Gemeine Partizipation: Feldkoordination

Berlin: Am 7. November werden in der Alten Zollgarage des Flughafengebäudes, erneut die Feldkoordinatoren für das Tempelhofer Feld gewählt. Das ehemalige Flugfeld und die vormalige Weide des früheren Dorfs Tempelhof soll als neue Form einer Gemeinheit (engl. common oder amerik. commons) von dafür eigens gewählten Bürgern und Bürgerinnen gemeinsam als Park resp. klimarelevante offene Freifläche entwickelt werden. Die bisherige Bürgervertretung würde sich freuen, wenn sich viele interessierte Bürger und Bürgerinnen aufmachten und am Wahlakt beteiligten, mit dem für weitere drei Jahre die Feldkoordinatoren aus der Bürgerschaft Berlins bestimmt werden. Auf dieses Beteiligungsmodell ist man in Berlin seitens Politik und Verwaltung sehr stolz, es gilt als einmalig und weltweit wegweisend. Denn wesentlich die Bürger sollen entscheiden, was aus dem Feld wird, also wie viel(e) freie Fläche, Bäume, Schafe und Gemeinschaftsgärten, Spielflächen, Bänke, WC-Häuschen oder Skaterbahnen und Sozialprojekte das Gelände braucht, um der Allgemeinheit der Berliner und ihrer Besucherinnen optimal dienen zu können.

Die Arbeit als Feldkoordinatorin ist nicht un-zeitaufwendig, fünf bis sechs Stunden pro Woche und möglichst mehr, muss so eine Feldkoordinator für die Sitzungen, deren Vorbereitungen und das Lesen der entsprechenden Unterlagen wie u.a. der Protokolle etc. schon einrechnen. Und anstrengend ist die Mitarbeit in der Feldkoordination, insofern die Gier der Bauindustrie nach neu zu bebauenden jungfräulichen Flächen seit der letzten Finanzkrise 2007 unendlich ist und der Druck, den sie auf die Politik ausübt, sich bis in die Berliner Verwaltung hinein fortsetzt. Dank geschicktem Lobbying der Bau- und der dahinter steckenden Finanzindustrie, meinem sogar einige Grüne Abgeordnete, man müsse über eine eventuelle „Randbebauung“ des Tempelhofer Feldes erneut nachdenken, statt das geldpolitisch bedingte Spekulieren mit Häusern und Wohnungen anzugehen. Und das trägt sich in die Feldkoordinatorenschaft hinein. Die dann etwa, wenn einer ihr 200 Obstbäumchen schenken will, gewissermaßen gellend aufschreit und vermutet, dass am Tag nach der Baumsetzung die Bauindustrie dieses Buddeln für ihre Zwecke nutzen könnte… Eine derartige Streiterei um Bäume, in Zeiten da wir Schatten brauchen, ist jedoch eher unfruchtbar und ungesund. Sie frisst kostbare Zeit, die für Kreativeres genutzt werden könnte. Wie z.B. wäre zu erreichen, dass eine so riesige Fläche wie ein Parkplatz für Flugzeuge aus der Nazizeit am Empfangsgebäude vom Denkmalschutz (offenbar zugunsten von Autorennen)  wieder entbunden wird? Wie wäre zu erreichen, dass soziale Arbeit, die  ohnehin meistens nur mager entlohnt wird, nicht mit reinen Gewerbebetrieben wie etwa einem E-Roller-Verleih in einen Topf gesteckt wird? Wie kann man den ausgegliederten Behördenteil namens Grün Berlin GmbH besser kontrollieren, da er als „Privatbetrieb“ mit „Geheimhaltspflicht“-Argumenten die Bürgerkontrolle ständig unterläuft? Dazu kommt die Frage, wie man das Tempelhofer Feldgesetz so auslegen kann, dass es soziale und sozialpädagogische Projekte auf dem Feld besser fördert und unterstützt. Denn das wunderbare Tempelhofer Feldgesetz krankt an einem Freizeitbegriff, der das Nachdenken über eine neue städtische Agrarkultur eher aus- denn einschließt. Selbsthilfe, Eigenarbeit und Selbstversorgung als „privates“ Agieren zu verstehen, sollte jedoch fragwürdiges Privileg der Verwaltung blieben. Bürgerengagement sollte wissen, dass die Subsistenzarbeit der Ärmsten und kreativer Prekärer nur dann erfolgreich ist und sein kann, wenn sie in Form von kooperativem Handeln erfolgt, das die (All-)Gemeinheit anregt und einschließt, hin sozusagen zu einer „Stadt der Commonisten“, wie ein Buch der Anstiftung München betitelt ist. Wir brauchen in Berlin keinen „Central Park“, sondern in der Tat ein offenes Feld, das – indem es auch für alle Arten gemeinwohlorientierte Bürger-Projekte offen ist – sich den Klimawandelfragen optimal stellt. Das „Haus 104“ als Haus der Eigenarbeit, Umweltbildung und Kommunikation, geschaffen von und in den Händen der Feldkoordinator*innen, ist diesbezüglich ein guter Anfang.

