Schafe auf dem Tempelhofer Feld

Die Berliner sind begeistert von den Schafen auf dem Tempelhofer Feld. Sie kamen an einem Sonntag am frühen Nachmittag für eine Woche nach Berlin. Die armen Schafe kamen über so viel Entzücken über ihre pure Anwesenheit kaum zum Fressen, denn die Berlinerinnen folgten ihnen beglückt auf Schritt und Tritt.- „Wo ist Achmed?“ hörte ich im verbuschten Wildwuchs des „Alten Hafens“. „Der sucht die Schafe.“ – Denn die Herde hatte auf der Weite des Tempelhofer Feldes schnell verkrümelt. Die Schafe bleiben zunächst ängstlich zusammen. Wenn doch einmal eines ausbrach, weil es einen noch fast grünen Grashalm erspäht hatte, jagte der schwarze Schäferhund Karl  es pflichtbewusst  wieder zu den anderen… Zunächst  mussten die vielen Schafsbegeisterten Berlinerinnen baldeine ganze Stunde warten, bis die Brandenburger Schäferei endlich ankam. (Unterwegs war einer der Transporter kaputtgegangen, ein Teil der Schafe blieb sozusagen auf halber Strecke liegen.) Kaum angekommen rumorte es in dem bisher stillen LKW. Die Schafe hatten offenbar das Gras des Tempelhofer Feldes gerochen und machen „Mäh!“. Das machen die Schafe immer dann, wenn sie auf eine Veränderung drängen: jetzt wollten sie raus. Aber nun hatte der lang gewachsene Brandenburger Schäfer Knut Kucznik Bedenken, denn seinen tapferen 100 Schafe standen zumindest 1000 Berlinerinnen und Berlinern samt Kindern, Buggys, Fahrrädern und Dackeln entgegen, die allesamt die Ankunft der Schafe fiebrig erwarteten. Da baute er mit seinen Helfern dann lieber erst einmal ein Gatter, damit die armen Schafe sich nicht in der Menge sozusagen gleich verlören. Und auch der junge Lehrling unter den zwei Schäfer-Hunden fand so viele Menschen um ihn herum ziemlich beängstigend.Erbekam Dünnschiß.

Aber dann öffnete sich die Klappe: Das erste Schaf auf der Rampe guckte etwas verdutzt: sooo viele Leute auf einen Haufen hatte es eigentlich noch nie gesehen. Aber seine Begleiterin und die anderen drängten raus und so blieb auch dem bedächtigen Oberschaf  nichts anderes über, als tapfer auf diese so grässlich vielen Berliner zuzurennen. Zum Glück war da der Chef, Schäfer Knut Kucznik und der hielt eine Rede: er wolle den Berliner für eine Woche zeigen, wie das Schafe hüten geht. Und so eine bekannte Stimme hört man als Schaf doch immer gern. Dann sprach der Organisator des Ganzen: Niels Rickert vom Gemeinschaftsgarten Allmende-Kontor mit ähnlich ländlich-vertrautklingendem Küsten-Tonfall. Niels Rickert dankte allen Beteiligten, wie vor allem dem Verband der Berufs-Schäfer, den Sponsoren und Behörden, der Grün Berlin GmbH und dem Gemeinschaftsgarten Allmende-Kontor. Danach hielt Klaus Prätor, Betreiber eines „Arkadien“-Blogs zu den Themen Hirtenwesen und Allmenden,eine erhellende Fest-Rede. Es war zu erfahren, dass das Zusammenleben von Schaf und Mensch am Anfang der menschlichen Kultur stand und über 10.000 Jahre praktiziert wird.Das westeuropäische Alphabet entstand in Kreta vor etwa 3000 -35000 Jahren und zwar einzig und allein,um das Zählen und Erzählen der resp. über die kostbaren Schafe zu ermöglichen. Klaus Prätor erinnerte daran, dass bei einer Umfrage in den 1990er Jahren die Berliner nichts sehnlicher gewünscht hätten, als die Wiederkehr der Schafe zurück aufs Tempelhofer Feld. Und er machte darauf aufmerksam, dass die momentanen Finanz-, Privatisierungs- und Einzäunungspolitik dabei ist, der uralten Kulturform der Wanderschäferei wie des Hirtenwesens generell ein endgültiges Ende zu bereiten… Dass die Berlinerinnen und Berliner mit dieser Politik nicht einverstanden sind, das war heute deutlich zu erfahren. Sogar die angeleinten Hunde schwiegen beeindruckt. Nur ein großer Schäferhund einer mediterran wirkenden Familie konnte nicht an sich halten, er jaulte herzzerreißend. Es klang wie: „Ach, wie gern wäre auch ich ein echter Schäferhund geworden!“

Nachdem die Schafe aus dem Gatter raus durften retteten sie sich aus freie Feld. Womit sie nicht gerechnet hatten: diese Berliner folgten ihnen von nun an auf Schritt und Tritt. Wie soll man da bloß zu geruhsamem Grasen kommen?

Es bestand die Einladung allabendlich zum Schäfchenzählen beim Zusammentreiben der Herde zu ihrer Schlafstatt rings um das Haus 104 zu helfen. Mit der Chance, Schäfer Knut Kucznik beim Spinnen vom Schäferlatein lauschen zu können. Gleich am ersten Tag wären drei Schafe fast ausgebrochen, erzählte er einmal. Die wollten abhauen! Aber dann hätte ein beherzter Berliner sich in voller Länge ins Eingangstor gelegt und die Ausreißer konnten gestoppt und  zur Herde zurück geführt werden…

Die Schafe regten an: zum Spinnen von Zukunftsvisionen. Seine Frau erzählte mir Hussein auf der Parkbank würde ihren Joghurt viel lieber von frischer Schafsmilch als aus Supermarkts-Milch machen. – Am Ende der Woche hatten Schafe und Berliner sich gut einander gewöhnt, die Schafe grasten friedlich inmitten der sie beglückt bestaunenden Berlinerinnen samt Kinderscharen. Man fragt sich wieso eigentlich es in Berlin keinen Wanderschäfer gibt wie in etwa in Nürnberg, Turin oder Paris? Wo übrigens die Schafe im Sommer durchaus über die Straßen von einer Fläche zur anderen getrieben werden.

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