Tempelhofer Feld: Freiraum für alle

Tempelhofer Feld: Bauen oder Freiraum?
Vor dem I. Weltkrieg sprach man von Bodenspekulation
Der Streit um das Tempelhofer Feld ist nicht neu. Kurz vor dem ersten Weltkrieg versuchte das Militär aus dem Verkauf des Tempelhofer Feldes Kapital zu schlagen. Genauer gesagt aus einem Teil der Tempelhofer Feldes, das es für Paradeaufzüge nicht mehr brauchte. Übrigens mit Erfolg. Zumindest zunächst. Wenig später kam dem Fiskus der Krieg dazwischen…1910 wandte sich die Finanzverwaltung des Militärs an die Stadt Berlin und trug ihr an, den Westteil des Tempelhofer Feldes zu kaufen. Unter Umgehung der Gemeinde Tempelhof, die als Eignerin und insofern zuständig für den Bebauungsplan hätte zuerst gefragt werden müssen. Die Empörung war groß. Das Tempelhofer Feld war das größte städtische Erholungsgebiet für die Bewohner von Schöneberg, der Tempelhofer Vorstadt (heute Kreuzberg) und Rixdorf (heute Neukölln) in ihren übermäßig eng bebauten Mietshausquartieren. Über zwanzig Fußballvereine trafen sich allsonntäglich auf dem Tempelhofer Feld zum zu spielen. Zeitgenössischen Gemälden zufolge war das Tempelhofer Feld damals immer gut besucht. Denn schon damals waren das östliche Schöneberg, der Bergmannkiez und der Kiez rings um die Hermannstraße mit öffentlichem Grün deutlich unterversorgt. Der Blick vom Tempelhofer Berg (dem heutigen Kreuzberg) zog die Leute an, immer mehr  Gartenlokale wie jenes an der Brauerei (Methfesselstraße) sowie die schönen Baumbestände an den Rändern und die große Freifläche.

Daher regten sich, als die Geheimverhandlungen zwischen Fiskus, Berlin und Bank ruchbar wurden, besonders die Lehrervereine empört darüber auf, dass ein Drittel der Erholungsfläche verschwinden sollte: Wussten denn nicht alle, dass die Jugend Berlins kaum Freiflächen zum Toben hatte? Architektenverbände protestierten ebenso wie die Tempelhofer Hausbesitzer und Steuerzahler. Der Verband der Volkschullehrerinnen forderte den Erhalt des Felds als Spielfläche. Die Berliner Frauenverbände plädierten zusammen mit den Bodenreformern und den Ärtzevereinigungen für den Erhalt des Frischluft- und Erholungsgebiets aus sozialen sowie gesundheitlichen Gründen. Das Tempelhofer Feld sei als grüne Lunge für die Berliner unabdingbar, die Jugend brauche Auslaufraum.

Vor allem empörte man sich, dass der Fiskus mit seiner Preistreiberei eine sozialverträgliche Bebauung absolut untergrabe. Durch die vom Fiskus viel zu hoch angesetzte Verkaufssumme wären trotz Gartenstadtplänen die üblichen Geschoßwohnungsbauten samt Seitenflügeln oder Hinterhäusern vorgegeben. Die, die bekanntlich zu einem extrem Lichtmangel in den Wohnungen führen würden, mit den bekannten Folgen wie TB etc. Zudem sollten die meisten Wohnungen so groß ausfallen, dass sie allenfalls für 4-6 % der Berliner erschwinglich sein würden, für Bedürftige jedoch gänzlich unbezahlbar. Hohe Mietpreise waren durch die Forderung des Militärs von 72 Millionen Mark defacto Diktat. Gekauft hatte Preußen das Gelände 1823 bis 1839 von Tempelhofer Bauern zu einem Tausendstel…

Trotz „Proteststürmen“ in Form vieler Reden, Artikel und Denkschriften kam die Zivilbevölkerung gegen die unheilige Allianz von Fiskus, Behörden und Banken nicht an. Das westliche Tempelhofer Feld wurde zur Bebauung freigegeben. Schließlich stach die Gemeinde Tempelhof in einem Zusammenschluss mit der Deutschen Bank Berlin aus und kaufte das Gelände selbst. Tempelhof überließ Vermarktung und Entwicklung der Bank. Die gründete eine Tempelhofer Feld Aktiengesellschaft. Der Bau der Gartenstadt Neu-Tempelhof wurde am heutigen Platz der Luftbrücke begonnen. Mit eben jener engen Mietshausbebauung, wie sie Sozial- und Lebensreformer seit Jahren kritisierten, weil sie die Menschen in ihren Licht- und Luftlosen Verliesen verkümmern liess.

