Das liebe Vieh und seine Hörner

Am 25.11.2018 wurde in einer Schweizer Volksabstimmung gefragt, ob man den Kühen ihre  Hörner gönnen soll. 54 % der Bevölkerung waren dagegen.  Das negative Abstimmungsergebnis dieser Schweizer Volksabstimmung zeigt vor allem eines: Die Leute schreien zwar gerne nach Tierschutz, aber im Zweifelsfall geht die neue Pan-Gottheit „Sicherheit“ vor…   Ein Teil der Allgäuer Milchbauern schaffen es auch ohne Staatshilfe, wie mir meine Käsefrau auf dem Wochenmarkt erzählte: Dort geben die Molkereien jenen Bauern und Bäuerinnen, die die „Hörndl“ dran lassen, 5 Cent mehr für die Milch. Denn zu einer Touristenregion gehört nun einmal das liebe Vieh. Und zwar auf der Weide. Ohne Hörner oben drauf sehen die armen Rindviecher in den Augen vieler Touristen irgendwie traurig aus…  Dass es den Tieren ohne ihr Kommunikationsorgan Hörner nicht gut geht, kann man merken. Sie können der Nachbarkuh nämlich schlechter ansehen, ob sie gerade guter oder schlechter Laune ist. Mit den Hörnern können sie zudem sozusagen Dampf ablassen, beim Wiederkäuen erwärmen sich die Hörner…

Wir als städtische Einkäufer können natürlich auch etwas dran drehen, indem wir versuchen, konsequent nur noch die Milch von Kühen kaufen, die ihren Kopfputz behalten durften. Z.B. Demeter-Milch: da bleiben die Hörner den Tieren erhalten. Oder reine Weide-Milch, denn da ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Kühe frei und draußen grasen durften, und daher auch ihre Hörner behalten durften groß. Denn schaden tun die Hörner nur in den angeblich so tierfreundlichen Laufställen. Aus denn nämlich kommen die Tiere das ganze Jahr nicht raus.  Dank Frust über den Bewegungsmangel nehmen sie sich schließlich – mit der langweiligen Stall-Welt unzufrieden – gegenseitig auf die Hörner. Mir scheint das alte System Anbindehaltung während der Nacht aber Freigang während des Tags viel tierfreundlicher als das Neue mit dem Wegsperren der Tiere in einen für die meisten Landwirte überteueren „Schöner Wohnen“ Wohlfühl-Stall.

Veronikas 12 Kühe zumindest (wir nächtigten bei ihr mit einer ganzen Studentengruppe im Heu), die kamen abends stets von ganz allein nach Haus und trotten von allein auf ihren angestammten Platz neben der besten Freundin, wo sie dann zum Melken und über Nacht angebunden wurden. Am nächsten Morgen kamen sie dafür gleich nach dem Melken sicher wieder raus, selbst bei Nebel durften sie allein im Warthebruch herumziehen. Diese Kühe wurden 20 Jahre alt, ohne jemals krank zu werden. Die Nachbarn rannten Veronika die Bude ein, um sich am Küchentisch einen Teil ihrer Milch in ihre mitgebrachten Verhältnisse einfüllen zu lassen. Dann kam die EU. Und Vorschriften über den Platz im Stall. Ob die Kühe tagsüber raus durften, wurde nicht berücksichtigt. Und dann nahm auch südlich von Poznan / Posen die Werbung überhand, die den Städtern erfolgreich einredete, tot gekochte Milch aus Riesenmolkereien sei „hygienischer“ und also „sicherer“. Und  die Industriemilch sei daher der wilden Produktion aus  freilaufendem Hornvieh vorzuziehen. Wegen angeblich mangelhafter Hygiene galt nun die ab Hof verkaufte Milch als nicht mehr statthaft, wurde schließlich sogar illegal…   Wäre nicht moderner Tierschutz: keine Milch mehr von Kühen zu kaufen, die sich in Ställen langweilen mussten? Zumal es auch im Sinne des Klimaschutzes wäre, Weide-Milch zu kaufen, die übrigens auch den allermeisten Menschen deutlich bekömmlicher ist….

(CC) Elisabeth Meyer-Renschhausen