Neues Gärtnern belebt das Land

Das neue Gärtnern, urban Gardening oder interkulturelles Gärtnern genannt, gibt es jetzt auch auf dem Land. Zumindest in der Dübener Heide, z.B. am aufgebenen Bahnhof von Bad Düben. Jede Woche am Mittwoch trifft sich die Gruppe des Gemeinschaftsgartens am Wasserturm hinter dem Bahnhof und zu tun gibt es immer genug. Nachdem im Sommer es ständig ums Gießen ging, ist man – genauer gesagt: hauptsächlich „frau“ – nun froh, eine gute Bohnen-, Kartoffel- und Kürbisernte erzielt zu haben. Am Ende dieser Gartentag wird fast immer gemeinsam gekocht und geschmaust. Kurzum: das gemeinschaftliche Gärtnern bestärkt als Variante einer geselligen gegenseitigen Umweltbildung zugleich die Idee von Ernährungsouveränität und Selbstversorgung und würdigt so gerade auch und besonders die Gärtner*innen auf dem Land. Dazu wird immer wieder auch die interessierte Allgemeinheit eingeladen. In Bad Düben bereitet die Gruppe jetzt – nachdem man ein wunderschönes Sommerfest hinter sich gebracht hat – zum 19. Oktober einen Workshop zum Wassersparen und Brunnenbau vor. Übrigens: dazu kann jeder kommen, den das Thema interessiert, Details auf der Website: https://naturpark-duebener-heide.de/gardening/ Ansonsten hilft die Gartengruppe, wenn es denn wirklich auch mal regnet, der Bahnhofsgenossenschaft Bad Düben, mit der der Garten eng zusammenarbeitet, beim Vorbereiten des Gebäudes für ein am 11./12. Oktober stattfindenes kleines Musikfestival. Auch dazu sind alle eingeladen, Eintritt frei. – Wie es zu den beiden Gemeinschaftsgärten in der Dübener Heide kam, das steht hier: https://naturpark-duebener-heide.de/wp-content/uploads/2019/09/Meyer-Renschhausen-E.-2019-Gemeinschaftsg%C3%A4rten-im-l%C3%A4ndlichen-Raum-und-ihre-Gelingensbedingungen-D%C3%BCbener-Heide-1.pdf

Gartenstadt Staaken: Denkmalschutz statt bezahlbarem Wohnraum?

Gartenstadt Staaken, Berlin-Spandau: Eine Reihe enger Reihenhäuschen in einer baumlos schmalen Straße nach dem Vorbild der Arbeiterhäuser in der Gartenstadt Hellerau. Dahinter das große grüne Geviert der zusammen liegenden schmalen Gärten in ihrer ganzen Vielfallt. Von den schmalen Arbeitswegen sieht man neben verwilderte Gärten viele säuberlich gepflegte. Überall alte Hochhstamm-Obstbäume, dazwischen Gemüsebeete und Blumen, ab und an gackern Hühner. Fast an jedem Haus gibt es eine Werkstatt oder einen Freisitz im ehemaligen Ziegenstall. Die Fenster der kleinen Wohnungen ermöglichen einen Durchblick von den Gärten auf die Straße, sie ähneln den  Reihenhäusern englischer Arbeitersiedlungen.

Leider sei heute das Weitergeben der Wohnungen nicht mehr so leicht möglich, erfahre ich im Gespräch, denn die Gartenstadt Staaken stehe nun unter Denkmalschutz. Auch gäbe es Klauseln im Mietvertrag, die zum Rückbau aller Eigeneinbauten verpflichten. Die anschließend zu erfolgenden Modernisierungen nach heutigen Standards machen die kleinen Wohnungen für die einfachen Arbeiter und Rentnerinnen einfach zu teuer. Während Alteingesessene 400 Euro für ihre Wohnung von etwa 70 qm zahlen, müssten die Neuen bereits 700 Euro zahlen und wer kann das schon? Eine Nachbarin wollte zu ihren Kindern nach Falkensee ziehen.Sie erhielt vom neuen Vorstand die Auflage des kompletten Rückbaus. Sogar die notwendigen Verbesserungen wie das Unterputzlegen von Leitungen oder die Modernisierung von Küchen und Bädern sollten rückgebaut werden Aber wer könne das schon im höheren Alter? Kurzum, die Seniorin ist kreuzunglücklich, weilfinanziell überfordert. Zwar stünde es so im Mietvertrag mit der Genossenschaft, aber ob man die entsprechende Klausel nun so eng auslegen müsse?

