Königin Corona aus der Wildnis

Die Kinder Italiens witzelten über „Königin Corona“, als sie ihnen unverhofft frühe Ferien bescherte. Corona kommt aus dem Wald. Zumindest mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit. Als eine Art Rache der Natur. Das Virus ist wahrscheinlich Ergebnis eines unbedachten Erntens der älteren Bäume unserer Wälder und generell ihre Zerstörung seitens der Industriellen Landwirtschaft. So verschwindet die „Wildnis“ als Habitat der Tiere. Fledermäuse gelten derzeit als diejenigen Tiere, auf denen die Corona-Viren leben, ohne ihnen viel anhaben zu können und von denen sie – wahrscheinlich über ein weiteres Wirtstier – auf die Menschen übersprangen.

Die Wissenschaftsjournalistin Sonia Shah verfolgte die Spur der Viren und Mikroben in die zunehmend dezimierten Wälder der Erde: Die Lyme-Borreliose trat in den USA erstmals 1975 auf, als die Vorstädte sich immer weiter in die Wälder Nordamerikas hineinfraßen und immer mehr Wildtiere ihre Lebensräume verloren. Bis dahin hatte das Opossum die Anzahl der Zecken in Schach gehalten, aber mit den Wäldern verschwanden auch die Opossums. – Dreißig Jahre später trat Ebola in Westafrika vor allem dort auf, wo vorher in großem Stile Wälder gerodet worden waren. Die auf deren Bäumen lebenden Fledermäuse mussten in Gärten und Parks ausweichen und konnten so die Menschen mit Ebola infizieren.

Eigentlich weiß man es seit Jahrzehnten. Die Menschheit bekam so manche ihrer Krankheiten von den Tieren und zwar zur kleineren Hälfte auch von ihren Haustieren: Pocken und Tuberkulose von den Kühen, die Schweine vererbten uns den Keuchhusten und die Enten die Grippe. Als im Zeitalter des Kolonialismus´ die Engländer im 19. Jahrhundert begannen, die Mangroven-Urwälder im riesigen Delta des Ganges abzuschlagen, machten die Bakterien aus dem Brackwasser die Menschen krank und in ihrer Folge erschütterten Cholera-Epidemien die Welt.

Wenn heute in den Armenvierteln der Welt auf offenen Märkten verschiedene frisch geschlachtete Tiereund Wildtiere neben einander gehandelt werden, können die Viren und Bakterien, die sie besiedeln, sich mit denen der anderen Tier vermischen. So können neue und vor allem dem Menschen gefährlichen Krankheiten entstehen. Die Vogelgrippe entstand, als Wildvögel in Geflügelmastbetriebe gerieten und ihre Viren mit ihnen. Dort konnte ein Stamm des Influenza-Virus zu H5N1 mutieren, der auch den Menschen befallen kann. Das kann eine gefährliche Pandemie auslösen. An der Vogelgrippe starben unzählige der angesteckten Menschen. Und zwar obwohl Geflügel in den USA 2016 und in Europa bereits 2006 millionenfach vorsorglich getötet worden war. Womit die Federviehhaltung auf dem Land  für Jahre verschwand…

Eigentlich wäre es so einfach: den Klimawandel endlich angehen und Bäume pflanzen, Bäume pflanzen, Bäume pflanzen und Brachen in Gärten verwandeln. Warum soll es nicht möglich sein, sich die Erde mit den Tieren in einer mehr brüderlichen Art und Weise zu teilen? Zumal das auch dem menschlichen Wohlbefinden zweifelsohne äußerst bekömmlich wäre… Denn nach vier Wochen Hausarrest und vielen Toten scherzen wahrscheinlich kaum noch Schulkinder über die „Königin Corona“…

Weiterlesen: Sonia Shah, „Woher kommt das Coronavirus?“ in: Le Monde diplomatique März 2020

Sonia Shah Pandemic, Tracking Contagions from Cholera to Ebola and Beyond, New York: Crichton Books 2016