrschte. Viele (außer den “ausgewanderten” alle)  “alten” Gründungsmitglieder und zeitweilige MusikZum5jährigenklMitgärtnerinnen waren gekommen und alle freuten sich, einander wieder zu sehen. Die jungen Männer aus dem Flüchtlingsgarten-projekt  “Die Gärtnerei” vom benach-barten Thomasfriedhof hatten für alle FuFu und einen schön scharfe Paprikasuppe gekocht. Anschließend spielten die “Old Schmetterband” und die Gruppe “Queerbeet” und weit über 100 Menschen lauschten oder wiegten sich im Rhythmus der  wunderbaren Musik…  Zuvor aber wurde feierlich ein Apfelbäumchen gepflanzt. Ein Junges Paar hatte sich zur Hochzeit einen Obstbaum schenken lassen, ihn dem Allmende-Garten feierlich überreicht. Er wurde sofort gesetzt und begossen. Daneben durfte die wuselnde Kinderschar Nägel einhämmern… Die Verfasserin dieser Zeilen gab das mit Luca, Umut, Gerhard und Noemi in mehrtätigem Einsatz für das kommende Gartenjahr vorbereitete Peter-Lenné-Gemeinschaftsbeet für den Sommer an eine Flüchtlingsgruppe ab. Eine Gruppe, die regelmäßig mit den Kindern der Flüchtlinge  in den Hangars gärtnern möchte. Die Erdbeeren und die Ringelblumensaat sollen stehen bleiben. Die Kindergruppe wird im Gegenzug die vorderen Rand-Beete mitpflegen, also vor allem gießen, denn sie sind bereits besät bzw. mit neuem Gehölz besetzt. In den Beeten mit den frischgesetzten Holunderbüschen und dem Apfel-Bäumchen dürfen aber an den Rand auch noch (“schwachzehrende”) Wildblumen gesäht werden. – Trotz Regen und ziemlicher Kälte war es dank dem großen Einsatz der vorbereitenden Gruppe (Severin, KD, Kristin, Claas  und Kathrin) ein sehr gelungenes Fest.16April2016imAKkl

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Biolandbau auf dem Staudenmarkt

IMG_7125Seit Jahren organisiert der “Gärtnerhof” aus Berlin-Frohnau alljährlich zwei “Staudenmärkte” im Botanischen Garten. Hunderte von gartenbegeisterten Berlinerinnen und Brandenburger kommen so z.B. an einem Aprilwochenende zusammen, um die Erzeugnisse der Stauden-gärtnereien aus Brandenburg oder Sachsen-Anhalt, Thüringen bis Ostfriesland oder Polen, Österreich und den Niederlanden etc. zu bewundern und zu erstehen. Der Gärtnerhof ist einer der ersten “neuen” Gartenbau-betriebe Berlins, der vor über 30 Jahren einmal als “grüner Kollektivbetrieb” begann. Und daher wohl wird der Staudenmarkt bis heute auch besonders von der TAZ, dem BUND oder ähnlichen Institutionen des alternativen Berlins unterstützt. Erfreulich ist, dass immer mehr zertifizierte Biobetriebe Öko-Pflanzen anbieten, die aus samenfesten Sorten gezogen wurden oder als weniger überzüchtete alte Rosen- oder Kartoffelsorten nahe an die Stabilität von Wildpflanzen heran kommen. IMG_7127Schade ist es, dass die meisten interkulturellen Gemeinschaftsgärten resp. Betriebe der neuen urbanen Agrarkultur – abgesehen von den beiden geförderten Projekten “Berlin summt” und “Prinzessinnengarten” – wieder von der Bildoberfläche verschwunden sind. Ursache ist die  Arbeitsüberlastung der (meistenteils ehrenamtlichen) Mitarbeiter dort. Und so gab es in diesem Jahr auf dem Staudenmarkt weder Salatsetzlinge zu erstehen noch Geschichten aus den Interkulturellen Gärten zu hören. Allerdings gibt es auf dem Staudenmarkt nunmehr mehrere Gartenbaubetriebe, die alte Saatkartoffeln oder samenfestes Saatgut anbieten. Auch der Berliner  Imkerverband ist präsent und manche Gartenzeitschriften sowie auch etwa die einschlägige “Buchhandlung am Kleistpark”. IMG_7118Richtungsweisend scheinen der verfasserin besonders jene Stände, die neue Initiativen aus dem ländlichen Raum vorstellen, in deren Rahmen z.B. Wildkräuter-Wissen, Wollverarbeitung oder Touren durch die Naturparks angeboten werden. In der Regel arbeiten sie zwar “nur” als Nebenerwerbsbetriebe stehen damit aber in schöner Tradition von den das Ruhrgebiet ernährenden Bäuerinnen der 1920er Jahre bis hin zur “individuellen Hauswirtschaft” der LPG-Bauern in den sozialistischen Staaten 1961 bis 1989.