1990 verloren die Wohnungsbau-genossenschaften qua Gesetzes-änderung auf Bundesebene die Gemeinnützigkeit und sind ent-sprechend nicht mehr steuerbefreit. Die Genossenschaft der Gartenstadt Staaken ist bei den alten Statuten geblieben, sieht sich intern weiterhin dem sozialen Ideal verpflichtet. Das stand am Anfang des 20. Jahr-hunderts mit Gartenstadt-Siedlungen für die Arbeiter zwecks Hilfe zur Selbsthilfe. Die berühmte erste deutsche „Gartenstadt“ Hellerau bei Dresden, als Siedlung für die Arbeiter einer Fabrikbelegschaft erbaut,  wurde  Beispiel gebend, die Obstbaukolonie Eden war der Vorläufer. Für Staaken ist der soziale Gedanke verbürgt, handelt es sich schließlich um diejenige Selbstversorger-Siedlung, die bauen zu lassen der Arzt, Journalist und Hochschullehrer Max Oppenheimer den Staatssekretär des Inneren, Delbrück überzeugen konnte. Dieser veranlasste, dass die Bahn ein nicht mehr benötigtes Grundstück herausrückte und die Rüstungswerke Spandau die Gartenstadt bauen ließen. Die viele Pazifisten unter den Gartenstadt-Befürwortern waren über diesen Bauherrn allerdings weniger entzückt. Aber Staaken wurde gebaut: kleine Wohnungen und große Gärten. Die Häuschen wurden mit „Gemüseanbaugebot“ an Arbeiterfamilien vergeben. Manche Familien wohnen dort heute bereits in der vierten Generation.

Die Gartenstadt Staaken wurde 1945 nach dem Verschwinden des Staats Preußen in bester Tradition der Gartenstädte eine gemeinnützige Genossenschaft. Das gemeinsame den Bodenbesitzen verhinderte, dass unbedachte Erben mit dem Land spekulieren konnten. Die Bewohnerschaft besaß als Genossenschaft das Grundstück gemeinsam. Daher sind die Wohnungspreise bis heute sehr moderat geblieben. Das ist sinnvoll, denn in Berlin wie auch in Spandau leben nach wie vor ein knappes Viertel der Bevölkerung von Hartz IV. Ein weiteres Viertel der Erwerbstätigen verdient mit Minijobs kaum genug zum Leben, ihre Renten werden unter dem Harz IV-Satz liegen. Nach wie vor verdienen die Berliner im Durchschnitt 1000 Euro weniger als andere Bundesbürger. Berliner Rentnerinnen knapsen knapp an der Existenzgrundlage oder müssen sogar „aufstocken“. Gerade Spandau war immer auch eine Arbeiterstadt und so auch Staaken. Wenn also der heutige Aufsichtsrat der Siedlung den Denkmalschutz zu eng auslegt wirkt das unsozial und schränkt besonders den Bewegungsraum von Witwen ein.

Aber ist nicht die ursprüngliche Vision von ‚Gartenstaat’, eine für alle und für besonders die, die sich mittels Gemüsegarten durch Zeiten von Arbeitslosigkeit hindurch helfen möchten? Ist es sinnvoll, dass nun auch Gartenstädte die Wohnungsnot verschärfen? Ist es wirklich wichtiger an einen Architekt zu erinnern als nicht viemehr an die soziale Idee, die die Siedlung erst ermöglichte? Ist diese Politik des Denkmalschutzes nicht neo-patriachal: nämlich zu erinnern an einen heroischen (männlichen) einzlenen Architekten auf Kosten oder sozialen Idee resp. heute hier lebender älterer Frauen und engagierter Gärtner?

