Gemeine Partizipation: Feldkoordination

Berlin: Am 7. November werden in der Alten Zollgarage des Flughafengebäudes, erneut die Feldkoordinatoren für das Tempelhofer Feld gewählt. Das ehemalige Flugfeld und die vormalige Weide des früheren Dorfs Tempelhof soll als neue Form einer Gemeinheit (engl. common oder amerik. commons) von dafür eigens gewählten Bürgern und Bürgerinnen gemeinsam als Park resp. klimarelevante offene Freifläche entwickelt werden. Die bisherige Bürgervertretung würde sich freuen, wenn sich viele interessierte Bürger und Bürgerinnen aufmachten und am Wahlakt beteiligten, mit dem für weitere drei Jahre die Feldkoordinatoren aus der Bürgerschaft Berlins bestimmt werden. Auf dieses Beteiligungsmodell ist man in Berlin seitens Politik und Verwaltung sehr stolz, es gilt als einmalig und weltweit wegweisend. Denn wesentlich die Bürger sollen entscheiden, was aus dem Feld wird, also wie viel(e) freie Fläche, Bäume, Schafe und Gemeinschaftsgärten, Spielflächen, Bänke, WC-Häuschen oder Skaterbahnen und Sozialprojekte das Gelände braucht, um der Allgemeinheit der Berliner und ihrer Besucherinnen optimal dienen zu können.

Die Arbeit als Feldkoordinatorin ist nicht un-zeitaufwendig, fünf bis sechs Stunden pro Woche und möglichst mehr, muss so eine Feldkoordinator für die Sitzungen, deren Vorbereitungen und das Lesen der entsprechenden Unterlagen wie u.a. der Protokolle etc. schon einrechnen. Und anstrengend ist die Mitarbeit in der Feldkoordination, insofern die Gier der Bauindustrie nach neu zu bebauenden jungfräulichen Flächen seit der letzten Finanzkrise 2007 unendlich ist und der Druck, den sie auf die Politik ausübt, sich bis in die Berliner Verwaltung hinein fortsetzt. Dank geschicktem Lobbying der Bau- und der dahinter steckenden Finanzindustrie, meinem sogar einige Grüne Abgeordnete, man müsse über eine eventuelle „Randbebauung“ des Tempelhofer Feldes erneut nachdenken, statt das geldpolitisch bedingte Spekulieren mit Häusern und Wohnungen anzugehen. Und das trägt sich in die Feldkoordinatorenschaft hinein. Die dann etwa, wenn einer ihr 200 Obstbäumchen schenken will, gewissermaßen gellend aufschreit und vermutet, dass am Tag nach der Baumsetzung die Bauindustrie dieses Buddeln für ihre Zwecke nutzen könnte… Eine derartige Streiterei um Bäume, in Zeiten da wir Schatten brauchen, ist jedoch eher unfruchtbar und ungesund. Sie frisst kostbare Zeit, die für Kreativeres genutzt werden könnte. Wie z.B. wäre zu erreichen, dass eine so riesige Fläche wie ein Parkplatz für Flugzeuge aus der Nazizeit am Empfangsgebäude vom Denkmalschutz (offenbar zugunsten von Autorennen)  wieder entbunden wird? Wie wäre zu erreichen, dass soziale Arbeit, die  ohnehin meistens nur mager entlohnt wird, nicht mit reinen Gewerbebetrieben wie etwa einem E-Roller-Verleih in einen Topf gesteckt wird? Wie kann man den ausgegliederten Behördenteil namens Grün Berlin GmbH besser kontrollieren, da er als „Privatbetrieb“ mit „Geheimhaltspflicht“-Argumenten die Bürgerkontrolle ständig unterläuft? Dazu kommt die Frage, wie man das Tempelhofer Feldgesetz so auslegen kann, dass es soziale und sozialpädagogische Projekte auf dem Feld besser fördert und unterstützt. Denn das wunderbare Tempelhofer Feldgesetz krankt an einem Freizeitbegriff, der das Nachdenken über eine neue städtische Agrarkultur eher aus- denn einschließt. Selbsthilfe, Eigenarbeit und Selbstversorgung als „privates“ Agieren zu verstehen, sollte jedoch fragwürdiges Privileg der Verwaltung blieben. Bürgerengagement sollte wissen, dass die Subsistenzarbeit der Ärmsten und kreativer Prekärer nur dann erfolgreich ist und sein kann, wenn sie in Form von kooperativem Handeln erfolgt, das die (All-)Gemeinheit anregt und einschließt, hin sozusagen zu einer „Stadt der Commonisten“, wie ein Buch der Anstiftung München betitelt ist. Wir brauchen in Berlin keinen „Central Park“, sondern in der Tat ein offenes Feld, das – indem es auch für alle Arten gemeinwohlorientierte Bürger-Projekte offen ist – sich den Klimawandelfragen optimal stellt. Das „Haus 104“ als Haus der Eigenarbeit, Umweltbildung und Kommunikation, geschaffen von und in den Händen der Feldkoordinator*innen, ist diesbezüglich ein guter Anfang.