Darüber hinaus ist es Arbeit genug, den Politikern klarzumachen, dass die gerne besprochene „sozialverträgliche“ „Randbebauung“ alle Bürgerprojekte auf dem Feld und ihre gesamte zumindest tausend-stündige ehrenamtliche Arbeit zu Makulatur werden lassen würde: alle neugepflanzten Bäume würden fallen, kein Allmende-Garten bliebe, kein „Stadtacker“ und auch kein Schillerkiezgarten…

weiterlesen:

Andrea Baier, Christa Müller, Karin Werner, Stadt der Commonisten – Neue Räume des Do it yourself, Bielefeld: Transcript 2015

Ein geglücktes Allmende-Fest

Tanzlindenfest im Gemeinschaftsgarten Allmende-Kontor auf dem Tempelhofer Feld in Berlin. Die interkulturelle Musikergruppe Folkbär-Orchester spielte und spielte und spielte zwischen den charmant verwilderten Gemüsebeeten und die Besucherscharen tanzten mit. Der neue Vorstand des Gartens und einige weitere Helfer hatten ihr Bestes gegeben: die Tanzlinde hat nun ein Tanzbodengerüst, in das sie hineinwachsen kann. Eine Tanzlinde für den Gemeinschaftsgarten war der letzte Wunsch der Berliner Gartenaktivistin Gerda Münnich, die 2017 starb. Nach dem Gerüstbau und dem grandiosen Auftakt-Konzert der Folkbären mit sicher hundert Lauschenden ging es weiter mit der Jamsession. Von der Kerngruppe schälten die einen die Kartoffeln, Niels und Kristin brieten sie, wieder andere wuschen ab: Die Gärtner und ihre vielen, vielen Gäste genossen die fröhlich friedvolle Stimmung und blieben bis in den Abend: ein gelungenes Fest. Der Gemeinschaftsgarten Allmende-Kontor erwies sich als guter Gastgeber oder sagen wir: als sozusagen guter Allmend-Genosse, der nämlich sein besonderes (Garten-)Glück mit der Allgemeinheit teilt.  

Das Tempelhofer Feld als Gemeinheit

Fünf Jahre erfolgreicher Volksentscheid Tempelhofer Feld! Die große Freifläche bleibt den Berlinerinnen und Berlinern erhalten zu Erholung, Sport und Spiel und das gemeinsame Gärtnern. Wieso? Dank dem entschiedenen Bürgerengagement, das am 24. Mai 2014 den entsprechenden Volksentscheid durchsetzte. Staatssekretär Tidow von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Umweltschutz und Klima betont in seiner Keynote bei der Feier am neuen Bürgerhaus „Haus 104“, dass während dieser Koalition sicher keine grüne Fläche bebaut werden wird!

 

Aber den Bürgern ist das Misstrauen schwer auszutreiben, müssen sie doch gerade an diesem Wochenende erleben, dass die – aus Sicht des Denkmalschutzes offenbar – heilige Vorfläche vor dem Flughafengebäude für Autorennen sehr wohl benutzt werden darf, während die Tempelhomes der Flüchtlinge oder auch der Kinderzirkus davon nocht nicht einmal eine Ecke in Anspruchnehmen  durften. Und gab es da nicht auch gerade erst vor wenigen Wochen erneut den Versuch von entsprechenden Kreisen, den Volksentscheid von 2014 wieder in Frage zu stellen? Und das Feld bebauen zu wollen, statt endlich einmal den skandalösen Leerstand z.B. des Flughafengebäudes anzugehen?

„Eine Gemeinheit – also ein Ärgernis – war und ist das Tempelhofer Feld für alle, die dort lieber bauen wollen, anstatt die Freifläche in der jetzigen Form zu erhalten.“ kündigte die Stiftung Naturschutz ganz lustig eine entsprechende Radtour im Rahmen ihres „Langen Tags der Stadtnatur“ an.

Also, was ist eigentlich eine „Gemeinheit“, die im heutigen Sprachgebrauch eine so merkwürdig negative Bedeutung hat? Eine Gemeinheit ist das, was der Allgemeinheit gehört, ein ähnlich altmodisches Wort wie Allmende, common, commons oder el ejido. Während der Privatisierung der Allmenden während der Preußischen Reformen ab 1813 ( in England geschah das schon viel eher) verschwand mit dem sozialen „Institut“ der Gemeinheit  zunehmend auch der alte Wortsinn.