 

  • für Ernährungssouveränität mit Nyeleni

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    „Wir wollen auf die Kleinlandwirtschaft als Kampfbegriff nicht verzichten“. Das hörte ich Januar 2018 bei der Projekte-Vorstellung in der Böll-Stiftung nach „Wir haben es satt“-Demo zum ersten Mal. Nun trafen sich 200 meistens junge Kämpfer~innen für das Recht auf Ernährungssouveränität. Gärtnerinnen, Studentinnen, Bäckerinnen und Kleinbauern und andere Food-Aktivisten wieder. Sie luden ein zu einem ersten regionalen Nyeleni-Treffen für deutschsprachige Raum Anfang Dezember 2018 in Freiburg, Schweizer, Österreicher und Südtiroler dabei. – Bäckerin Anke aus dem Hannoverschen war von dem Treffen beeindruckt. Auch wenn es aus ihrer Sicht etwas wenig Verarbeiter dabei waren. Besonders begeisterte sie die Arbeitsgruppe Technik für Agrarökologie von den Freiburger „Agronauten“. Einfache (Acker-)Geräte u.a., deren Baupläne von den Entwicklern ins Internet gestellt werden, die jeder nachbauen und reparieren kann. „Da muss der Bauer nicht erst Ingenieur werden, um seine Geräte reparieren zu können!“ Hier vielmehr geht’s um Technik als open source. In England und Frankreich sind die entsprechenden Gruppen schon gut etabliert. Denn es sei so viel an einfacher Technik verschwunden. Als kürzlich einige Bauern hier wieder Hirse anbauen wollte, mussten sie feststellen, dass in der ganzen Republik keinen mehr gibt, der noch Hirse schälen kann.  Aber es sind kleine Techniken wie Bauern-Bäcker-Mühlen die finanzierbar sind  und die Kreisläufe klein halten. Zu große Anfangsinvestitionen hingegen verunmöglichen kleinere Betrieb neu einzurichten.

    Der Kongress begann mit einer öffentlichen Abend-Veranstaltung im Audimax der Freiburger Universität: „Essen. Macht. Glück,“ zur Forderung nach Ernährungssouveränität für die anstehende Transformation. Am zweiten Tag wurde via Exkursionen die vielfältige Agrarszene von Freiburg und Umgebung vorgestellt bis hin zu den Saatguterhaltenden Gärten im Kaiserstuhl. Freiburger Gemeinschaftsgärten arbeiten erfolgreich mit Flüchtlingen… Am nächsten Tag berichteten die teilweise von weither angereisten Tagungsteilnehmer sich begeistert gegenseitig davon.

    Am dritten Tag ging es in der Turnhalle und einigen Klassenräumen in einer Waldorfschule „theoretisch“ weiter, d.h. es wurde in Kleingruppen zu unterschiedlichen Themen gearbeitet. Es ging es um Themen wie „Ernährungssouveränität gesetzlich verankern“, „Saatgut als Allmende“  oder den Zusammenhang zwischen Klima und Ernährungsweise. Was können Ernährungsräte für die kleinbäuerliche Landwirtschaft tun? war eine andere Frage etc. etc. Im Hintergrund wurde mit regionalen Produkten vegan gekocht“.  Brot aus Sauerteig, Bärlauchmargarine, Linsen-Pesto und Früchteriegel ohne alle Chemie- und Zucker-Zusätze, ausschließlich aus fair gehandelten, ökologischen Beeren und Datteln.

    Die Agronauten organisierten auch eine Arbeitsgruppe „access to land“ und hatten Referentinnen aus mehreren Ländern dazu geladen. Denn Europaweit sind die meisten Bauern über 50 und stehen vor keiner geregelten Hofnachfolge. Die wenigsten kommen von allein darauf, ihren Hof jenen jungen Agrar-Studierenden anzubieten, die keinen Hof erben werden. Dafür braucht es Vermittlergruppen, die sogar anonym arbeiten müssen, damit vor einer ev. anstehenden Hofübergabe die Nachbarn nicht sofort versuchen, das Land zu übernehmen.Meike aus Bern arbeitete über Jahre an einer Erhebung zur Landwirtschaft in Europa. Sie erinnerte daran, dass nicht nur in der ganzen Welt sondern auch in Europa, das meiste Essen von kleinbäuerlichen Höfe stammt, dass in Rumänien 70 % der Höfe unter 5 Ha groß  sind und generell auch in ganz Europa die Durchschnittsgröße der Höfe bei gerade mal 14 Hektar liegt.

