Was heißt eigentlich „Allmende“?

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Das altertümliche Wort Allmende (die Allgemeine oder „Gemeinheit“) bezeichnet eine Gemeindeflur, in der Regel den Grundbesitz einer Dorfgemeinschaft. Oft waren es die so genannten „Ödländer“ die bis zur Neuzeit in Gemeinbesitz blieben. Im Mittelalter handelte es sich hierbei in Europa meistens um Wiesen, magere Ackerländer, Waldstücke oder Seen, die von allen Dorfbewohnern gemeinschaftlich bewirtschaftet wurden. Die Allmenden beruhten seit dem Mittelalter in der Regel auf schriftlichen Verfassungen, die von allen Mitgliedern gemeinsam sorgfältig ausgearbeitet wurden. Allmenden sind heute wohl am besten als genossenschaftlich verwalteter kommunaler Besitz zu verstehen.
Die amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin Elinor Ostrom durchforstete zahllose Doktorarbeiten über Commons in aller Welt. Sie kam zu dem Schluß, daß zum Erhalt der Allmenden eine Kontrolle der Einhaltung der Regeln gehörte. Im Verfehlungsfall wurde der betreffende Allmend-Genosse zunächst sanft ermahnt, im Wiederholungsfall etwa durch Ausschluss hart bestraft. Auf diese Art und Weise konnte die vom Biologen Garrett Hardin postulierte „Tragik der Allmende“, nämlich die Übernutzung, vermieden werden. Eine Übernutzung trat oft dann erst ein, wenn der Staat von oben in die Allmende Verfassungen eingriff. Bis ins späte Mittelalter besaßen viele Dorf- und Stadtgemeinden Europas solche Allmenden (engl. „common“, amerik. engl. „commons“, franz. „bien communal“, span. „el ejido“, niederl. „Markegenootschap“) in jedem Dorf. In Europa wurde erst mit der Einführung des römischen Rechts ab der Renaissance ein „absoluter Besitz“ an Grund und Boden möglich. Die Übertragung gemeinschaftlicher Flächen in herrschaftlichen bzw. privatwirtschaftlichen Besitz löste heftigen Widerstand aus und war einer der Auslöser für den deutschen Bauernkrieg ab 1525. In Preußen wurden die Allmenden im Zuge der „Bauernbefreiung“ 1806-16 privatisiert. Die Folge war, daß die landlosen Kleinhausbesitzerinnen auf dem Land zu einer Hungerschicht wurden. Sie begannen auf der (oft vergeblichen) Suche nach (auskömmlicher) Arbeit, umherzuziehen und fielen bald den städtischen Armenfürsorgen zur Last.AKBlumenprachtSept13 Heute zählen etwa in England noch ca. 4% der Landfläche zu den Commons. In London wurde 1945 dafür gesorgt, daß jeder Stadtteil ein Common erhielt, die heute Parks darstellen, in denen auch Sport betrieben wird, die aber immer öfter auch „children farms“ oder „community gardens“ beinhalten. In den Alpen werden viele Almen (Singular: Alm) weiterhin als Gemeinheiten gehalten, in ganz ausgeprägtem Maße in der Schweiz, aber auch in Österreich sowie auch in Oberbayern. Die Namen von Stadtparks wie etwa in Boston, Mass., „Boston Common“ erinnert daran, dass hier ehedem die gemeinsame Kuhweide der Bostoner Bürger war, als die meisten Bostoner noch Ackerbürger waren. Nach dem Ersten Weltkrieg garantierte die Reichs-Kleingarten- und Siedlungsverordnung und später das entsprechende Gesetz (beide bereits1919 erlassen), daß jede und jeder Einwohner einer Gemeinde, die oder der es brauchte, einen Koloniegarten zur Selbstversorgung zur Verfügung gestellt bekam. Die Kommunen hatten eine entsprechende Bodenvorratshaltung zu betreiben, die ihnen ermöglichte, stets entsprechende Ländereien für Schrebergartenparzellen bereitstellen zu können. Das Grund-Recht auf einen Kleingarten für jedermann wurde erst in den 1980er Jahren aus dem Bundeskleingartengesetz entfernt, als es infolge Interventionen der Bauindustrie „aufgeweicht“ wurde. Allmende-Kontor auf dem Tempelhofer Feld September 2013 Heute sorgt die weltweite soziale Bewegung für Community Gardens und innerstädtischen Gemüseanbau mit ihrem Ruf nach „Reclaim the Commons“ („Fordert die Allmenden zurück!“) für eine Neuauflage der entsprechenden Debatte. Wahrscheinlich handelt es sich mit dieser neuen sozialen Bewegung um die quasi naturnotwendige Reaktion auf das weltweit um sich greifende „Landgrabbing“ durch Investoren, die eher eine Geldanlage suchen, als dass sie am Kultivieren des Landes interessiert wären. Das Projekt Allmende-Kontor auf dem ehemaligen Tempelhofer Flughafen möchte mit seinem Namen an die Notwendigkeit erinnern, dass gerade die Groß-Städte in unsicher werdenden Zeiten Flächen für den Gemüseanbau auch im innerstädtischen Bereich vorhalten müssen. Erwerbslose, Prekäre und zwangsweise Untätige wie Asylsuchende brauchen – wenn sie es möchten – die Möglichkeit einer sinnvollen Beschäftigung. Gemüseanbau in Gemeinschaftsgärten dient zudem der praktischen Umweltbildung und ganz besonders der Reflexion gesundheitsschädlicher Speiseformen. Als eine körperliche Beschäftigung, die mit sinnlichen Erfahrungen verbunden ist, bringt diese Wiederaneignungsform der Allmende Freude an der Schönheit der Natur. So dient die gärtnernde Allmend-Bewegung zugleich der unaufgeregten Inklusion von Nicht-Muttersprachlern, der Prävention von Anomie in benachteiligten Stadtteilen und damit dem Erhalt des sozialen Friedens.

weiter lesen:

Elinor Ostrom, Was mehr wird, wenn wir teilen – Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter, hrsg. von Silke Helfrich, München: Oekom 2. Aufl. 2012
Elisabeth Meyer-Renschhausen, Commons – Allmenden. Von der Gegenwärtigkeit eines als vergessen geglaubten Phänomens, In:  infoclio Schweiz

Link zum Allmende-Kontor
Das Allmende-Kontor erarbeitete mit dem ZALF das Stadtacker.net

Soliblog von Klaus Prätor

(cc by nc) Elisabeth Meyer-Renschhausen