Gemeinsam Ackern in Allmenden

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Ein sonnendurchfluteter Jugendstilhörsaal mit knarrenden Bänken: Farida Akhter aus Bangladesh singt die Lieder der Kleinbäuerinnen von Nayakrishi Andolon. Edie Stone erzählt vom Verteidigungskampf der Community Gardeners in New York City und Brigitte Vogl-Lukasser aus Wien über die Hausgärten als Wohnzimmer der Mayas. Bauer Christian Hiß berichtet in kaum verständlichem Alemannisch von seinem Gemüsegarten am Kaiserstuhl und Krankenpfleger Wolfgang Eisenberg von seinem Nebenerwerbshof im Wendland. Im Hintergrund erzählen die Fotos von den Internationalen Gärten in Göttingen…

Als im Jahr 2000 in Berlin an der Landwirtschaftlich-Gärtnerischen Fakultät die Konferenz „Kleinstlandwirtschaft und Gärten in Stadt und Land als weibliche Ökonomie“ stattfand,sollte mit dem Terminus „weibliche Ökonomie“ auf die Zuständigkeit von Frauen für Überlebens- und Krisenwirtschaften hingewiesen werden. Damals ahnte niemand, dass das Thema nur ein Dutzend Jahre später unten dem Label Urban Gardening zu einem Medienhype werden würde. Keine von uns hätte damals gedacht, dass Berlin fünfzehn Jahre später – wohl nur für einen kurzen Moment der Geschichte – zu einer Art europäischer Hauptstadt der Gemeinschaftsgärten avancieren würde.

Zur Jahreswende 2003/2004 wurde als Ergebnis einer Tagung in Berlin-Köpenick die Stiftung Interkultur mit dem Ziel geschaffen, die Gründung „Interkultureller Gärten“ voran zu treiben. Zugleich entstand nach dem Vorbild der 1996 in Göttingen gegründeten ersten „Internationalen Gärten“ ein interkultureller Garten in Berlin-Köpenick. Die deutschen Medien berichteten seit 2009 zunehmend über interkulturelles Gärtnern und städtischen Gemüseanbau. Artikel wie „Kräuter gegen die Krise“ oder „Gurken statt Kapitalismus“ passten zur Tatsache, dass in den USA die Gattin des eben gewählten neuen Präsidenten, Michelle Obama, nach Aufforderung von Slow Food und amerikanischen Community Gardeners in ihrem Hausgarten am Weißen Haus in Washington einen Gemüsegarten einrichtete, in dem sie zusammen mit den Schulkindern der benachbarten Bancroft-Grundschule gärtnert. Als im gleichen Jahr mitten in Berlin-Kreuzberg die Prinzessinnengärten gegründet wurden, war die Zeit jedenfalls reif für ein solches Projekt. Plötzlich interessierten sich alle für das neue Gärtnern in Kisten. Die Prinzessinnengärten wurden über Nacht zum Medienstar… Bals verzeichnete eine Berliner „Gartenkarte“ nahezu hundert neuere Gemeinschaftsgärten bzw. Projekte der urbanen Landwirtschaft im engeren Sinne.

Auch das im April 2011 auf dem Tempelhofer Feld entstandene „Allmende-Kontor“ ist zusammen mit den anderen Gemeinschaftsgärten dort zum absoluten Medienstar geworden, es wird wieder und wieder abgebildet, meistens, ohne das Ross und Reiter  genannt würden. Im Buch „Urban Gardening in Berlin“ (BeBra verlag Berlin 2016) sind die meisten dieser grünen Erzeugnisse von Berliner Bürgerengagement. sozusagen mit vollem Namen sowie Kontakt- resp. Lage-Adresse geannt. Das Allmende-Kontor ließ das verregnete Garten-Jahr mit einem gemeinsamen Kompostworkshop, einem tapferen Smoothiemachen per Rad und einem feierlichen Zeltdachabbauen zu edlem Fruchtpunsch ausklingen…

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Kleinlandwirtschaft als Sozialpolitik

In immer mehr Städten der Welt werden kommunale Landwirtschaftsprogramme aufgelegt. Um die lokale Bevölkerung vor Hunger zu bewahren oder ihr die Möglichkeit zu geben, sich aus eigener Hände Arbeit selbst ernähren zu können. Durch den Verkauf der Überschüsse auf den lokalen Gemüsemärkten tragen die Stadtbauern zur Versorgung der Bewohnerschaft des entsprechenden Quartiers mit frischem Gemüse bei. Positive Beispiele sind Rosario in Argentinien, Quito in Ecuador, Nairobi in Kenia und viele andere mehr, wie eine „Urban Farming Konferenz“  in Berlin im September zu Tage  brachte.

Tatsächlich ist die Förderung von Kleinlandwirtschaft als sozialpolitischer Maßnahme in Zeiten von Dauerkrisen mit geringem Lohnniveau oder hoher Erwerbslosigleit nichts Neues in der Geschichte. Vielmehr hat es die staatliche Förderung von „individueller Hauswirtschaft“ überall im sozialistischen Osteuropa gegeben. Das war u.a. in der ehemaligen DDR der Fall, als die „private Hauswirtschaft“ die LPG-GenossInnen motivierte, auf dem Land und im Dorf zu  bleiben. Heute wählen ländlich geprägte Regionen reihenweise Protestparteien, weil ihnen eine sinnvolle Tätigkeit abhanden gekommen ist. Angesichts dessen, dass die Regionen zudem infolge der Abwanderung der Jugend mit den Menschen die Lebensqualität verlieren, wäre es wohl angebracht, über Landwirtschaftspolitik als Sozialpolitik erneut nachzudenken. Im Deutschlandarchiv, Heft 4, Jahrgang 2005, 607-612 habe ich einen Überblick zur Politik der Kleinlandwirtschaft vor 1989 verfasst.

Meyer-Renschhausen, Elisabeth (2005) Kleinstlandwirtschaft in der Regionalpolitik