    Biobauer Wolfgang berichtete von der Landlosenbewegung in Brasilien, die er seit Jahrzehnten unterstützt, die erfolgreich mithilfe der Gesetze über Hunderte von Hektar unter die Hacke nehmen konnten, jedoch durch die neue Regierung wieder gefährdet sind. Meike aus Bern arbeitete über Jahre an einer Erhebung zur Landwirtschaft in Europa. Sie erinnerte daran, dass nicht nur in der ganzen Welt sondern auch in Europa, das meiste Essen von kleinbäuerlichen Höfe stammt, dass in Rumänien 70 % der Höfe unter 5 Hektar haben und generell in ganz Europa die Durchschnittsgröße der Höfe bei gerade mal 14 Hektar liegt…

    Weiterlesen in der „Bauernstimme“ Nr.1 /2019, S. 20

    und hier: http://nyeleni.de/kongress-fuer-ernaehrungssouveraenitaet/

    Die neue Landflucht

    Jeder siebte ist unterwegs. Auf der Flucht vor Krieg oder Dürren, die ihre Landwirtschaft zerstörten. Oder weil Überschwemmungen Ernten und Höfe weggespülten. Wir erleben derzeit noch nie da gewesene Massenfluchten. Im Durchschnitt setzen sich jährlich 26,4 Millionen nur in Folge des Klimawandels in Bewegung. Extremwetter und Umweltschäden vertreiben sie aus ihrer Heimat und damit oft in jahrelanges Elend. Die Eskimos, Inuit, die von Kanada bis Sibirien durch das Abschmelzen der Gletscher zum Abwandern gezwungen werden, sind in den Städten meistens erwerbslos. Zum Verlust der Heimat kommen für die meisten Flüchtlinge im Aufnahmegebiet Diskriminierungs-Erfahrungen hinzu: die Fukushima-Evakuierten etwa wurden von den anderen Japanern wie Aussätzige gemieden. Immigration großer Gruppen kann für die meistens selbst armen Gastgesellschaften zu großen Belastungen führen…

    Das Leugnen des Klimawandels kann Kriege auslösen. Subsahara-Afrika ist vom Austrocknen der Sahelzone bedroht. Die Hirtenvölker kommen verstärkt und immer länger in die Regionen der Bauern. Was dann etwa in Ghana und in vielen anderen Teilen Afrikas zu einer Übernutzung der Böden führt. Gewaltsame Konflikte sind die Folge. Die Dafur-Region des Sudans erlebte Jahrzehnte andauernde Stammes-Streitereien um Land und Wasser. Es kommt so zudem zu der paradoxalen Entwicklung, dass  Klimawandel und Klimakonflikte die traditionellen Wanderbewegungen der Hirten in Afrika und Innerasien zunehmend in Frage stellen. Immerhin haben einige Westafrikanische Staaten nun ein Abkommen, dass ihren Pastoralisten erlaubt, dem Regen hinterher zu ziehen und dabei auch ungehindert die Grenzen überschreiten zu dürfen.

    In Syrien trieb eine mehrjährige extreme Dürre zahllose Bauern in die Städte, wo sie sich arbeitslos an den Protesten gegen das Regime beteiligten. Die rasante Urbanisierung führt zu immer größeren Slums mit wachsenden Hygieneproblemen und als deren Folge Seuchen. Nur wenige Länder wie Bangladesh, Guinea-Bissau und Mali haben ihre Landwirtschafts- und Fischereimethoden verändert, um die problematische Urbanisierung zu verlangsamen. In Afrika hat man mit der Kampala-Konvention (2009/12) einen rechtlichen Rahmen zum Schutz von Binnenflüchtlingen, die durch Naturkatastrophen zur Flucht gezwungen wurden, geschaffen.

    Migration hat natürlich oft auch gute Seiten. Die Mittel, die Wanderarbeiter aus der Ferne schicken, helfen den Daheimgeblieben beim Überleben, u.U. sogar dabei, Böden wiederaufzubauen. Der Atlas der Umweltmigration stellt die Migration infolge des Klimawandels an wichtigen Beispielen übersichtlich dar. Was fehlt ist ein Register. Dieser neue Umweltatlas des weltweiten Wanderns gehört in jede Schul- und Unibibliothek.