Darüber hinaus ist es Arbeit genug, den Politikern klarzumachen, dass die gerne besprochene „sozialverträgliche“ „Randbebauung“ alle Bürgerprojekte auf dem Feld und ihre gesamte zumindest tausend-stündige ehrenamtliche Arbeit zu Makulatur werden lassen würde: alle neugepflanzten Bäume würden fallen, kein Allmende-Garten bliebe, kein „Stadtacker“ und auch kein Schillerkiezgarten…

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Andrea Baier, Christa Müller, Karin Werner, Stadt der Commonisten – Neue Räume des Do it yourself, Bielefeld: Transcript 2015

Gartenstadt Staaken: Denkmalschutz statt bezahlbarem Wohnraum?

Gartenstadt Staaken, Berlin-Spandau: Eine Reihe enger Reihenhäuschen in einer baumlos schmalen Straße nach dem Vorbild der Arbeiterhäuser in der Gartenstadt Hellerau. Dahinter das große grüne Geviert der zusammen liegenden schmalen Gärten in ihrer ganzen Vielfallt. Von den schmalen Arbeitswegen sieht man neben verwilderte Gärten viele säuberlich gepflegte. Überall alte Hochhstamm-Obstbäume, dazwischen Gemüsebeete und Blumen, ab und an gackern Hühner. Fast an jedem Haus gibt es eine Werkstatt oder einen Freisitz im ehemaligen Ziegenstall. Die Fenster der kleinen Wohnungen ermöglichen einen Durchblick von den Gärten auf die Straße, sie ähneln den  Reihenhäusern englischer Arbeitersiedlungen.

Leider sei heute das Weitergeben der Wohnungen nicht mehr so leicht möglich, erfahre ich im Gespräch, denn die Gartenstadt Staaken stehe nun unter Denkmalschutz. Auch gäbe es Klauseln im Mietvertrag, die zum Rückbau aller Eigeneinbauten verpflichten. Die anschließend zu erfolgenden Modernisierungen nach heutigen Standards machen die kleinen Wohnungen für die einfachen Arbeiter und Rentnerinnen einfach zu teuer. Während Alteingesessene 400 Euro für ihre Wohnung von etwa 70 qm zahlen, müssten die Neuen bereits 700 Euro zahlen und wer kann das schon? Eine Nachbarin wollte zu ihren Kindern nach Falkensee ziehen.Sie erhielt vom neuen Vorstand die Auflage des kompletten Rückbaus. Sogar die notwendigen Verbesserungen wie das Unterputzlegen von Leitungen oder die Modernisierung von Küchen und Bädern sollten rückgebaut werden Aber wer könne das schon im höheren Alter? Kurzum, die Seniorin ist kreuzunglücklich, weilfinanziell überfordert. Zwar stünde es so im Mietvertrag mit der Genossenschaft, aber ob man die entsprechende Klausel nun so eng auslegen müsse?