Dann kam der I. Weltkrieg. Am Ende hatten die alten Allianzen und Mächte von Kaiser, Banken und Behörden sich völlig unglaubwürdig gemacht. Berlin bekam eine ernsthaft sozialpolitisch denkende Regierung. Nun wurde der Kompromissvorschlag der Reformer von 1910 umgesetzt: es entstand eine Gartenstadt mit niedrigen Häusern und schmalen Straßen zugunsten von Gärten. Da die Errichtung der Gartenstadt staatlich gefördert war, mussten sich die Hauserwerber verpflichten, ein Teil ihres Gartens mit Gemüse zu bestellen. Die Wohnungen wurden bevorzugt an (unterbeschäftigte) Kriegsversehrte gegeben. Eine der wenigen Gartenstädte Berlins, die nie eine Genossenschaft war. Die infolge der Gier des Fiskus hochgetriebenen Bodenpreise machten schließlich aber auch die Randbebauung im Geschoßwohnungsbau notwendig, hier baute man immerhin konsequent Kleinwohnungen. Ihren Bewohnern hat die Gartenstadt ihre zahlreichen Fußwege zwischen den Gärten auch den gartenlosen Anrainern offen zu halten. Ebenso wie der ringförmige Park, der „Parkring“ samt Planschbecken selbstverständlich allen Berliner offen stand. Interessant wäre zu erkunden, wann die ursprünglichen Straßennamen zugunsten von solchen bekannten Offizieren der Luftfahrt verschwanden…   Sollen die kriegerischen Namen an die staatlichen Bodenspekulanten von 1910, jene größenwahnsinnige Militärs samt ihrer Verwaltung erinnern, denen wir den I. Weltkrieg (zumindest mit-)zu verdanken haben?

HINTERGRUND: HEUTE STREIT UM DIE FLÄCHEN

Als der derzeitige Berliner Bau- und Umwelt-Senator sein Amt antrat, meinte er, dass der 2007 geschlossene Flughafen auf dem Tempelhofer Feld nicht bebaut werden solle. Die 386 Hektar sollten vielmehr für die Berliner als Grüne Lunge, zwecks Erholung, Sport und Spiel und für den Naturschutz freigehalten werden. Auch die letzten Kleingärten am Rande des ehemaligen Flughafens, die dort nach dem I. Weltkrieg entstanden waren, standen nicht in Frage, vielmehr dachte man an eine nachhaltige Landwirtschaft auf Teilen des Feldes.

Am 8. Mai 2010 eröffnete Berlin den neuen Park auf dem ehemaligen Flughafen mit einem Fest. Ab Herbst konnten Bürger-Initiativen und kreativen Kleinstunternehmungen sich um die temporäre Nutzung eines Stücks vom Feld bewerben. Bei der Feier zum einjährigen Bestehen des neuen Parks im Mai 2011 kam die damalige Senatorin für Stadtentwicklung höchstpersönlich per Rad in den Park, um die verschiedenen so genannten Pionierprojekte in Augenschein zu nehmen. Allerdings setzte die Verwaltung gleichzeitig eine Tempelhof Entwicklungs-AG ein, die das zur Tempelhofer Freiheit umgetaufte Land „entwickeln“ sollte. Und schrieb einen internationalen Wettbewerb für die Gestaltung des künftigen Parks auf dem Gelände aus. Der verschlang viel Geld. Der sympathische Wettbewerbsgewinner aus Schottland zeichnet sich dadurch aus, vom Drive und dem Klimawandel dank Pionierprojekte keine Ahnung zu haben. Die Bürger-Projekte schiebt er in seinem Plan in viel zu klein bemessene zugige Ecken.