    Atlas der Umweltmigration von Dina Ionesco, Daria Mokhnacheva, Francois Gemenne, Oekom Verlag München 2017, 170 Seiten, 22,70 € (Orig.: London 2017 )

    Gemeinsam Ackern in Allmenden

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    Ein sonnendurchfluteter Jugendstilhörsaal mit knarrenden Bänken: Farida Akhter aus Bangladesh singt die Lieder der Kleinbäuerinnen von Nayakrishi Andolon. Edie Stone erzählt vom Verteidigungskampf der Community Gardeners in New York City und Brigitte Vogl-Lukasser aus Wien über die Hausgärten als Wohnzimmer der Mayas. Bauer Christian Hiß berichtet in kaum verständlichem Alemannisch von seinem Gemüsegarten am Kaiserstuhl und Krankenpfleger Wolfgang Eisenberg von seinem Nebenerwerbshof im Wendland. Im Hintergrund erzählen die Fotos von den Internationalen Gärten in Göttingen…

    Als im Jahr 2000 in Berlin an der Landwirtschaftlich-Gärtnerischen Fakultät die Konferenz „Kleinstlandwirtschaft und Gärten in Stadt und Land als weibliche Ökonomie“ stattfand,sollte mit dem Terminus „weibliche Ökonomie“ auf die Zuständigkeit von Frauen für Überlebens- und Krisenwirtschaften hingewiesen werden. Damals ahnte niemand, dass das Thema nur ein Dutzend Jahre später unten dem Label Urban Gardening zu einem Medienhype werden würde. Keine von uns hätte damals gedacht, dass Berlin fünfzehn Jahre später – wohl nur für einen kurzen Moment der Geschichte – zu einer Art europäischer Hauptstadt der Gemeinschaftsgärten avancieren würde.

    Zur Jahreswende 2003/2004 wurde als Ergebnis einer Tagung in Berlin-Köpenick die Stiftung Interkultur mit dem Ziel geschaffen, die Gründung „Interkultureller Gärten“ voran zu treiben. Zugleich entstand nach dem Vorbild der 1996 in Göttingen gegründeten ersten „Internationalen Gärten“ ein interkultureller Garten in Berlin-Köpenick. Die deutschen Medien berichteten seit 2009 zunehmend über interkulturelles Gärtnern und städtischen Gemüseanbau. Artikel wie „Kräuter gegen die Krise“ oder „Gurken statt Kapitalismus“ passten zur Tatsache, dass in den USA die Gattin des eben gewählten neuen Präsidenten, Michelle Obama, nach Aufforderung von Slow Food und amerikanischen Community Gardeners in ihrem Hausgarten am Weißen Haus in Washington einen Gemüsegarten einrichtete, in dem sie zusammen mit den Schulkindern der benachbarten Bancroft-Grundschule gärtnert. Als im gleichen Jahr mitten in Berlin-Kreuzberg die Prinzessinnengärten gegründet wurden, war die Zeit jedenfalls reif für ein solches Projekt. Plötzlich interessierten sich alle für das neue Gärtnern in Kisten. Die Prinzessinnengärten wurden über Nacht zum Medienstar… Bals verzeichnete eine Berliner „Gartenkarte“ nahezu hundert neuere Gemeinschaftsgärten bzw. Projekte der urbanen Landwirtschaft im engeren Sinne.

    Auch das im April 2011 auf dem Tempelhofer Feld entstandene „Allmende-Kontor“ ist zusammen mit den anderen Gemeinschaftsgärten dort zum absoluten Medienstar geworden, es wird wieder und wieder abgebildet, meistens, ohne das Ross und Reiter  genannt würden. Im Buch „Urban Gardening in Berlin“ (BeBra verlag Berlin 2016) sind die meisten dieser grünen Erzeugnisse von Berliner Bürgerengagement. sozusagen mit vollem Namen sowie Kontakt- resp. Lage-Adresse geannt. Das Allmende-Kontor ließ das verregnete Garten-Jahr mit einem gemeinsamen Kompostworkshop, einem tapferen Smoothiemachen per Rad und einem feierlichen Zeltdachabbauen zu edlem Fruchtpunsch ausklingen…

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    Kleinlandwirtschaft als Sozialpolitik

    In immer mehr Städten der Welt werden kommunale Landwirtschaftsprogramme aufgelegt. Um die lokale Bevölkerung vor Hunger zu bewahren oder ihr die Möglichkeit zu geben, sich aus eigener Hände Arbeit selbst ernähren zu können. Durch den Verkauf der Überschüsse auf den lokalen Gemüsemärkten tragen die Stadtbauern zur Versorgung der Bewohnerschaft des entsprechenden Quartiers mit frischem Gemüse bei. Positive Beispiele sind Rosario in Argentinien, Quito in Ecuador, Nairobi in Kenia und viele andere mehr, wie eine „Urban Farming Konferenz“  in Berlin im September zu Tage  brachte.