Der Name des Gemeinschaftsgartens Allmende-Kontor auf dem Tempelhofer Feld hat sozusagen Geschichte gemacht. Was Allmenden sind, wissen wir jetzt wieder. Allmenden sind genossenschaftlich verwaltete Gemeinheiten. (Bisher sagte man oft auch „Gemeingüter“, aber der Begriff ist unscharf, es geht ja hier um etwas, was sicher nicht verkauft werden kann.)

Allmende-Gärten in öffentlichen Parks sind seit der großen grünen Freifläche Tempelhofer Feld eine neue Selbstverständlichkeit. Aber noch immer sind am Südrand des Tempelhofer Feldes die wilden Gärten der Bahnlandwirtschaft „Neuköllner Berg“ oder jene der zweiten Kleingartenkolonie am Tempelhofer Damm gefährdet. Seitdem die Bundesregierung die 1995 Bahn privatisiert hat, gilt das Land, auf dem Bahnlandwirtschaften liegen als Privatland. Die Bahn verlangt von den Kolonien sogar, dass sie ihre Tore verschlossen halten sollen, obschon das Berliner Kleingartengesetz festlegt, dass Koloniegärten Spaziergängern immer offen zu stehen haben…

Die Privatisierung von Bahn, Post und der Bildung war eine große Enteignung der Allgemeinheit. Das Sprechen vom Tempelhofer Feld als einer Gemeinheit machen uns diese Form des Landgrabbings auf Kosten der Allgemeinheit zugunsten von ein paar – sagen wir es deutlich – Gierpötten in den Top-Etagen von Banken, Bahn und anderen Dax-Unternehmen bewusst. Eine Politik der Prävention des Klimawandels, des Natur- und Umweltschutzes ist mit solchen Herrschaften sicher nicht zu machen. Sie gehören samt ihrer Fürsprecher in den Regierungsparteien abgewählt.

mehr hier: Elisabeth Meyer-Renschhausen / Klaus Prätor, Landgrabbing, Allmendaufhebung  und „Reclaim the Commons“, in: Berliner Debatte Initial, 30. Jg. 2019, S.81-93  ( ISSN 0863-4564)

Ein Gartentag im Allmende-Kontor

(c) Elisabeth Meyer-Renschhausen

Eine frische Briese fegt über das Tempelhofer Feld und macht die Hitze sehr viel erträglicher als anderswo in der Stadt. Aber auch hier ist es heiß und die Kinder haben offenbar mit dem Wasser gespielt, nachdem welche von der „Südstadt“ unseres Gemeinschaftsgartens Allmende-Kontor alle Schläuche aneinander geschraubt hatten, so dass auch die südlichen Randbeete per Schlauch begießbar sind. Ich übernehme und gieße mit Hilfe eines begeisterten kleinen Kindes namens Edu die Gemeinschaftsbeete wie den ehemaligen Getreidekringel. Als das Kind keine Lust mehr hat, hilft mir die alte Hildegard die restlichen Gemeinschaftsbeete wie das Peter-Lenne-Beet und die Obst-Bäume zu gießen. Hildegard, 86, ist neuerdings über Khatol, der sie beim Bewirtschaften ihres Beets hilft, in unserem Garten aktiv. Was mich freut: sie kommt vom Lande, von einer LPG und kennt sich aus. Danach fülle ich die blauen Tonnen auf, die natürlich wieder leer sind. Und schließlich rolle ich mit Hilfe von Hildegard alle die vielen Schläuche wieder ein und verschließe das Feuerwehrbesteck in seinem Kasten. Die jungen Männer, die auf der Bankgarnitur vor dem Bienenbeet sitzen, helfen mir bereitwillig den Schlauch über die Beete zu hieven, sie freuen sich eigentlich sogar, mir kurz helfen zu können. Anschließend werden wir von der türkischen Frauengruppe eingeladen, die sich im Schatten der Weide im amerikanischen „Kibbuz“ niedergelassen haben, mit ihnen zu picknicken. Ich genieße die wunderbar schlichte türkische Rohkostkultur. Wir sitzen da sehr schön und friedlich, aber nicht alle Frauen können deutsch. Es kommt kein gemeinsames Gespräch auf. Ich erkläre meiner Nachbarin, einer jungen Mutter, die öfter hier ist, welche Beete sie zu gießen helfen könnte. Erst den Samstag darauf, als wir uns wieder treffen, beginnt Sina zu erzählen, wer von ihnen kurdisch sei. Sie wünscht sich, dass wir wieder mehr Feste machen.