1990 verloren die Wohnungsbau-genossenschaften qua Gesetzes-änderung auf Bundesebene die Gemeinnützigkeit und sind ent-sprechend nicht mehr steuerbefreit. Die Genossenschaft der Gartenstadt Staaken ist bei den alten Statuten geblieben, sieht sich intern weiterhin dem sozialen Ideal verpflichtet. Das stand am Anfang des 20. Jahr-hunderts mit Gartenstadt-Siedlungen für die Arbeiter zwecks Hilfe zur Selbsthilfe. Die berühmte erste deutsche „Gartenstadt“ Hellerau bei Dresden, als Siedlung für die Arbeiter einer Fabrikbelegschaft erbaut,  wurde  Beispiel gebend, die Obstbaukolonie Eden war der Vorläufer. Für Staaken ist der soziale Gedanke verbürgt, handelt es sich schließlich um diejenige Selbstversorger-Siedlung, die bauen zu lassen der Arzt, Journalist und Hochschullehrer Max Oppenheimer den Staatssekretär des Inneren, Delbrück überzeugen konnte. Dieser veranlasste, dass die Bahn ein nicht mehr benötigtes Grundstück herausrückte und die Rüstungswerke Spandau die Gartenstadt bauen ließen. Die viele Pazifisten unter den Gartenstadt-Befürwortern waren über diesen Bauherrn allerdings weniger entzückt. Aber Staaken wurde gebaut: kleine Wohnungen und große Gärten. Die Häuschen wurden mit „Gemüseanbaugebot“ an Arbeiterfamilien vergeben. Manche Familien wohnen dort heute bereits in der vierten Generation.

Die Gartenstadt Staaken wurde 1945 nach dem Verschwinden des Staats Preußen in bester Tradition der Gartenstädte eine gemeinnützige Genossenschaft. Das gemeinsame den Bodenbesitzen verhinderte, dass unbedachte Erben mit dem Land spekulieren konnten. Die Bewohnerschaft besaß als Genossenschaft das Grundstück gemeinsam. Daher sind die Wohnungspreise bis heute sehr moderat geblieben. Das ist sinnvoll, denn in Berlin wie auch in Spandau leben nach wie vor ein knappes Viertel der Bevölkerung von Hartz IV. Ein weiteres Viertel der Erwerbstätigen verdient mit Minijobs kaum genug zum Leben, ihre Renten werden unter dem Harz IV-Satz liegen. Nach wie vor verdienen die Berliner im Durchschnitt 1000 Euro weniger als andere Bundesbürger. Berliner Rentnerinnen knapsen knapp an der Existenzgrundlage oder müssen sogar „aufstocken“. Gerade Spandau war immer auch eine Arbeiterstadt und so auch Staaken. Wenn also der heutige Aufsichtsrat der Siedlung den Denkmalschutz zu eng auslegt wirkt das unsozial und schränkt besonders den Bewegungsraum von Witwen ein.

Aber ist nicht die ursprüngliche Vision von ‚Gartenstaat’, eine für alle und für besonders die, die sich mittels Gemüsegarten durch Zeiten von Arbeitslosigkeit hindurch helfen möchten? Ist es sinnvoll, dass nun auch Gartenstädte die Wohnungsnot verschärfen? Ist es wirklich wichtiger an einen Architekt zu erinnern als nicht viemehr an die soziale Idee, die die Siedlung erst ermöglichte? Ist diese Politik des Denkmalschutzes nicht neo-patriachal: nämlich zu erinnern an einen heroischen (männlichen) einzlenen Architekten auf Kosten oder sozialen Idee resp. heute hier lebender älterer Frauen und engagierter Gärtner?

 

  • Sommercamp der Gemeinschaftsgärten

    Die Interkulturellen Gemeinschaftsgärten trafen sich zu ihrem alljährlichen Vernetzungstreffen resp. Sommercamp diesmal im Garten Neuland in Köln. Am ersten September-Wochenende führte bei schönstem Wetter interessante Spaziergänge, Radtouren oder auch solche mit der Straßenbahn zu den verschiedenen Gartenprojekten der Millionenstadt am Rhein. Die Stadt Köln unterstützt die Gärten im Rahmen der Idee „essbare Stadt“ und die Kölner Gemeinschafts-Gärten waren maßgeblich daran beteiligt, den Kölner Ernährungsrat mitzugründen.
    mehr siehe hier http://www.neuland-koeln.de/ und hier: https://anstiftung.de/

    Bodenfragen? Humusrevolution!