    Tatsächlich ist die Förderung von Kleinlandwirtschaft als sozialpolitischer Maßnahme in Zeiten von Dauerkrisen mit geringem Lohnniveau oder hoher Erwerbslosigleit nichts Neues in der Geschichte. Vielmehr hat es die staatliche Förderung von „individueller Hauswirtschaft“ überall im sozialistischen Osteuropa gegeben. Das war u.a. in der ehemaligen DDR der Fall, als die „private Hauswirtschaft“ die LPG-GenossInnen motivierte, auf dem Land und im Dorf zu  bleiben. Heute wählen ländlich geprägte Regionen reihenweise Protestparteien, weil ihnen eine sinnvolle Tätigkeit abhanden gekommen ist. Angesichts dessen, dass die Regionen zudem infolge der Abwanderung der Jugend mit den Menschen die Lebensqualität verlieren, wäre es wohl angebracht, über Landwirtschaftspolitik als Sozialpolitik erneut nachzudenken. Im Deutschlandarchiv, Heft 4, Jahrgang 2005, 607-612 habe ich einen Überblick zur Politik der Kleinlandwirtschaft vor 1989 verfasst.

    Meyer-Renschhausen, Elisabeth (2005) Kleinstlandwirtschaft in der Regionalpolitik

    Urban Gardening strebt aufs Land

    AnnaLindeEinsEMR VorhandeneProjekteKennenLernenEMR MöglicheFlächenErkundenGniesterSchweizEMR PottenBeiDerBahnhofsGenossenschaftBadDübenEMRMittels verschiedener Workshops im Rahmen des Naturparks Dübener Heide e.V. prüfen derzeit Gartenbegeisterte aus Stadt und Land, ob das Phänomen des derzeit allseitig bestaunten „Urban Gardenings“, also der gemeinschaftlichen Gärtnerei auch auf dem Land eine Chance hat. Insofern es beim Urban Gardening um kollektive Weiterbildung geht in Richtung eines Klima-neutralem und giftfreiem Essens sollte dem eigentlich nichts entgegen stehen. Und die Rückbesinnung auf regionale Eigenarten und traditionelles Wissen und „local food“ hat ebenfalls die meisten bereits überzeugt. So begann man nach einem theoretischen Auftaktworkshops mit einer Exkursion zum bekannten Gemeinschaftsgarten AnnaLinde in Leipzig. Zudem besuchte das Team die im Land bereits vorhandenen Projekte ähnlicher Ausrichtung wie z.B. Mischkultur e.V. in Gniest. Auf der Suche nach geeigneten Flächen streift man so durchs Land und lernt wunderbar verwunschene Orte kennen, geeignet für spannende Experimente aller Art. Zwischenzeitlich mussten die dem Vorhaben bereits zugewachsenen Pflänzchen umgetopft werden. Hoffentlich müssen sie das nicht allzu oft. Aber bevor die Setzlinge an ihren endgültigen Bestimmungsort kommen können, möchten die Projekt-Beiräte erst alle Möglichkeiten nach geeigneten Garten-Orten sorgfältig gesichtet haben. Dazu sucht man auch und besonders nach experimentierfreudigen „Pfadfindern“ und Gemüsefreaks aller Art, Umweltschützern, Naturfreunden und Gartenfreunden, die vielleicht Interesse und Zeit hätten, für kürzer oder länger eine Weile dabei zu helfen und mitzumachen. Bei Interesse bitte melden: torsten.reinsch@naturpark.duebener-heide.de

    weiterlesen hier:UrbanGardeningInBadDüben.pdf

    und hier: Paula Passin

    Gerda Münnich (1939 – 2017)

    GerdaMünnichbeiderAGKleinstlandwirtschaft2007EMRDie Berliner Gartenaktivistin Gerda Münnich starb am 12. April 2017 im 78. Lebensjahr. Geboren wurde sie am 4. Oktober 1939 im Spreewald. Im Bild sieht man sie auf einer Sitzung der AG Kleinstlandwirtschaft im ersten Interkulturellen Garten auf dem noch wilden Gleisdreieck 2006 ganz rechts. Sie gehörte zu den bekanntesten Gemeinschaftsgarten-Gründerinnen Berlins. Gerade bereitete sie mit großem Einsatz ihre berühmte Garten-Bustour zum nächsten „Langen Tag der Stadtnatur“ vor, wo es diesmal ganz besonders um das Tempelhofer Feld mit der Kleingartenkolonien Tempelhofer sowie Neuköllner Berg sowie gefährdete Gärten und Bürgergrüns in Neukölln und Marzahn gehen sollte. Im letzten Jahr beriet Gerda Münnich als Vertreterin der Berliner Gartenszene das „Klimagärten“-Projekt an der Humboldt-Universität, wo sie zugleich im Projekt-Beirat war. Für das „Allmende-Kontor“ hat sie unendlich viele Schüler-Gruppen und Studierende empfangen und ihnen den Garten und sein Anliegen erklärt.

