Liebe geht durch den Magen: Bauern fördern!

Es war ein Fest: All´ die Engagierten aus allen Teilen der Republik und aus lange verstrichenen Konferenzen und Zusammenhängen wieder zu sehen – in alter Frische und mit immer noch ungebremstem Engagement. Junge und alte vielfältig Aktive hatten die lustigsten Sprüche erfunden und Schilder gemalt, die sie nun tapfer in die Luft hielten: wie etwa „Liebe geht durch den Magen“ oder „Bauer sucht Biene“ oder giftiger: „Weil Du bist, was Du isst: Fresst doch selbst Euren Mist!“ Es gab auch mehr ernsthafte Forderungen auf den Transparenten wie etwa „Gerechte Preise für Milcherzeugnisse“, „Wer TTIP sät, wird Tierfabriken ernten“ oder mehr auf die Not der Landwirte im globalen Süden orientiert: „KleinbäuerInnen fördern – Landraub stoppen!“ oder „Rechte von Bauern und Bäuerinnen stärken – für eine UN-Kleinbauernerklärung!“ Die wunderbaren Gartenaktivisten kamen mit einem so großen Banner, mit dem sie forderten, die mit so viel Engagement und Liebe begärtnerten Freiräume zu erhalten, dass es schier unfotografierbar war. Besonderen Jubel erzielten die Klima-Aktivisten von „Ende Gelände“ als sie von einem Rohbau ganz in der Nähe des Wirtschaftsministeriums ein riesenhaftes Transparent mit der einleuchtenden Forderung „Grünkohl statt Braunkohle“ herunter lassen konnten. – Nach der Demo gab es zum „Supp´n Talk“ wie schon in den Jahren vorher einen fast vierstündigen Maraton mit der jeweils 5-minütigen Vorstellung einiger der besten Projekte aus der Bundesrepublik Deutschland und ganz Europa. Besonders begeisterte der Bericht aus Frankreich, wo man auf dem besten Wege ist, die Ackergifte der konventionelIen Landwirtschaft ganz zu verbieten. Ebenso erfreute die Nachricht, dass auf Grund des internationalen Engagments der externe Landaufkauf resp. das Landgrabbing in manchen Ländern des Südens vorerst beendet werden konnte. Junge Aktive von La via Campesina u.a. traten für die Rechte der Kleinbäuerinnen des Südens ein und vertraten die Idee, diesen Begriff als quasi eine Art „Kampfbegriff“ beizubehalten. Auch der Report der „AG Kleinstlandwirtschaft“ mit ihren Konferenzen, Büchern und Gemeinschaftsgärten stießen auf ein erstaunliches Interesse und viel Zuspruch… (hier der Beitrag als pdf.)

Die neue Landflucht

Jeder siebte ist unterwegs. Auf der Flucht vor Krieg oder Dürren, die ihre Landwirtschaft zerstörten. Oder weil Überschwemmungen Ernten und Höfe weggespülten. Wir erleben derzeit noch nie da gewesene Massenfluchten. Im Durchschnitt setzen sich jährlich 26,4 Millionen nur in Folge des Klimawandels in Bewegung. Extremwetter und Umweltschäden vertreiben sie aus ihrer Heimat und damit oft in jahrelanges Elend. Die Eskimos, Inuit, die von Kanada bis Sibirien durch das Abschmelzen der Gletscher zum Abwandern gezwungen werden, sind in den Städten meistens erwerbslos. Zum Verlust der Heimat kommen für die meisten Flüchtlinge im Aufnahmegebiet Diskriminierungs-Erfahrungen hinzu: die Fukushima-Evakuierten etwa wurden von den anderen Japanern wie Aussätzige gemieden. Immigration großer Gruppen kann für die meistens selbst armen Gastgesellschaften zu großen Belastungen führen…