    Unsere Landwirtschaftspolitik ist bodenlos. Von Herren bestimmt und Ökonomie-fixiert – die ersten Frauenrechtlerinnen von 1900 wie Helene Lange hätten gesagt: „einseitig männlich.“ Dem widerspricht nicht, dass sich die Kanzlerin sich von der großen Industrie mal wieder rumkriegen ließ. Und der Zustimmung zum Ackergift Glyphosat entgegen der Koalitionsvereinbarungen und dem Votum der Umweltministerin Hendricks offenbar mitzuverantworten hat… – Es war Anfang der 1990er Jahre, als der Fortschrittskritiker Ivan Illich und der Freiburger Germanist Uwe Pörksen zusammen mit der alten Nonne Mother Jerome von Regina Laudris die „Bodenlosigkeit“ unseres Umgangs mit unseren Mutterböden thematisierten. Es war eine wunderbare Konferenz in einem nordostamerikanischem Kloster. Die Benediktinerinnen bewirteten uns ausschließlich mit Lokalem wie etwa selbstgemachtem Käse. Das Kloster war zeitweilig Zufluchtsort erledigter Hippies, die mal eine Auszeit brauchten.

    Ergebnis war: Die Landwirtschaftspolitik der jüngsten Zeit zerstört die Erde mitsamt dem Klima. Sie ist für die Menschheit nicht länger tragbar. Die Agrarindustrie zerstört die zarte Humushaut, die den Globus umgibt und Garant für die Fruchtbarkeit unserer Erde ist. Die Zwangsfütterung der Menschen mit Fleisch aus Massentierhaltung verschlingt die Hälfte der weltweiten Getreideerzeugung. Die Produktion sogenannter Bio-Energie vertilgt Wälder, verbraucht die Äcker und zerstört die Subistenzwirtschaften der Indonesier. Mais- oder Palm-Monokulturen zerstören die Biodiversität, so dass künftige Agrarkultur fraglich wird. Vor allem aber zerstört eine maschinenbestimmte Bodennutzung die Wasserkreisläufe. Böden ohne Wälder oder buschige Feldraine an kanalisierten Flüssen können kaum noch Regenwasser aufnehmen und verdunsten. Die dadurch fehlenden kleinen Wasserkreisläufe lassen die Gletscher schmelzen und heben die Meeresspiegel.

    Um diese Fehlentwicklung zu beenden, hat sich ein Teil der Menschheit aufgemacht, die Ruder herumzureißen. Die Aktivisten gärtnern in Städten, gründen solidarische Landwirtschaften oder bilden Bodenfonds, um Junglandwirten einen Einstieg zu ermöglichen. Andere entwickeln ausgeklügelte Systeme von Weidewirtschaften, wo nach nacheinander Kühe, Hühner und etwa Schweine auf einem Landstück grasen und dieses so anschließend einen sehr guten Ackerboden abgibt. In Südamerika blickt man mit Respekt auf die mehrgeschossigen Waldgärten, die dortige Indigene Tausende von Jahren mit Erfolg betrieben haben…