    Ein Nachruf erschien am 21.4. in der taz – die tageszeitung: Gerda Münnich taz

    weitere siehe http://www.schattenblick.de/infopool/buerger/report/brri0065.html

    und hier: http://www.tempelhoferfeld.info/

    Landwirtschaft zwecks Ernährung?

    KleinbäuerinnenMitEinkommenFotoEMRDieHauptstadtgärtnerAufDerGrünenWocheEMRBodenLebenLassenFotoEMR„W130TreckerInBerlinFotoEMRir haben es satt“ 130 Trecker in Berlin, 20.000 Demonstranten bereits zum siebten Mal: Macht endlich Schluß mit der zerstörerischen Landwirtschaftspolitik, die die Umwelt und ja eigentlich noch nicht einmal nur die Böden, sondern die ganze Erde zerstört! Auf der Grünen Woche in der Halle des Ministeriums für Wirtschaft und Entwicklung ein ganz anders Bild: Die Bedeutung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft als Einkommensquelle und Prävention gegen Migration Richtung Europa wird endlich, nun, da es fast zu spät ist,  anerkannt. Der Entwicklungsminister zeigt sich mit Kleinbäuerinnen und Köchen aus Kenia, Äthiopien oder Burkina Faso. Die kirchlichen Entwicklungshilfe-Organisatonen „Brot für die Welt“ und „Misereor“ treten erstmals auf der Grünen Woche auf. Beide treten für eine Umwelt- und Menschenverträgliche Ernährungsform ein, die den ökologischen Fußabdruck unseres täglichen Brots auf den Level reduziert, der in Afrika (noch) Gang und Gebe ist und die einzige Variante, unsere Erde nicht zu zerstören. Die Autorin gibt zu, dass sie überrascht war, im Maßspiel von „Brot für die Welt“ als sozusagen „low budget“ Verbraucherin eingestuft zu werden, AufKleinemÖkologFussAbdruckLeben3kldie sich im Prinzip mit kaum einem viel größeren ökologischen Fußabdruck ernährt, als die meisten.Menschen des globalen Südens. Kaum Fleisch oder Fisch, kein Fertigfutter, sondern saisonal, regional, fairtrade und bio – das geht in Berlin mit seinen vielen Wochenmärkten, Biobauern und Bioläden leicht.

    Urban Gardening, städtische Agrarkultur oder Landwirtschaft war das Thema am Stand nebenan bei der Entwicklungshilfsorganisation Misereor. In den Megastädten des globalen Südens mit ihrer notorischen Arbeitslosigkeit für die meisten der Bewohnerinnen ist der systematische Gemüseanbau „ohne Gift und Geld“ für die Selbstversorgung eine Überlebenshilfe und Notwendigkeit. Noch besser ist es, wenn die Garten-Grundtücke groß genug ist, so daß auch für den Straßen-Verkauf oder den lokalen Gemüsemarkt produziert werden kann: in Belo Horiconte in Brasilien helfen die Gärtnerinnen sich gegenseitig im Rahmen einer Kooperative. Diese Form der „urban agriculture“ bringt so den Einen ein kleines Einkommen und den Anderen auch in Armenvierteln bezahlbares frisches Grün mit dem Aroma des natürlich Gewachsenen und frisch Geernteten auf den Tisch.

