Künstliches Graben: Wilm Weppelmann erkundet Henry Thoreau

P1060864Überall Rotkohl. In der ganzen Stadt Münster Rotkohl. Entlang der grünen Radwege und in allen Parks, entlang der Skulpturen-Ausstellung etwa bei den Oldenburg-Kugeln am Aa-See. Seit Jahren provoziert der Künstler Wilm Weppelmann mit Guerilla Gardening Aktionen. In diesem Jahr ist es also Rotkohl. „The Adventures of Bob Cabbage“ steht auf den Samentüten mit „wild urban red cabbage“-Körnern.  Sogar auf dem IGA-Gelände in Berlin kann man einige seiner extralegal ausgepflanzten Rotkohlpflanzen entdecken.

Vor zwei Jahren lebte Wilm Weppelmann einen ganzen Monat lang auf einem Floss. Es war voller Gemüsebeete. Er ernährte sich ausschließlich aus seinem eigenen Boots-Garten. Dazu  gab’s nur eine Schlafhütte und Kompostklo. Jeden Morgen rief er eine Lebensweisheit per Sprechtüte über den See. Wie wenig man doch zum Leben braucht! Die Münsteraner waren fasziniert. Die Presse brachte nahezu täglich neue Berichte. Mitleidige Ruderer und Schwimmer brachten dem einsamen Künstler viele gute Worte, Wurst und Schokolade. Auch wenn er die eigentlich gar nicht haben wollte.

In diesem Jahr geht es erneut um das einfache Lebens. Mittels einer Ausgrabung. Und zwar im wilden Teil des Münsteraner Schlossparks, der heute zur Universität gehört. Zwischen mannshohen Brennnesselstauden und hohen Buchen: die Ausgrabungsstätte. Gegraben wird nach den Überresten der Hütte vom sagenhaften nordamerikanischen Autor Henry Thoreau (1817-1862). Der Verein Kulturgrün, Träger der Gartenakademie konnte die „MAKE Theaterproduktion“ und dem Theater am Pumpenhaus zu gemeinsamer Stückentwicklung gewinnen. Der Stück „Die Ausgrabung – Operation Thoreau“ wurde ab dem 4. Juli 2017 zehnmal aufgeführt.

Henry David Thoreau hatte 1845 bis 1847 das einfache Leben schon mal ausprobiert. Und weil seine Zeitgenossen dermaßen neugierig auf sein einsames Leben aus dem Waldgarten waren, auch ein Buch darüber geschrieben. Seine These war, dass man durch eine vereinfachte Lebensweise – ohne die Belastungen des Luxus´- viel mehr Zeit hat. Für das Eigentliche im Leben, das Beobachten und Erfahren der Natur. Das Studium und  Schreiben von Büchern. Im Wald, genauer: auf dem Land eines Freundes in der Nähe des Waldensees, hatte Thoreau sich eine kleine Hütte gebaut. Am amerikanischen Unabhängigkeitstag, den 4. Juli 1845 zog er dort feierlich ein. Und blieb dort zwei Jahre und zwei Monate.

TAZ-Autor Frank Schäfer las kürzlich im Rahmen der „Freien Gartenakademie“ einige Teile aus seiner neuen Biografie zu „Henry David Thoreau – Waldgänger und Rebell“ vor. Trotz leichtem Nieselregen lauschte das Publikum andächtig. Die Luft knisterte fast vor lauter Aufmerksamkeit. Anschließend gab es eine lebhafte Diskussion, Unidozentinnen und Professoren verschiedener Fachrichtungen tauschten sich über die Bedeutung des frühen Aussteigers und seines Buches aus. Beim abschließenden Umtrunk kam weiter erstaunliches Wissen zum einfachen Leben zutage. Die Kunst zeigt es: Konsumkritik und Selbstversorgung sind wieder angesagt.

das Ganze ausführlicher in der Neuen Rheinischen Zeitung vom 05.07.2017 http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=23945