    Das Buch „Die Humusrevolution“ stellt in Form von Reisbeschreibungen alternative Ansätze vor, den Boden wieder aufzubauen. Initiativen wie Incredible Edible von Todmorden zeigen, wie eine ganze Stadt erfolgreich mit Gemüse bestellt werden kann. Kleinstädte wie Andernach können mithilfe von Arbeitslosen zu essbaren Städten verwandelt werden. Großstädte könnten generell wieder von einem Ring von Gärtnereien und Kleinbauernhöfen umgeben werden, auf denen Gärtner im Zweiterwerb Lokales zu direktem Vor-Ort-Verzehr anbauen. Co-Autor Stefan Schwarzer betreibt in der Lebensgemeinschaft Ökohof Tempelhof selbst einen Permakultur-Garten. Als wissenschaftlich ausgebildete Autoren unterlegen die Verfasser Ute Scheub und Schwarzer die Versuche ihrer Protagonisten  mittels der Forschungsergebnisse von einschlägigen Institutionen wie vom Rodals Institut in Pennsylvanien (USA)  oder vom Schweizer FiBl-Institut. – Das Buch bietet im Anhang eine lange Liste von Vorschlägen, was unmittelbar jetzt getan werden kann, für jeden einzelnen als auch für Politiker. Hübsch ist der abschließende kleine Ausblick von Hans Peter Rusch ins Jahr 2050: in dem die Menschen mehr im Anbau klimaverträgliche Nüsse, Früchte und Staudengemüse verzehren. Parkplätze samt Supermärkten sind in Urban Gardening-Projekte verwandelt worden, da keiner mehr anonyme Lebensmittel einkaufen mochte. Erwerbslose, Flüchtlinge oder Rentnerinnen können sich nun auch in den Städten ihr eigenes Gemüse anbauen…

    Ute Scheub, Stefan Schwarzer, Die Humusrevolution – Wie wir den Boden heilen, das Klima retten und die Ernährungswende schaffen, Oekom Verlag München 2017, 235 Seiten, zahl. Abb., 19,95 €

    Gemeinsam Ackern in Allmenden

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    Ein sonnendurchfluteter Jugendstilhörsaal mit knarrenden Bänken: Farida Akhter aus Bangladesh singt die Lieder der Kleinbäuerinnen von Nayakrishi Andolon. Edie Stone erzählt vom Verteidigungskampf der Community Gardeners in New York City und Brigitte Vogl-Lukasser aus Wien über die Hausgärten als Wohnzimmer der Mayas. Bauer Christian Hiß berichtet in kaum verständlichem Alemannisch von seinem Gemüsegarten am Kaiserstuhl und Krankenpfleger Wolfgang Eisenberg von seinem Nebenerwerbshof im Wendland. Im Hintergrund erzählen die Fotos von den Internationalen Gärten in Göttingen…

    Als im Jahr 2000 in Berlin an der Landwirtschaftlich-Gärtnerischen Fakultät die Konferenz „Kleinstlandwirtschaft und Gärten in Stadt und Land als weibliche Ökonomie“ stattfand,sollte mit dem Terminus „weibliche Ökonomie“ auf die Zuständigkeit von Frauen für Überlebens- und Krisenwirtschaften hingewiesen werden. Damals ahnte niemand, dass das Thema nur ein Dutzend Jahre später unten dem Label Urban Gardening zu einem Medienhype werden würde. Keine von uns hätte damals gedacht, dass Berlin fünfzehn Jahre später – wohl nur für einen kurzen Moment der Geschichte – zu einer Art europäischer Hauptstadt der Gemeinschaftsgärten avancieren würde.

    Zur Jahreswende 2003/2004 wurde als Ergebnis einer Tagung in Berlin-Köpenick die Stiftung Interkultur mit dem Ziel geschaffen, die Gründung „Interkultureller Gärten“ voran zu treiben. Zugleich entstand nach dem Vorbild der 1996 in Göttingen gegründeten ersten „Internationalen Gärten“ ein interkultureller Garten in Berlin-Köpenick. Die deutschen Medien berichteten seit 2009 zunehmend über interkulturelles Gärtnern und städtischen Gemüseanbau. Artikel wie „Kräuter gegen die Krise“ oder „Gurken statt Kapitalismus“ passten zur Tatsache, dass in den USA die Gattin des eben gewählten neuen Präsidenten, Michelle Obama, nach Aufforderung von Slow Food und amerikanischen Community Gardeners in ihrem Hausgarten am Weißen Haus in Washington einen Gemüsegarten einrichtete, in dem sie zusammen mit den Schulkindern der benachbarten Bancroft-Grundschule gärtnert. Als im gleichen Jahr mitten in Berlin-Kreuzberg die Prinzessinnengärten gegründet wurden, war die Zeit jedenfalls reif für ein solches Projekt. Plötzlich interessierten sich alle für das neue Gärtnern in Kisten. Die Prinzessinnengärten wurden über Nacht zum Medienstar… Bals verzeichnete eine Berliner „Gartenkarte“ nahezu hundert neuere Gemeinschaftsgärten bzw. Projekte der urbanen Landwirtschaft im engeren Sinne.