Urban Gardening in Berlin

In Berlin sind zwischen 2004 und 2015 wohl um die 100 Interkuturelle Gärten, Gemeinschaftsgärten und andere Projekte einer neuen Urbanen Argrarkultur entstanden.  Die meisten von ihnen werden ehrenamtlich betrieben. Erst in den letzten Jahren entstanden auch einige wenige Gärten, die “ihren Mann” auch ernähren können. In dem Buch “Urban Gardening in Berlin” werden etwa 60 von ihnen in Wort und Bild vorgestellt. Zudem werden einige ältere Kinderbauernhöfe aus den 1980er Jahren, sowie UrbangardeningInBerlinGartenarbeitschulen und Kleingartenkolonien aus dem früheren und mittleren 20. Jahrhundert geschildert. Die um 1900 weltweite Begeisterung hervorrufende Bewegung für Gartenstädte hatte übrigens ebenfalls kurz vor und nach dem Ersten Weltkrieg in Berlin einen ihrer Schwerpunkte. Auch von diesen “Gartenstadt”-Siedlungen werden einige beispielhaft vorgestellt. Die beschriebenen Gärten sind in Form von möglichen Touren zu Kapitel zusammengefasst, die man am besten per Rad unternimmt, denn Berlin entwickelt sich zunehmend zu einer Fahrradstadt. Aber auch mit den Öffentlichen Verkehrsbetrieben, der BVG, zu Fuß oder per Auto kann man sich die Touren oder zumindest Teile davon etwa für einen innerstädtischen Sonntag im Grünen vornehmen.

nächste Buchvorstellung  am 13.4., 19.30 in der Buchhandlung Buchkönigin

Hobrechtstraße 65, 12047 Berlin www.buchkoenigin.de/veranstaltungen/

Botanische Gärten: Orte der Forschung

bot-garten-coverAktuelle Fotos und Grafiken aus alten Handschriften illustrieren außerordentlich ansprechend im Band “Der Garten als Wissensraum” 20 der schönsten botanische Gärten Europas. Die botanischen Anlagen Europas sind – als Kinder der Aufklärung entstanden jedoch in noch “fürstlich” geprägten Zeiten – nahezu alle bühnenartig um ihren Zweck – die Präsentation botanischer Vielfalt – angelegt. Da man nach Linné zur Einsicht kommen musste, dass Vollständigkeit unmöglich ist, spezialisierten sich die meisten Botanischen Gärten Europas im Verlauf des 19. Jahrhunderts auf bestimmte Pflanzenarten und Forschungsbereiche, ohne dabei der Idee, möglich viele verschiedene botanische Besonderheiten zu zeigen völlig zu entsagen. Der “Nationale Plantentuin van Belgie” beispielsweise beherbergt die wohl größte Sammlung an Kaffeepflanzen der Welt. Der Schwerpunkt Afrika ist Ergebnis der Kolonialgeschichte Belgiens. Ursprünglich entstanden sind die botanischen Gärten aus Heilpflanzengärten, wie etwa dem “Hortus Simplicium”, der 1545 in Padua gegründet wurde. Auch der Botanische Garten Wiens entstand aus einem Garten mit Medizinalpflanzen. Kaiserin Maria Theresia hatte ihn für Medizinstudenten neben dem Schloss Belvedere anlegen lassen. Die Botanischen Gärten wurden seither zu Forschungsstätten, wo Mediziner und Biologen die Wunder der Botanik mit Lupe und Pinzette erkundeten, beschrieben, zeichneten, pressten und katalogisierten. Mancher ehemalige Hof- und Küchengarten musste – so wie in Berlin – ein paar Mal umziehen, bis er seinen heutigen Standort erreichte. Im Herbarium der dortigen Bibliothek befinden sich bis heute Blätter von Alexander von Humboldt. Im größten “stützenlosen” Gewächshaus der Welt gelang die Nachzucht der kurios anmutenden Welwitschia Mirabilis, einer Urpflanze aus der Namib Wüste. Heute sind manche Botanische Gärten “ex-situ-Genpoole” für gefährdete Arten. Denn so konservativ sie als altväterliche Einrichtungen den Jüngeren auch erscheinen mögen, sind doch heute die meisten Botanischen Gärten am Arten- und Naturschutz aktiv beteiligt. Der Botanische Garten in Barcelona etwa beforscht die Auswirkungen des Klimawandels auf den mediterranen Raum und unterhält eine große Saatgutsammlung. Das informative Werk entstanden im Rahmen eins Forschungsprojektes am Institut für Städtebau an der Universität Wien. Ausgesprochen schön gestaltet wirkt es fast wie ein Kunstkatalog 2014 wurde es ausgezeichnet als vorzügliches Gartenreisebuch.

