Landkonflikte in Gemeinschaftsgärten

 

Gestern wurde ich unfreiwillig zur Komplizin gemacht. Als ich in unseren wunderschönen Citygarten kam, riß meine Beetnachbarin schon wieder die Büsche zum Krankenhaus heraus. Dazu: Unsere Beete grenzen an den OP des Krankenhauses hinter undurchsichtigen Glasbausteinen. Die Büsche davor sind eine schöne Abgrenzung gegenüber der Häßlichkeit dieser Krankenhauswand und sicher auch für die da drin Wirkenden eine angenehm grüne Wand, hinter der man sich eben unbeobachtet fühlen kann. Aber nein, trotz unser aller Proteste wurden diese Büsche von der dortigen Gärtnerin gefällt, jetzt schon wieder diesmal auf dem Beet der Nachbarin. Sie wolle sie durch Rosen ersetzen, meinte sie zu mir. Ich bezweifelte, daß Rosen in der Sanderde ankommen würden. Auf den Beeten, die auf Bauschutt vom II. Weltkrieg angelegt wurden, wurde ein Erdaustausch vorgenommen. Es war sehr harte Arbeit, den Schutt auszugraben und durch Gartenerde zu ersetzen. Christophe, Fatmas starker Sohn Mustafa und Rafael haben das vorletztes Jahr gemacht.

 Mich betrübt es, wenn die schöne Buscheinfassung der Beete verschwindet. Ich äußerte mich entsprechend. Da kam ich aber schlecht an. Wie mein Beet denn aussähe. Alles wäre durcheinander gepflanzt. Ob das denn schön sei. Jeder hätte einen anderen Geschmack. Ja, letztes Jahr wäre sie verpetzt worden… Kurzum: meine Einwände halfen gar nichts, sie und ihr männlicher Helfer machten einfach weiter. Als ich kompromißbereit meine Brennesseln rauszureißen begann, nahm er mir das aus der Hand. Hilfsbereit grub er – ich wagte nicht, zu widersprechen – zudem das kleine Stück Rasen zwischen Beetrand und Steinen um. Eigentlich fand ich diesen Rasengrünenweg sehr hübsch. Nur mit dem Rasen am Rand des Plattenwegs war die nötige Schubkarrenbreite garantiert. Ach, und auch alle meine Osterglockenzwiebeln, mein mühselig angesiedeltes Cylla etc. flogen im hohen Bogen mit raus. Erst recht mein hübscher Gundermann, den ich in meine Staudenbeet-Ecke als Bodendecke mitgepflanzt hatte und der sich in diesem Frühjahr Wildkrautartig rasend schnell ausgebreitet hatte. Mein zarter Protest wurde überhört.

Jetzt erst erkannte ich, daß – außer meiner deutschen Nachbarin – alle anderen Beetnachberinnen bereits entsprechende Vergrößerungen ihrer Beete vorgenommen hatten. Es ist ja verständlich, die Beete sind vergleichsweise klein, wenn auch viel, viel größer als die der Allmende-Kontors oder der meisten New Yorker Gemeinschafts-Gärtnerinnen.

Letzten Sonntag im Allmende-Kontors Garten das Gleiche. Ich bekam gerade Besuch von meiner Schwester, samt Kusine und Freundin M., aber wir kamen kaum dazu uns zu begrüßen, denn hinterm Bienenareal hatte eine neue Mitgärtnerin über Nacht ein großes U-förmiges Kastenbeet angelegt, ohne es mit ihren Nachbarn abzusprechen. Und ohne ihr Beet in der Form irgendwie an die anderen Beete anzupassen, also sehr häßlich. Daher mußte ich mir erst einmal die empörten Redeschwalle der betroffenen Beetnachbarn anhören, die sich von so viel Über-Nacht-Beetbauwut überwältigt fühlen. M. und F. lachten sich halb kringelig. Daß das hier genauso zugeht wie in jedem anderen Dorf, das hätten sie nicht gedacht…

Was tun, um den sozialen Frieden wieder herzustellen? Wir predigen, allenthalben, die Leute sollen sich zusammen tun, und bei der Senatsverwaltung die Bereitstellung weiterer Flächen beantragen. Aber das erscheint vor allem unseren Migranten als allzu kompliziertes und nahezu aussichtsloses Verfahren. Und uns, uns ist es viel zu viel Arbeit. Noch einmal so ein mammutiöses Projekt aus der Taufe zu heben wie dieses Allmende-Kontor, das wird keiner von uns sich je noch einmal freiwillig auf die Schultern laden. Schon jetzt kostet uns dreizehn Gründerinnen dieses Projekt im Durchschnitt ca. 48 Stunden ehrenamtliche Arbeit pro Woche. Und Undank ist der Welten Lohn. Eben dort, wo wir jetzt dieses von der Presse und vor allem den Photographen so geliebte Projekt auf den Weg geschoben haben, eben dort möchte die Senatsverwaltung jetzt bauen.

Findet also in unseren Gemeinschaftsgärten sozusagen eine Art Land-Grabbing im Kleinstmaßstab statt? Was an diesen Konflikten etwas enttäuschend ist, ist daß es so auf eigene Faust und ohne Absprache mit den anderen passiert. Wir machen die Gemeinschaftsgärten ja nicht, um den Egoismus zu fördern. Andererseits: die Frauen sind als Erwerbslose und qua Migrantenschicksal Hausfrauen voller Tatendrang. Sie sind nicht freiwillig erwerbslos. (Die Arbeitslosigkeit liegt in Berlin – je nach Berechnung – defacto bei 30-60%!) Sie wollen mit ihrer Zeit etwas Sinnvolles anstellen. Und Gemüsegärten sind nicht das Schlechteste für die Klimabilanz einer Stadt. Sie reduzieren den CO2-Ausstoß. Ich glaube, daß wir zum Erhalt des sozialen Friedens in der Stadt unbedingt mehr Gartenflächen für alle, die es wollen, werden bereitstellen müssen. Wir müssen zurück zu dem RECHT für jede auf ein Stück Kleingartenland, entsprechend dem Kleingartengesetz von 1919.

Beim Recht auf ein Stück Gartenland für alle, die das möchten, um von die von der Sparpolitik gerissenen Löcher im privaten Haushaltsbudget wieder auszubessern geht es um ein Recht auf Nießbrauch, also Pacht statt Eigentum. Diese Form von „Privatisierung“ von Land ist also mit derjenigen von Investoren durch Bebauung öffentlicher Flächen nicht zu vergleichen.