    Auch das im April 2011 auf dem Tempelhofer Feld entstandene „Allmende-Kontor“ ist zusammen mit den anderen Gemeinschaftsgärten dort zum absoluten Medienstar geworden, es wird wieder und wieder abgebildet, meistens, ohne das Ross und Reiter  genannt würden. Im Buch „Urban Gardening in Berlin“ (BeBra verlag Berlin 2016) sind die meisten dieser grünen Erzeugnisse von Berliner Bürgerengagement. sozusagen mit vollem Namen sowie Kontakt- resp. Lage-Adresse geannt. Das Allmende-Kontor ließ das verregnete Garten-Jahr mit einem gemeinsamen Kompostworkshop, einem tapferen Smoothiemachen per Rad und einem feierlichen Zeltdachabbauen zu edlem Fruchtpunsch ausklingen…

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    Kleinlandwirtschaft als Sozialpolitik

    In immer mehr Städten der Welt werden kommunale Landwirtschaftsprogramme aufgelegt. Um die lokale Bevölkerung vor Hunger zu bewahren oder ihr die Möglichkeit zu geben, sich aus eigener Hände Arbeit selbst ernähren zu können. Durch den Verkauf der Überschüsse auf den lokalen Gemüsemärkten tragen die Stadtbauern zur Versorgung der Bewohnerschaft des entsprechenden Quartiers mit frischem Gemüse bei. Positive Beispiele sind Rosario in Argentinien, Quito in Ecuador, Nairobi in Kenia und viele andere mehr, wie eine „Urban Farming Konferenz“  in Berlin im September zu Tage  brachte.

    Tatsächlich ist die Förderung von Kleinlandwirtschaft als sozialpolitischer Maßnahme in Zeiten von Dauerkrisen mit geringem Lohnniveau oder hoher Erwerbslosigleit nichts Neues in der Geschichte. Vielmehr hat es die staatliche Förderung von „individueller Hauswirtschaft“ überall im sozialistischen Osteuropa gegeben. Das war u.a. in der ehemaligen DDR der Fall, als die „private Hauswirtschaft“ die LPG-GenossInnen motivierte, auf dem Land und im Dorf zu  bleiben. Heute wählen ländlich geprägte Regionen reihenweise Protestparteien, weil ihnen eine sinnvolle Tätigkeit abhanden gekommen ist. Angesichts dessen, dass die Regionen zudem infolge der Abwanderung der Jugend mit den Menschen die Lebensqualität verlieren, wäre es wohl angebracht, über Landwirtschaftspolitik als Sozialpolitik erneut nachzudenken. Im Deutschlandarchiv, Heft 4, Jahrgang 2005, 607-612 habe ich einen Überblick zur Politik der Kleinlandwirtschaft vor 1989 verfasst.

    Meyer-Renschhausen, Elisabeth (2005) Kleinstlandwirtschaft in der Regionalpolitik