Infolgedessen übersieht die derzeitige Planung, dass mit den kreativen Anwohner-Projekten die große Freifläche zu einem der ganz großen Publikums-Magneten Berlins avancierte. Tausende von Touristen kamen nicht zuletzt auch und gerade deshalb nach Berlin um das andere, das kreative – neben anderem gemeinschaftlich gärtnernde – Berlin auf dem Tempelhofer Feld zu bestaunen. Dem großen Gemeinschaftsgarten Allmende-Kontor gelang eine bespiellose Integration von verschiedenen Anwohnergruppen aus aller Herren Länder. Den wilden Jungs vom Schillerkiez gelang die Gestaltung eines offenen Hinterhofgarten, der viele frisch Verwitwete tröstete. Ältere Damen sammeln den von anderen hinterlassenen Müll ein. Die Arche Metropolis auf der Westseite des Feldes offerierte der Jugend der Welt zahlreiche Abendkonzerte mit Bierausschank und war jeden Abend voller glücklicher Besucher.

Doch dann kam im Herbst 2012 der große Angriff auf die Berliner Politik. Wahrscheinlich lanciert durch die Bauindustrie resp. die dahinter steckenden Investoren und Banken wurden im Herbst 2012 in der Hamburger Zeitung Die Welt die „Favelas des Mittelstandes“ angegriffen. Was war gemeint? Die Berliner Kleingartenbesitzer möchten doch bitte sehr einsehen, dass sie innerhalb des S-Bahnringes, also in der inneren Stadt Berlin ihre unansehnlichen Kleingärten aufzugeben hätten. Schließlich brauche man Bauland. Zeitgleich gab die Landesregierung in Berlin bekannt, dass sie kein Geld habe, um auf dem Tempelhofer Feld eine Internationale Gartenausstellung zur errichten. Man verschob die geplante IGA nach Marzahn, wo erst kürzlich ein großer Park zu einem Garten der Kulturen der Welt ausgebaut worden war. Damit war das Feld offenbar der Finanzindustrie geopfert worden, die auf Deubel komm raus einen Teil der Fläche bebauen will. Banken müssen ihre durch Spekulationen angehäuften virtuellen Millionen in reale Werte umwandeln – das „Bankprodukt“ heißt Hausinvest. Das über alle Maße verschuldete Berlin, das das Gelände des Tempelhofer Feldes dem Bund abkaufen musste, hat – scheint´s – keine Wahl. Nun redet der Senator von sozialem Wohnungsbau auf Berlins größter grüner Lunge. Aber alle Expertengespräche auf dem Feld haben bereits im Vorfeld klargestellt, dass ein Wohnungsbau zumal durch Investoren auf dem Feld nicht möglich ist. Niedrige Baupreise sind angesichts der vom Staat durch Kauf und Verkauf in die Höhe getriebenen Bodenpreise im inneren Berlin nur noch durch Eigenbau und selbst-Hand-anlegen möglich, egal ob bei Neubau oder dem Umbauen von leer stehenden Schulen und Fabriken.

Last but not least: Berlin hat etwa auf 350 Hektaren Lehrstände aller Art: Fabriken, Schulen, Kranken- oder Lagerhäuser etc. Es ist allemal sehr viel preiswerter, diesen Leerstand in Wohnraum zu verwandeln, als neu zu bauen. Sozialverträglicher Wohnraum lässt sich nur durch „behutsamen Stadtumbau“ erreichen. Der ökologische Fussabdruck der Stadt ist erheblich geringer, wenn sie Instandsetzen fördert, als auf Neubauten setzt, die neben dem Boden auch andere Ressourcen verschlingen. Während an Neubauten eher externe Investoren und Banken verdienen, schafft das Reparieren und Umbauen von Altbestand dem örtlichen Mittelstand und Handwerkern Aufträge und Beschäftigung. Kurzum: Instandsetzung und Umwidmung der vorhandenen Leerstände ist sozialökologisch sehr viel sinnvoller und nachhaltiger als Neubau, sollte daher Vorrang haben und würde das wertvolle Biotop Tempelhofer Feld vor der Bebaung schützen.

(c)  elisabeth.meyer-renschhausen@fu-berlin.de