Das Leugnen des Klimawandels kann Kriege auslösen. Subsahara-Afrika ist vom Austrocknen der Sahelzone bedroht. Die Hirtenvölker kommen verstärkt und immer länger in die Regionen der Bauern. Was dann etwa in Ghana und in vielen anderen Teilen Afrikas zu einer Übernutzung der Böden führt. Gewaltsame Konflikte sind die Folge. Die Dafur-Region des Sudans erlebte Jahrzehnte andauernde Stammes-Streitereien um Land und Wasser. Es kommt so zudem zu der paradoxalen Entwicklung, dass  Klimawandel und Klimakonflikte die traditionellen Wanderbewegungen der Hirten in Afrika und Innerasien zunehmend in Frage stellen. Immerhin haben einige Westafrikanische Staaten nun ein Abkommen, dass ihren Pastoralisten erlaubt, dem Regen hinterher zu ziehen und dabei auch ungehindert die Grenzen überschreiten zu dürfen.

In Syrien trieb eine mehrjährige extreme Dürre zahllose Bauern in die Städte, wo sie sich arbeitslos an den Protesten gegen das Regime beteiligten. Die rasante Urbanisierung führt zu immer größeren Slums mit wachsenden Hygieneproblemen und als deren Folge Seuchen. Nur wenige Länder wie Bangladesh, Guinea-Bissau und Mali haben ihre Landwirtschafts- und Fischereimethoden verändert, um die problematische Urbanisierung zu verlangsamen. In Afrika hat man mit der Kampala-Konvention (2009/12) einen rechtlichen Rahmen zum Schutz von Binnenflüchtlingen, die durch Naturkatastrophen zur Flucht gezwungen wurden, geschaffen.

Migration hat natürlich oft auch gute Seiten. Die Mittel, die Wanderarbeiter aus der Ferne schicken, helfen den Daheimgeblieben beim Überleben, u.U. sogar dabei, Böden wiederaufzubauen. Der Atlas der Umweltmigration stellt die Migration infolge des Klimawandels an wichtigen Beispielen übersichtlich dar. Was fehlt ist ein Register. Dieser neue Umweltatlas des weltweiten Wanderns gehört in jede Schul- und Unibibliothek.

Atlas der Umweltmigration von Dina Ionesco, Daria Mokhnacheva, Francois Gemenne, Oekom Verlag München 2017, 170 Seiten, 22,70 € (Orig.: London 2017 )

Vom Hüten von Herden und der Erde

Commons oder Allmenden sind „Gemeinheiten,“ gemeinsames Land, auf dem etwa Dorfgesellschaften ihre Tiere hüteten. Bis ins 20.Jahrhundert hinein beschäftigten die Bauern dafür gemeinsam einen Hirten. In anderen Teilen der Erde ist das Hirtenwesen eine Lebensform, die die Menschen ernährt. Eine Herde zu hüten ist im modernen Sinne sozusagen eine Arbeit, auch wenn die Hirten das wohl kaum so sehen würden. Ähnlich wie Haus- und Subsistenzarbeiten Tätigkeitsformen sind, die von der Nationalökonomie ignoriert werden. Jedoch sind Allmenden und Allmende-typische Arbeiten in der Geschichte verschwunden und auch wieder neu entstanden, wenn die Umstände es erzwangen. Heute ist die Lage der Hirten in Afrika allerdings dramatisch. Es ist die Frage, ob wir uns diese Bedrängnis der Pastoralisten im Zeitalter des Klimawandels eigentlich leisten können.