    Die Stadtbauern von Da Nang

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    Da Nang ist eine junge Großstadt in Mittel-Vietnam. Überall sind Baustellen, umzingelt von Heerscharen von Mopeds, mit denen die Bauarbeiter zur Arbeit kommen. Auf Fahrrädern sieht man fast nur noch Kinder und Seniorinnen. Der Stadtteil am offenen Meer mit dem Strand „Chinabeach“ wird gezielt für den Massentourismus ausgebaut. Breite Straßen mit wohlgepflegten grünen Mittelstreifen führen zur Küste, in denen Gärtnerinnen und Gärtner unter ihren großen Kegel-Strohhüten permanent im Einsatz sind. Bauern, die hier bis vor kurzem noch ihre Äcker hatten, mußten hingegen aufhören und die Flächen hergeben. Sie wohnen nun Reihenhaus-Manier in meistens zweistöckigen neuen Betonhäusern nach vietnamesischem Stil. Unten ein großer offener Raum, der als Werkstatt, Laden, Café oder auch als Wohnzimmer genutzt wird. Oben die Schlafzimmer. Da die Grundstücke maximal genutzt werden sollen, spielt sich in den schmalen Wohnstraßen das Familienleben auf den zu Terrassen umfunktionierten Bürgersteigen ab. Überall sind die Gehwege mit Schattenbäumen bepflanzt oder sogar komplett von Pflanzgefäßen oder sogar Hühnerställen okkupiert. Während die einen noch auf ihren Feldern arbeiten, wie sie das als Kleinbauern immer gemacht haben, bauen die anderen auf Brachen oder Bürgersteigen Gemüse an, weil sie demjenigen in den Supermärkten nicht mehr trauen mögen. Zu oft gab es in den letzten Jahren Skandale mit giftigen Rückständen im Supermarktgemüse. Da die Stadt ein massives Abfall-Entsorgungs-Problem hat, liegen viele der säuberlich angelegten Äcker zwischen unschönen Müllbergen. Abends versuchen zumal manche Bewohnerinnen ihren Plastik-Müll zu verbrennen und erzeugen so mir schier unerträgliche Giftwolken. Die Jugend jedoch interessiert sich für ein „weg vom Gift“ hin zu einer gesunder Ernährung. Die älteren Bäuerinnen hingegen freuen sich über mein Interesse und bieten mir ihre Salat-Pflänzchen zum Verkauf an. In den beiden Markthallen von Da Nang wird das Gemüse direkt verkauft oder von geschickten Garköchinnen teilweise auch gleich verkocht. Sie sind umringt von ihren speisenden und schwatzenden Kunden. Denn die exzellente vietnamesische Küche ist bestimmt durch stets frische Gemüse und Salate zur Nudelsuppe oder dem Reis. — Die derzeitige Verkehrspolitik jedoch nimmt auf die Belange der Gemüse- und Reis-Bauern keine Rücksicht. Sie zerschneidet vielmehr die Dörfer und mit ihnen auch die dörfliche Ökonomie samt gegenseitiger Hilfe per ebenerdig hindurch führenden Autobahnen. Das gestattet auch dem gutmütigen Wasserbüffel, einer Art Haus- und Symboltier des ruralen Vietnams, kein selbständiges Überqueren der Straße mehr. Das bisher selbständige Aufspüren neuer Weideflächen am Wegesrand – das ist vorbei…       P1040002 P1040456 P1040056

    Landwirtschaft zwecks Ernährung?

    KleinbäuerinnenMitEinkommenFotoEMRDieHauptstadtgärtnerAufDerGrünenWocheEMRBodenLebenLassenFotoEMR„W130TreckerInBerlinFotoEMRir haben es satt“ 130 Trecker in Berlin, 20.000 Demonstranten bereits zum siebten Mal: Macht endlich Schluß mit der zerstörerischen Landwirtschaftspolitik, die die Umwelt und ja eigentlich noch nicht einmal nur die Böden, sondern die ganze Erde zerstört! Auf der Grünen Woche in der Halle des Ministeriums für Wirtschaft und Entwicklung ein ganz anders Bild: Die Bedeutung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft als Einkommensquelle und Prävention gegen Migration Richtung Europa wird endlich, nun, da es fast zu spät ist,  anerkannt. Der Entwicklungsminister zeigt sich mit Kleinbäuerinnen und Köchen aus Kenia, Äthiopien oder Burkina Faso. Die kirchlichen Entwicklungshilfe-Organisatonen „Brot für die Welt“ und „Misereor“ treten erstmals auf der Grünen Woche auf. Beide treten für eine Umwelt- und Menschenverträgliche Ernährungsform ein, die den ökologischen Fußabdruck unseres täglichen Brots auf den Level reduziert, der in Afrika (noch) Gang und Gebe ist und die einzige Variante, unsere Erde nicht zu zerstören. Die Autorin gibt zu, dass sie überrascht war, im Maßspiel von „Brot für die Welt“ als sozusagen „low budget“ Verbraucherin eingestuft zu werden, AufKleinemÖkologFussAbdruckLeben3kldie sich im Prinzip mit kaum einem viel größeren ökologischen Fußabdruck ernährt, als die meisten.Menschen des globalen Südens. Kaum Fleisch oder Fisch, kein Fertigfutter, sondern saisonal, regional, fairtrade und bio – das geht in Berlin mit seinen vielen Wochenmärkten, Biobauern und Bioläden leicht.