    Das wunderbare „Green Me Global Festival For Sustainability“ litt leider offenbar an der Terminhäufung: Bisher immer sehr gut besucht, fanden sich in diesem Jahr, GreenMeFestivalFotoEMRklda die meisten Berliner Öko-Aktiven wohl noch auf der Grünen Woche am Sich-vernetzen-waren, unangemessen wenige Besucher ein. Das ist schade, denn auch wenn der Eröffnungsfilm „Bevor the Flood“ von Fischer Stevens, obschon sehr informativ,  etwas traurig und dröge war, waren andere Filme, wie besonders derjenige aus und über Nigeria „Nowhere to run: Nigeria´s Climate and Environmental Crisis“ von Dan McCan, ausgesprochen erhellend und sehenswert. Boko Haram ist eben auch ein Ergebnis des vom globalen Norden verursachten Klimawandels und der rücksichtslosen Agrarpolitik des IWF, der USA oder der Europäischen Union mit den Folgen wie einem ausgetrockneten Taschadsee und einer riesigen Erwerbslosigkeit und also oft auch Aussichtslosigkeit in Stadt und Land, zumal für Jugendliche. Erschreckend wirkte auf die Autorin besonders ein Dokumentarfilm übers Fracking: „Groundswell Rising – Protecting our Childrens Air & Water“ von Renard Cohen. Er zeigt die Bürgerproteste gegen die rücksichtslose Zerstörungen von Trinkwasserquellen und ganzen Landschaften durch das Fracking in den USA, das brutalst Bergtäler oder Dörfer vernichtet, das Grundwasser und so auch Kleinkinder vergiftet. Immerhin konnten die Bürgerproteste im Einzugsgebiet des Delaware River weitere Frackingbohrungen verhindern.

    Die Gärten von Marrakesch

    majorellegartencemr marokosgaertenklcemr kleinbauerngemueseindermedinacemrMarokko ist ein fast märchenhaftes Gartenland. Da, wo es am Westabhang Bergketten regnet, oder wo man aus den Bergen Bewässerungskanäle abführen kann, dort gibt es Gärten. Gemüsegärten, Bauerngärten, Olivenhaine, berberzeltinandrehellercemrWeingärten, Stadtparks, überall gibt es Gärten, zu den großen Städten gehören überall blühende oder Früchte tragende Stadtbäume, Parks und Hausgärten. Die klassische Hausform, das „Riad“, was eigentlich Garten heißt, ist ein schön bepflanzter Innenhof mit Brunnen in der Mitte. Es handelt sich um  jene grünen Innenhof-Gärten, die Araber und Berber Marokkos von den Ägyptern, Persern und Griechen der Antike übernommen haben. Die Hotels von und bei Marrakesch sind grüne Oasen, das berühmte La Mamounia Hotel beschäfftigt über 60 Gärtner, jede reiche Villa ist umgeben von einem großen, üppigem Garten. Allerdings sind die öffentlichen Gärten derzeit gefährdet. Mancher große Stadtpark wie jener von Meknes wurden auch schon mal komplett in eine Golfanlage verwandelt und so dem Volk entzogen. Und der Klimagipfel von Marrakesch fand in einem traurig vertrockneten Olivenhain statt – gleich neben dem berühmten Menara-Garten. Einst war die Stadt Marrakesch stolz darauf, bereits seit dem 12. Jahrhundert von einem ausgeklügelten System von Bewässerungskanälen zu leben, die außer Menschen und Tieren auch die berühmten Palmenhaine der Stadt mit Wasser versorgten. Aus den nahe gelegenen Atlasbergen, an deren dem Atlantik zugewandten Hängen es stets ausreichnend regnet, kam immer genug frisches Wasser. Die Palmenhaine versorgten die Stadtbewohner mit guter Luft, ein wenig Kühlung im Schatten und Auslauf im Grünen. Die Ackerbürger und Hirten unter ihnen versorgten sie mit Arbeitsplätzen bzw. Beschäftigungs-und Selbstversorgungsmöglichkeiten. Aber der Bauboom der letzten Jahre ließ viele der Palmenhaine vertrocknen. Zum Welt-Klimagipfel in Marrakesch im November 2016 wurden im Innenstadt-nahen-Bereich einige der kleineren Stadtparks rings um die Medina wieder neu instandgesetzt und sie sind – auch wenn sie nachts geschlossen werden – für alle, auch die vielen jugendlichen Erwerblosen, zugänglich. Viele Straßenränder wurden liebevoll bepflanzt. Aber die weitere Umgebung der Stadt leidet unter Wassermangel und vertrockneten Gärten und Palmen. Die heute schönsten Gärten von Marrakesch wie der Jardin Majorelle oder der Garten „Anima“ von Andre Heller sind privat geführt und nur nach Bezahlung eines Eintrittsgeldes zugänglich. Und so sind sie für die meisten Marrokkaner und Marokkanerinnen mit Stundenlöhnen, die nur knapp über einem Euro liegen, bei um die 200 Euro im Monat, nicht zugänglich.