Das Tempelhofer Feld als Gemeinheit

Fünf Jahre erfolgreicher Volksentscheid Tempelhofer Feld! Die große Freifläche bleibt den Berlinerinnen und Berlinern erhalten zu Erholung, Sport und Spiel und das gemeinsame Gärtnern. Wieso? Dank dem entschiedenen Bürgerengagement, das am 24. Mai 2014 den entsprechenden Volksentscheid durchsetzte. Staatssekretär Tidow von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Umweltschutz und Klima betont in seiner Keynote bei der Feier am neuen Bürgerhaus „Haus 104“, dass während dieser Koalition sicher keine grüne Fläche bebaut werden wird!

 

Aber den Bürgern ist das Misstrauen schwer auszutreiben, müssen sie doch gerade an diesem Wochenende erleben, dass die – aus Sicht des Denkmalschutzes offenbar – heilige Vorfläche vor dem Flughafengebäude für Autorennen sehr wohl benutzt werden darf, während die Tempelhomes der Flüchtlinge oder auch der Kinderzirkus davon nocht nicht einmal eine Ecke in Anspruchnehmen  durften. Und gab es da nicht auch gerade erst vor wenigen Wochen erneut den Versuch von entsprechenden Kreisen, den Volksentscheid von 2014 wieder in Frage zu stellen? Und das Feld bebauen zu wollen, statt endlich einmal den skandalösen Leerstand z.B. des Flughafengebäudes anzugehen?

„Eine Gemeinheit – also ein Ärgernis – war und ist das Tempelhofer Feld für alle, die dort lieber bauen wollen, anstatt die Freifläche in der jetzigen Form zu erhalten.“ kündigte die Stiftung Naturschutz ganz lustig eine entsprechende Radtour im Rahmen ihres „Langen Tags der Stadtnatur“ an.

Also, was ist eigentlich eine „Gemeinheit“, die im heutigen Sprachgebrauch eine so merkwürdig negative Bedeutung hat? Eine Gemeinheit ist das, was der Allgemeinheit gehört, ein ähnlich altmodisches Wort wie Allmende, common, commons oder el ejido. Während der Privatisierung der Allmenden während der Preußischen Reformen ab 1813 ( in England geschah das schon viel eher) verschwand mit dem sozialen „Institut“ der Gemeinheit  zunehmend auch der alte Wortsinn.

Der Name des Gemeinschaftsgartens Allmende-Kontor auf dem Tempelhofer Feld hat sozusagen Geschichte gemacht. Was Allmenden sind, wissen wir jetzt wieder. Allmenden sind genossenschaftlich verwaltete Gemeinheiten. (Bisher sagte man oft auch „Gemeingüter“, aber der Begriff ist unscharf, es geht ja hier um etwas, was sicher nicht verkauft werden kann.)

Allmende-Gärten in öffentlichen Parks sind seit der großen grünen Freifläche Tempelhofer Feld eine neue Selbstverständlichkeit. Aber noch immer sind am Südrand des Tempelhofer Feldes die wilden Gärten der Bahnlandwirtschaft „Neuköllner Berg“ oder jene der zweiten Kleingartenkolonie am Tempelhofer Damm gefährdet. Seitdem die Bundesregierung die 1995 Bahn privatisiert hat, gilt das Land, auf dem Bahnlandwirtschaften liegen als Privatland. Die Bahn verlangt von den Kolonien sogar, dass sie ihre Tore verschlossen halten sollen, obschon das Berliner Kleingartengesetz festlegt, dass Koloniegärten Spaziergängern immer offen zu stehen haben…

Die Privatisierung von Bahn, Post und der Bildung war eine große Enteignung der Allgemeinheit. Das Sprechen vom Tempelhofer Feld als einer Gemeinheit machen uns diese Form des Landgrabbings auf Kosten der Allgemeinheit zugunsten von ein paar – sagen wir es deutlich – Gierpötten in den Top-Etagen von Banken, Bahn und anderen Dax-Unternehmen bewusst. Eine Politik der Prävention des Klimawandels, des Natur- und Umweltschutzes ist mit solchen Herrschaften sicher nicht zu machen. Sie gehören samt ihrer Fürsprecher in den Regierungsparteien abgewählt.

mehr hier: Elisabeth Meyer-Renschhausen / Klaus Prätor, Landgrabbing, Allmendaufhebung  und „Reclaim the Commons“, in: Berliner Debatte Initial, 30. Jg. 2019, S.81-93  ( ISSN 0863-4564)

Die Hauptstadtgärtner von Tempelhof

Meyer-RenschhausenAm 8. Juli 2016 wurde auf Initaitive einer örtlichen Naturschützerin in der Kiez-Buchhandlung Menger am Tempelhofer Damm in Berlin-Tempelhof das Buch „Die Hauptstadtgärtner“ erneut vorgestellt. Und zwar diesmal nahe des „Orts des Geschehens“, dem Tempelhofer Feld. Anschließend wurde es mit Renate Künast, der ehemaligen Ministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz und langjährigen Abgeordneten im Deutschen Bundestag diskutiert. Die Juristin Künast ist nämlich zudem leidenschaftliche Gärtnerin und hat gerade die Schirmherschaft über einen Flüchtlingsgarten übernommen. Als eine Voraussetzung einer neuen urbanen Agrarkultur interessierte das Publikum besonders die Frage des Umgangs mit den Commons, also den „Gemeinheiten“ und Allmenden – zumal angesichts des Flüchtlingsdramas. Wissen wollten die Zuhörer aber auch, wie man sich „fair“ so ernährt, dass man durch sein Einkauf- und Kochverhalten weder Klima, Böden oder die Bauern schädigt und möglichst auch keine Kleinbäuerinnen im globalen Süden. Renate Künast lobte, dass im Buch nicht nur erklärt wird, wie man  etwa Tomaten in Kisten pflegt, und  von wo aus die Pflanzen jeweils eingewandert sind, sondern dass auch die ernährungsphysiologischen Seiten der einzelnen Gemüse angesprochen sind. So wäre es möglich, nicht nur die Kräuter, sondern auch alle Gartengemüse (altmodisch gesprochen:) „diätetisch“, also „therapeutisch“ einsetzen. Das anregende Gespräch in der gemütlichen Buchhandlung führte schließlich zu diversen Buchkäufen…