Bücher zum Buddeln

Eine weltweite Bewegung junger „Großstadtbauern“ praktiziert Gemüseanbau in Kisten. Ihr Buddeln holt sich das Habtisch-Sinnliche ins Leben zurück. Es richtet sich zugleich gegen zerstörerische Konsummuster, die Grausamkeiten wie beispielsweise die Massentierhaltung ermöglicht. In unzähligen Zeitungsreportagen, Ratgeberbüchern und schönen Bildbändern wird über das neue Interesse am kommunalen Gemüseanbau berichtet.

Wie aus dem Nichts wurde vor etwa zwei Jahren ein Gemeinschaftsgarten in Kreuzberg, der „Prinzessinnengärten“ von „Nomadisch Grün“ ein absoluter Publikumsliebling. Ihm folgte der Gemeinschaftsgarten „Allmende-Kontor“ auf dem ehemaligen Berliner Flughafen Tempelhofer. Hier erfolgt der Gemüseanbau in kreativen Kisten, was nach dem nordamerikanischem Vorbild des „Reclaim the Commons“, an die Notwendigkeit von kommunalem Besitz an kultivierbarem Land erinnern will. Ein Kunstband aus Leipzig resp. München porträtiert einige dieser neuen „Commonisten“, der jungen Leuten, für die die Allmende, the „common“, also das Miteinander-Teilen, Gärtnern, Kochen und gemeinsame Speisen die Gegenstrategie gegen Massentierhaltung, Welthunger und Gentechnik ist.  Das Peter-Lenné-Beet wird besätDer österreichische Verein für den Erhalt alter Gemüsesorten, „Arche Noah“ erklärt uns in schön gestalteten Fachbüchern von Andrea Heistinger, wie man erfolgreich sein eigenes Bio-Gemüse anbauen kann oder sogar sein eigenes Saatgut erzielen kann. In ihrem neusten Buch „Bio-Garten“ erläutert Andrea Heistinger auf 600 Seiten nicht zuletzt die Erfahrungen im eigenen Garten.

Karen Meyer-Rebenstich erzählt in ihrem Band von den vielen bunten Gemeinschaftsgärten in den Städten der Bundesrepublik. Dazu gehört auch die sich rasant ausbreitende Bienenhaltung. Aus der Gemüseanbaubewegung entsteht zudem eine neue städtische Landwirtschaft im engeren Sinne, egal ob bei Hamburg, München, oder in Berlin. Es handelt sich um Selbsternteprojekte wie die Berliner „Bauerngärten“ oder Projekte einer neuen „Solidarischen Landwirtschaft“, auf Englisch CSA „Community Supported Agriculture“. Die Beteiligten (Konsumenten) geben dem Gemüsebauern im Voraus eine feste Summe Geldes und helfen dem Landwirt bei bestimmten Arbeiten. Der Bauer erhält so Planungssicherheit und die Community bekommt den Biogemüseanbau beigebracht.CityGartenKürbiss2639

Prekär Lebende oder Erwerblose freuen sich über die zunehmende Anzahl von Büchern wie jenes von Christine Recht, über die „Ernte am Wegesrand“, die zum Sammeln und Verwenden von Wildkräutern anleiten. Und auf dem Land erschaffen einige Bäuerinnen trotz Engagement in Stall, Büro und Küche erstaunliche Wunderwerke von Obst-Gemüse-Bauerngärten inmitten einer überschäumenden Blumenpracht. Alle sind sich einige: „Hier wächst die Hoffnung“, Gärten sind ebenso alt wie die Begeisterung in einer Art Wellenbewegung immer wieder neu entflammt und sich offenbar gerade in Krisen gegen Verzagtheit rechtzeitig einstellt. Christa Pöppelmann erinnert daran, daß die Grundform des heutigen Kloster- oder Bauerngartens bereits von den alten Persern ins Zweistromland eingeführt wurde und dass das Paradies-Wort aus dem Persischen stammt wie überhaupt auch unsere Gemüsepflanzen fast allesamt „Migranten“ sind.

Klar ist: die neue Gemüsegärtnerei erweist sich als ein wunderbares (Umwelt-)Bildungsmittel und hilft auch zur Reflexion gesellschaftlich ungesunder Ernährungsverhältnisse. Die Bildbände lassen in einem die Hoffnung aufkeimen, dass das neue städtische Gärtnern hierzulande vermehrtes Verständnis für die Arbeit von Kleinbäuerinnen im globalen Süden erzeugt. Dazu verhilft, die Kleinen durch entsprechendes Einkaufverhalten zu unterstützen, statt ihnen etwa durch Dumpingimporte die lokalen Märkte zu nehmen. Nur die kleinteilige Landwirtschaft egal ob im tropischen Bergland oder in den urbanen Gemeinschaftsgärten garantiert den Erhalt der biologischen Vielfalt sowie den Frieden in gefährdeten Vierteln in ungerechten Zeiten.

Andrea Baier, Christa Müller, Karin Werner mit Fotos von Inga Kerber, Stadt der Commonisten – Neue Räume des Do it yourself, Bielefeldt: Transcript 2013, 230 Seiten zahlr. Abbildungen € 24,90

Britta Freith mit Fotos von Bigi Möhrle, Hinterm Stall die Blumen – Landfrauen und ihre Gärten, Stuttgart: Ulmer 2013, 190 Seiten zahlr. Abbildungen € 29,90

Andrea Heistinger / Arche Noah, Das große Biogartenbuch, Stuttgart: Ulmer 2013, 624 Seiten zahlr. Abbildungen, 39,90 €

Karen Meyer-Rebentisch, Das ist Urban Gardening! München: BLV 2013, 175 Seiten, zahlr. Abbildungen, 19,99 €

Nomadisch Grün, Hrsg., Prinzessinnengärten – Anders gärtnern in der Großstadt, Köln: Dumont 2011, 220 Seiten zahlr. Abbildungen 29,90 €

Christa Pöppelmann, Hier wächst die Hoffnung – Von der Laubenkolonie zum Guerilla-Garten, Hildesheim: Gerstenberg 2012, 191 Seiten zahlr. Abbildungen, 24,95 €

Christine Recht mit Fotos von Max Wetterwald, Ernte am Wegesrand, Wildkräuter, Früchte und Beeren, Stuttgart: Ulmer 2013, 128 Seiten zahlr. Abbildungen 9,90 €

© Elisabeth Meyer-Renschhausen