Ein gewisses Wiederauftauchen der Gemein- und Hirtenwirtschaft gab es etwa nach der großen Pest 1348 im Languedoc. Weil hier die Bevölkerung halb ausgestorben war, kehrten die Bauern zu vermehrter Tierhaltung zurück. Oder: nachdem zwischen 1650 und 1800 in England das meiste ehemalige Gemeindeland eingehegt war, entstanden in den Alpen ab 1810 das Hütewesen auf hoch gelegenen Gemeindeländern, den Almen, neu. Senner hüteten die Tiere über die Sommermonate im Auftrag der Allmend-Genossen. Und nachdem in Mittel- und Zentral-Europa nach dem I und II. Weltkrieg infolge von vermehrten Grenzkontrollen die Wanderschäferei fast ausgestorben war, zogen ab der 1980er Jahre junge Arbeitslose aus der Schweiz, Österreich, Frankreich und Deutschland (u.a. von Longo Mai) mit Schafherden über kommunale Ländereien, sogar Ländergrenzen und Alpenpässe… Allerdings wurden mit Gründung der WTO zum 1.1.1995 das Privatisieren und das Spekulieren mit Grund und Boden weltweit in einem Maße ermöglicht, wie man es bisher nur aus der Zeit des brutalen Manchester-Kapitalismus vor dem I. Weltkrieges gekannt hatte. Dennoch gelang es einer Berliner Bürgerinitiative im Mai 2014 mittels eines Volksentscheides das Opfern eines ehemaligen innerstädtischen Flughafens, des Tempelhofer Feldes, an die Bauindustrie zu verhindern…

Heute sind weltweit die meisten Allmenden und Gemeindeländereien gefährdet. Das viel zu viele Geld, das durch Steueroasen und Finanzblasen geschaffen wurde, wird erst durch Investition in „real estates“ sozusagen „real“. Das bedroht den Lebensunterhalt der kleinen Bauern und Hirten besonders Afrikas. Bis heute dienen dort Allmenden Bauern und Hirten als Acker- und Weideland. Individualbesitz von Grund- und Boden war  z.B. in Mali, Elfenbeinküste, Burkina Faso, Äthiopien etc. bis vor kurzem fast unbekannt. Besonders Hirten geraten unter Not, wenn ihre Weidegründe infolge von Privatisierungen, Staudammbauten, Kriegen, Wild Life Sanctuaries oder Klimawandel verschwinden.

Am 4. August 2017 war in der New York Times zu lesen, dass Kenia am Fuße des Mount Kenia, die Bauern von Lakipia von der Hirtenbevölkerung bedroht und ausgeräubert würden. In Nadunguru treiben die Hirten ihre darbenden  Rinder auf die Äcker der Landwirte und Bauern, und sogar auf die Äcker armer Klein-Bauern. – Dabei weiß man es seit Jahren, dass die auch etwa die Wilderer sich – als Handlanger von Fremden – oft aus ehemaligen Hirten rekrutieren. Denn seit Jahrzehnten bereits sind die Pastoralisten im Norden Kenias Opfer von Kriegen und Klimawandel, der derzeit durch den El-Nino-Effekt verstärkt wird. Das führt zu Hungersnöten unter den Hirten wie etwa den Turkana vom Turkana-See, die Fischer werden müssen. Blumenfarmen und andere Export-Landwirtschaft graben im Süden Kenias auch den Massai  das Wasser ab. Ihre Weiden fallen trocken, weil das Wasser ihrer Flüße bereits am Oberlauf abgezweigt wird.

Bis heute leben etwa 80 % der Afrikaner von ihrer Landwirtschaft. Industriearbeit gibt es kaum und andere Erwerbsmöglichkeiten nicht in ausreichendem Maßstab. Die meisten bearbeiten Land, das traditionell denjenigen zugeordnet wird, die es bewirtschaften. Traditionell gehört es keinem Einzelnem, sondern einer Dorfgemeinschaft oder einem Clan. Es wird als Kollektivbesitz als Land der Vorväter und der Enkel betrachtet. In der Forschung wird dieses Gewohnheitsrecht allerdings wenig berücksichtigt. Von 200 Aufsätzen über Boden- und Landrecht in Afrika meinte ein Experte aus Mali, würden sich nur zwei mit dem Gewohnheitsrecht befassen.