Zurück zum Sommertag im Juli: später pflanze ich meine Biokräuter, gieße mit Humofix angereichertem Wasser und mulche mit meinem mitgebrachten Rasenschnitt. Obwohl sie heute sehr trocken sind, sehen unsere drei Beete ganz gut aus: Topinambur, Bohnen und Kürbisse wachsen in ihren jeweiligen Kisten tapfer vor sich hin. Die rot blühenden Feuerbohnen bringen im Verein mit den orangenen Calendula Farbtupfer hinein. Die vielen Brennnesseln rings um die Beete verhindern allerdings erfolgreich, dass ich weder Petunie noch vorgekeimte Kartoffeln im Topinambur-Container verbuddeln kann… Als ich nach Sonnenuntergang davon radele, sitzen an den verschieden Tischen oder auch auf dem Rasen zwischen den Allmende-Kontors-Beeten um die acht große Picknickgruppen, die sich englisch, italienisch, türkisch, kurdisch oder deutsch unterhalten. Im uneingezäunten Park auf dem Gleisdreieck, den ich später durchquere, der inmitten der Stadt keine Schließzeiten kennt, sitzen im Dunklen bestimmt 15 Jugendgruppen…

Wasserdienst im Allmende-Kontor

Aus dem Grau der Dämmerung heraus fällt sie mir um den Hals. „Elisabeth, meine Süße, wir haben uns so lange nicht mehr gesehen!“ Es ist Günner. Sie arbeitet jetzt bei einem Bäcker. Deshalb kann sie Nachmittags nicht mehr in den Garten kommen. „Kann ich mit dem Schlauch noch eben die lila Gruppe gießen“ fragt sie noch etwas atemlos. Ich muß leider verneinen. Es ist schon fast dunkel. Und im Finstern werden Neulinge wie Marie und ihre Helfer vom „Mintgrünen Klassenzimmer“ es niemals schaffen, die vier Schläuche zurück in ihre Kiste zu bringen. Sie müssen ja auch das Feuerwehrhydrantenbesteck herausschrauben und ebenfalls zurück zu legen. O. k., beruhigt sie sich sofort, Paul werde ihr morgen früh dann wohl helfen. – Ich bin seit kurz vor sechs hier und jetzt ist es bald zehn. Ich komme nicht weg, weil eine Gruppe nach der nächsten zum Schlauch an der Wasserstelle drängt. Es war allzu heiß. Sämtliche Topinambur lassen traurig die Blätter hängen, obwohl sie doch aus ihrer Prärie, wo sie herkommen, Einiges gewöhnt sein müssten. Wir hatten beschlossen, sämtliche Gemeinschaftsbeete zu gießen, auch die hinteren Heckenbeete. Dafür muß man alle vier Schläuche aneinanderschrauben.

Die vier Schläuche bis dahin zu schleppen, ist nicht ganz einfach. Aber die Wandertour entlang des Schlauchs durch den Gemeinschaftsgarten Allmende-Kontor ist nicht uninteressant. Adam aus Tschechien und Sarah aus Frankreich helfen mir, denn für eine(n) allein sind die schweren Schläuche nicht zu bewegen. Wir treffen auf Susanne aus dem Salzkammergut, sie hat mit ihrer Gruppe neun der Heckenbeete unter ihrer Regie, eigentlich klappe es mit dem abwechselnden Gießen ganz gut… in der Nähe der Heckenbeete zupfen zwei verzweifelt an ihrer Zucchini im zu engen Plastik-Beet. Die beiden jungen Frauen haben ihr Beet direkt neben der wohlbestellten Shamba aus Kenia. Sie berichten, dass sie dieses Jahr nur Blumen gesät hätten, weil ihnen letztes Jahr alles, aber auch alles geklaut worden sei. Der Freund der einen unterhält jetzt einen großen Selbstversorgergarten in Sachsen, da würden die Zucchini RIESIG! Dann bleibt der Schlauch bei den Söhnen der Anden hängen, die ich ewig nicht sah. Ihr Beet mit dem lustigen roten Dächlein in der Mitte sieht dieses Jahr wieder ganz gut aus. Anschließend faszinieren Adam, Sarah und mich die Kletterkürbisse an der Knöterichlaube der Italiener. Bereitwilligst erklären sie uns auch die diversen Kohlsorten, die sie gepflanzt haben. Zum Schluß füllen wir die blauen Tonnen an den Wasser-Containern ein zweites Mal und immer noch bitten uns welche, ihnen doch noch eben zehn Minuten den Schlauch zu überlassen…