    Urban Gardening, städtische Agrarkultur oder Landwirtschaft war das Thema am Stand nebenan bei der Entwicklungshilfsorganisation Misereor. In den Megastädten des globalen Südens mit ihrer notorischen Arbeitslosigkeit für die meisten der Bewohnerinnen ist der systematische Gemüseanbau „ohne Gift und Geld“ für die Selbstversorgung eine Überlebenshilfe und Notwendigkeit. Noch besser ist es, wenn die Garten-Grundtücke groß genug ist, so daß auch für den Straßen-Verkauf oder den lokalen Gemüsemarkt produziert werden kann: in Belo Horiconte in Brasilien helfen die Gärtnerinnen sich gegenseitig im Rahmen einer Kooperative. Diese Form der „urban agriculture“ bringt so den Einen ein kleines Einkommen und den Anderen auch in Armenvierteln bezahlbares frisches Grün mit dem Aroma des natürlich Gewachsenen und frisch Geernteten auf den Tisch.

    Das wunderbare „Green Me Global Festival For Sustainability“ litt leider offenbar an der Terminhäufung: Bisher immer sehr gut besucht, fanden sich in diesem Jahr, GreenMeFestivalFotoEMRklda die meisten Berliner Öko-Aktiven wohl noch auf der Grünen Woche am Sich-vernetzen-waren, unangemessen wenige Besucher ein. Das ist schade, denn auch wenn der Eröffnungsfilm „Bevor the Flood“ von Fischer Stevens, obschon sehr informativ,  etwas traurig und dröge war, waren andere Filme, wie besonders derjenige aus und über Nigeria „Nowhere to run: Nigeria´s Climate and Environmental Crisis“ von Dan McCan, ausgesprochen erhellend und sehenswert. Boko Haram ist eben auch ein Ergebnis des vom globalen Norden verursachten Klimawandels und der rücksichtslosen Agrarpolitik des IWF, der USA oder der Europäischen Union mit den Folgen wie einem ausgetrockneten Taschadsee und einer riesigen Erwerbslosigkeit und also oft auch Aussichtslosigkeit in Stadt und Land, zumal für Jugendliche. Erschreckend wirkte auf die Autorin besonders ein Dokumentarfilm übers Fracking: „Groundswell Rising – Protecting our Childrens Air & Water“ von Renard Cohen. Er zeigt die Bürgerproteste gegen die rücksichtslose Zerstörungen von Trinkwasserquellen und ganzen Landschaften durch das Fracking in den USA, das brutalst Bergtäler oder Dörfer vernichtet, das Grundwasser und so auch Kleinkinder vergiftet. Immerhin konnten die Bürgerproteste im Einzugsgebiet des Delaware River weitere Frackingbohrungen verhindern.

    Die Hauptstadtgärtner

    DieHauptstadtgaertnerSeit April 2011 sind die Gemeinschafts-Gärten auf dem ehemaligen Flugfeld Tempelhof eine Art neue Verheißung. Sie faszinieren die Besucher aus nah und fern. Die Gäste staunen über die kreativen Kistenbeet-Varianten im Hochbeete-Meer und wie gut Gemüse in Kisten wächst. Wissbegierig fragen sie die Gärtnerinnen und Gärtner aus: Wie funktioniert das hier? Aha, es geht um das „Zurückholen der Allmende“? Das vorliegende Buch erklärt die Idee des Gemeinschaftsgartens Allmende-Kontor und welche Gemüse in innerstädtischen Kastenbeeten gut zu kultirvieren sind…
    Die Hauptstadtgärtner – Tipps vom Allmende-Kontor auf dem Tempelhofer Feld (Berlin: Jaron Verlag Februar 2015 12,95)