Rein ins Grüne – mit zwei Meter Abstand

Raus ins Grüne, zumindest zwei Stunden Spazierengehen in der frischen Luft im Grünen pro Tag! Das nämlich sei, erklärt mir der über 80jährige noch immer aktive Dr. Mihai von Wilhelmshöhe mit großer Begeisterung, sei die beste Therapie gegen Krebs. Eine Stunde tue es auch, aber zwei Stunden seien besser. Am besten im Wald und unter Bäumen, der Mensch ist ein Lauftier. Falls das nicht gehe, sei das Im-Garten-zu-arbeiten eine gute Alternative. Diese Regeln gelten auch in Zeiten neuartiger Viren wie dem „Corona“-Virus. Nun erweist es sich erneut als extrem wichtig, dass alle Stadtbewohner Zugang zu öffentlichem Grün haben. Dass alle genügend ansprechende Grünanlagen mit ausreichendem Baumbestand in Wohnungsnähe haben. Und zwar in solchen Maße, dass sie den empfohlenen Abstand zueinander einhalten können. Wo es jedoch kaum noch Wälder oder Parks mehr gibt, dann brauchen sie zumindest Zugang zu Gärten, die auf geringer Fläche einer ungeheure Artenvielfalt Raum geben  können.

Also raus ins Grüne bzw. das Grüne reinholen in die Städte – das war die Idee der Lebensreformer seit dem 19. Jahrhundert, als immer wieder Bürgerengagierte, Ärzte, Frauen- und Arbeiterbewegte sich für mehr Grün in den Städten einsetzen – öffentlich zugängliche Parks, Wege an freien Flussufern und  in den Stadtwäldern. Kleingärten sollten  zu frischer Luft und sich Bewegungen unter freiem Himmel dienen und konnte zudem bei Kurzarbeit und finanzieller Not den betroffenen und bedrückten Familien helfen. Das galt vor allem für Arbeiterfrauen, die selten auskömmlich bezahlte Anstellungen bekamen, sich als Witwen oder „Eheverlassene“ durchschlagen mußten, weil manche Männer in Krisen grußlos nach Amerika auswanderten. Gärten für alle, besonders Schlechtverdienende und insbesondere Frauen – das bis heute angebracht. Zumal betrachtet man die Durchschnittshöhe weiblicher Renten, die mit 700 € unter dem Existenzminimum liegen…

Also Rein ins Grüne und wo es nicht genügend Auslauf im Umland oder innerstädtischen Parks gibt, da sollten die Kommunen braches Land für Gemeinschaftsgärten zur Verfügung stellen. Besonders derzeit von den Kirchen aufgegebene Friedhöfe sind eine gute Option. So können die Leute raus an die frische Luft, sich tummeln und regen. Kreislauf und vor allem auch Immunsystem bleiben fit. Die Menschen sind nicht gefährdet, Gefangenensymptome zu entwickeln und infolgedessen etwa innerfamiliär `übereinander herzufallen´.

In ganz Europa gibt es immer mehr Beispiele gelungener Gemeinschaftsgärten, das Phänomen strahlte von der Bundesrepublik Deutschland über Österreich und die Schweiz in alle Winkel aus. Einige von ihnen stellen Renate Künast und Viktoria Wegner in ihrem Buch „Rein ins Grüne – raus in die Stadt“ vor,  das vom Callwey Verlag großzügig bebildert wurde. Die meisten „Urban Gardening“-Projekte entstanden hierzulande erst im Verlauf der letzten 15 Jahre und werden ehrenamtlich betrieben wie etwa die Stuttgarter Inselgärten. Sie schaffen eine ansprechendere natürliche Umgebung und zugleich neue Nachbarschaftstreffs und wurde besonders anfangs als Interkulturelle Gärten gelobt und zunehmend zumindest mindest ideell auch seitens der Kommunen gefördert. Renate Künast besuchte ausgewählte Gemeinschaftsgärten in der Bundesrepublik Deutschland, Österreich und in der Schweiz und sprach mit einigen der Akteure.

Einige dieser Nachbarschaftsgärten arbeiten darüber hinaus an der Inklusion auch für Behinderte wie etwa die „Gemüsewerft“ in Bremen. Sie schuf dort, wo die bis zur Weltwirtschaftskrise 1928 in riesigen Werften Tausende beschäftigt waren, grüne Flecken. Gute Inklusionsarbeit bedarf eines festen Rahmens und so schafft das Urban Gardening als gewissermaßen neue sozialpädagogische Methode sogar Arbeitsplätze. In Andernach schuf die Stadt ein vorbildliches Programm für Arbeitslose, die an der Stadtmauer Gemüse für alle ziehen. – Aus Sicht einer selbst jahrelang in diesem Bereich Aktiven fehlt dem Buch allerdings das genauere darauf Eingehen, wie mühselig es ist, derartige Gärten resp. deren Flächen der Politik resp. Kommunal-Verwaltung abzuhandeln. Fast alle Gemeinschaftsgärten wurden von ihren Gründern aus Begeisterung für die Sache angelegt, aber unendliche Stunden gingen statt an den Beeten oder im gemeinsamen Tun etwa mit Flüchtlingen im Streit mit der Verwaltung drauf… Das unbedachte Umgehen mit der Zeit engagierter Bürger*innen seitens vieler Kommunalverwaltungen im Bereich des Urban Gardenings wird übersehen. Die soziale Bewegung dahinter beziehungsweise die politische Dimension des Urban gardening bleibt merkwürdig unterbelichtet. Davon abgesehen ist „Rein ins Grüne“ aber ein gelungenes Buch. Also: „Rin die Kartoffeln!“ und zwar auch in der Stadt und gerade auch in Krankheitszeiten! Gerade in Zeiten, da Bibliotheken, Museen und Gotteshäuser geschlossen bleiben, bieten neben Wäldern und Parks vor allem die neuen  Gemeinschaftsgärten den notwendigen Ausgleich.

Renate Künast, Viktoria Wegner, Rein ins Grüne – Raus in die Stadt. Eine Reise durch urbane Gärten. München: Callwey Verlag. 180 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 29,95 € resp. für ein Lesegerät 19,99 €