Karin Stadler, Der Garten als Wissensraum – Eine Reise zu Gärten der botanischen Sammlungen Europas 104 Seiten, zahlreichen Abbildungen, 25,-€ (bestellbar über info@privatplots.at)

Land, Flucht und Armut: Filmfestspiele

Land, Flucht sowie Armutsmigration infolge Erwerbslosigkeit als dominierende Themen der Internationalen Filmfestspiele Berlin 11. bis 21. Februar 2016

Das momentaner Hauptthema der Europäer bestimmte den Gewinner des Wettbewerbs: Der Film “Fuocammare” von Gianfranco Rosi über die Insel Lampedusa bzw. was die Ankunft der Flüchtlinge dort mit den Leuten macht. Der Film zeigt  aus der Perspektive eines Zwölfjährigen, wie die Menschen dort hilfsbereit auf die Flüchtlinge zugegingen, obwohl Europa die Inselbewohner wie die Asylsuchenden dabei teilweise grausam allein gelassen hat.

Im außerhalb des Wettbewerbs gezeigten “Forum” geht es ebenfalls vielfach um die Situation von Flüchtlingen: In einem chinesischen Beitrag sitzen Bauern einer ethnischen Minderheit im Norden Burmas in den Berge gefangen. Sie sind auf der Flucht vor Grenzstreitikeiten, da sie schon öfter deren Opfer waren. Zum Glück können sie sich auf Zuckerrohrfarmen verdingen, so dass sie unter ihren notdürftigen Plastikplanen immerhin jeden Abend Kochen können. Die Kinder finden das neue Zusammenleben des halben Dorfs in Plastik-Tunneln lustig. Ihr Schwatzen und Streiten bildet eine anstrengende ständige Geräuschkulisse auch Nachts. Aber Bauern müssen ihre Felder bestellen und so gingen viele zurück, während andere sich erneut auf die Flucht machten. (Ta´and von Wang Bing). – In Israel sind die Flüchtlinge aus Eritrea und dem Sudan nicht willkommen. Sie finden kaum Jobs und werden als Schwarze diskriminiert. Die Regierung hat mitten in der Wüste nahe der ägyptischen Grenze ein Lager eingerichtet, wo sie viele von ihnen interniert hat, um sie abzuschieben, Ägypten nimmt die Leute aber nicht zurück. Ein Filmer und ein Theatermann kommen auf die Idee, mit einigen der Internierten ein Theaterstück über ihre Situation einzustudieren. Der Film bzw. das Theaterstück konnte dazu beitragen, dass die Regierung dieses Lager wieder auflösen musste (Bein gderot von Avi Mograbi). – Ein junger dänischer und ein deutscher Filmmacher drücken einem Westafrikanischen Flüchtling eine Kamera in die Hand, er möge ihre Flucht-Erlebnisse filmen. Die jungen Männer aus Mali und Côte d’Ivoire haben sich angesichts der schlechten Verdienstmöglichkeiten in ihren Ländern aufgemacht, in Europa Geld zu verdienen. Sie wollen ihren Familien helfen. Sie warten im Wald auf dem Berg Gurugu auf eine günstige Gelegenheit als Gruppe den drei mal sieben Meter hohen Zaun in die spanische Enklave Melilla überwinden zu können. Und zwar ohne dass die Polizei sie widerrechtlich wieder zurück jagt. 15 Monate wartet Abou bereits, hat mehrere vergebliche Versuche hinter sich, bis er es schließlich doch schafft. 15 Monate lebte er in Angst vor der marokkanischen Polizei, die immer wieder zu ihnen ins Lager kam, um sie zu vertreiben, indem sie ihre Decken und ihre Nahrungsvorräte verbrannten. ( Les Sauteurs – d.h. die (Zaun)Springer von Moritz Siebert, Estephan Wagner, Abou Bakar Sidibé).26

Zwei Freundinnen in Istanbul finden keine Stellen und verdingen sich in ihrer Not als Putzfrauen, obwohl sie als solche nicht genug für Miete und Strom verdienen können. Irgendwann kann die von ihrem erwerbslosen Mann verlassene Nesrin schließlich nicht mehr, sie gibt auf, ihre kleine Tochter ihrem Schicksal bzw. der Freundin überlassend (Toz bezi von Ahu Ötztürk). Merkwürdiger Weise ist der Film nicht als einer zum Thema Erwerbslosennot verstanden worden. – Im “Landstück” von Volker Koepp geht es um das Landgrabbing und die Vergiftung der Agrarlandschaften nordöstlich von Berlin, der Uckermark. Humorvoll erzählen junge Einheimische, warum sie zurück kamen und jetzt Biolandwirtschaft betreiben. Sie werden ergänzt von den Berichten von zwei Neubrandenburgern, die Biolandwirtschaft im ganzen großen Stil betreiben. Umweltforscher Michael Succow fasst die Sachlage mit wenigen Sätze zusammen: Weil die Europäer mit unkluger Subvention der von der Energiebilanz her völlig unrentablen industriellen Landwirtschaft die Bauernmärkte Afrikas zerstören, klopfen die Menschen von dort jetzt hier bei uns an…

Meeres- und Artenschutz statt “low fat” Impressionen vom GreenMe Festival

Eine Ursache für die Zunahme der zerstörerischen Tornados, Überschwemmungen und entsetzlichen Dürren der letzten Jahre sind die Ozeane. Genauer gesagt: ihr “Kippen”. Die Meere versauern durch den zu hohen Eintrag von Kunstdüngern und Pflanzengiften. Was dazu kommt sind die lebensvernichtenden Wirkungen von regelmäßig auslaufenden Öltankern und die traditionell übliche “Verklappung” von Schiffsabfällen in die Meere. Die Unterwasserökonomie mit ihren gewaltigen Lärmemissionen zerstört das Kommunikationssystem der Wale, von denen viele daraufhin verenden und das feingliedrige Ökogefüge zerbricht. Aber es gibt auch Hoffnung und Widerstand. Die heute 82jährige nordamerikanische Umweltaktivistin Sylvia Earle wurde als junge Frau zur Meeresbiologin, weil die Unterwasserwelt im Golf von Mexiko so unbeschreiblich bunt und schön war. Heute sind die ehemaligen Korallenriffe dort zu grauen Wüsten geworden, die bunte Fischwelt ist verschwunden. Sylvia Earle, die zeitweilig auch Regierungsämter inne hatte, macht sich Sorgen um das Leben auf der Erde überhaupt, wenn jenes in den Ozeanen unbemerkt erstirbt. Sie taucht noch immer, um filmend zu erreichen, dass zumindest Teile der Meere als Naturschutzreservate im ursprünglichen Zustand erhalten bleiben (“Mission Blue”). – Der Film (“Racing Extinction”) von Louie Psihoyos bestätigt Sylvia Earles Thesen und zeigt anschaulich, warum gerade die Ärmsten der Armen wie z.B. Fischer in den Philippinen an der Ausrottungen seltener Arten beteiligen: Die Überfischung der Weltmeere hat sie um ihre herkömmlichen Lebensgrundlage resp. Fischbestände gebracht. – Besonders bedrückend ist die eindrücklich geschilderte Geschichte vom jungen Arbeitsmigranten Ayiva aus Burkina Faso, der in der Wüste überfallen und ausgeraubt, auf dem Mittelmeer fast ertrinkt, um schließlich in Italien frierend und ohne ernsthafte Unterkunft gewaltbereiten Arbeitslosen gegenüber zu stehen (“Mediterranea – Refugees Welcome?). Weiterlesen