Problematisch wird es, wenn Regierungen wie 2013 die von Äthiopien, das Land, das bisher als Volkseigentum galt, zu Staatsbesitz erklären, um anschließend große Teile davon für 99 Jahre verpachten zu können. Im Westen Äthiopiens verloren so ganze Dörfer, die bisher von einer Mischung aus Ackerbau, Viehhaltung sowie Sammlen lebten, ihren Lebensunterhalt. Die neu errichteten zentralen Ansiedlungen nützen nichts, weil die Menschen dort keinen Broterwerb finden. Die neuen Großgrundbesitzer arbeiten mit Maschinen und.zahlen einen Lohn, der weit unter dem zum Leben Notwendigen liegt. Diese neue Not führt in Äthiopien, Kenia, Burkina Faso, Mali zu vermehrten Zusammenstößen zwischen Vielhaltern und Bauern, die sich das übrig gebliebene rare Land teilen müssen. Da die Hirten seit Ende des Kalten Kriegs mit Kalaschnikows statt mit Speeren bewaffnet sind, führt das zu wachsender Gewalt und Vertreibungen.

Solange die Böden als Kollektiveigentum betrachtet wurden gab es friedliche Regelungen hinsichtlich der Bodennutzung. In Burkina Faso regelte in den Dörfern ein „Chef der Erde“ die Landverteilung, nach Tradition, Bedarf und Familiengröße. Flüchtlinge bekamen Land zur Selbstversorgung. Sobald die Bauern eines Dorfs ihre Felder abgeerntet hatten, wurden die Felder den Hirten zur Nachnutzung überlassen. Die Tiere fraßen Stoppeln, Strünke und düngten den Boden. Sobald jedoch im Umkreis der Städte die Privatisierungsprozesse einsetzten und Zäune gesetzt wurden, war das nicht mehr möglich. Mit der Einhegung der Allmenden verlieren die meisten Hirten ihre Existenzen. Sogar der gut gemeinte Natur- und Landschaftsschutz kann auf ihre Kosten gehen. In Nairobi weiden die rot gewandeten Massai ihre Herden auf den Mittelstreifen der  Ausfallstraßen. Ihre traditionellen Weidegebiete sind als Nairobi-Nationalpark für Elefanten, Büffel und Nashörner eingezäunt worden. Die Massai, die mit ihren Sprüngen, Speeren und Tieren vom Tourismus eine Art Wahrzeichen des Landes sind, werden um ihre Lebensgrundlage gebracht. Für die großen Grasländer der Erde ist jedoch die Weidewirtschaft durch Hirten die beste Form ihres Erhalts. Durch Beweidung bleibt die Grasnarbe dicht. Die darüber wanderenden Tiere trampeln zudem die Bodendecke zusammen, so daß Stürme kaum Angriffsmöglichkeiten haben..

In Westafrika beweiden Fulani die Trockenzonen des Sahel- und Sudangürtels.Die Rinder gehören den Männern, aber die Milch gehört den Frauen. Der Milch-Verkauf bringt den Familien Geld-Einkünfte. Aber die Europäische Union verwandelt im Rahmen ihrer aggressiven Agrarpolitik überschüssige Milch in Milchpulver. Und subventioniert den Export des Pulvers. Daher kostet das Milchpulver in Burkina Faso weniger als die Hälfte der einheimischen Milch. Das Land hat heute 18 Millionen Einwohner. Die Jugendarbeitslosigkeit ist groß. Auch Universitätsabgänger finden vielfach keine Anstellung. Die meisten Städter arbeiten im informellen Sektor und verdienen kaum genug zum Leben. Die Lebensmittelunruhen von 2007/8 richteten sich gegen die Auswirkungen der sogenannten Sparpolitik. Die Lebensmittelpreise waren infolge der Weltfinanzkrise auf das Doppelte gestiegen.

Der Gründer der „Fairen Milch“ von Belgien, Erwin Schöpges, bemüht sich daher um die Einführung der Idee „Faire Milch“ auch in Burkina Faso. Bei der Eröffnungsfeier in einer Molkerei am Rande der Sahelzone, warnte der Vorsitzende des Verbandes der Kleinmolkereien vor den Auswirkungen der Zerstörung der einheimischen Landwirtschaft durch Weltmarkt-Firmen. Die Hinwendung zum Terrorismus, unter dem die Menschen besonders in den Nachbarländern Nigeria und Mali leiden, erfasst  besonders junge Viehalter ohne Lebensgrundlage. Hirten betrachten ihre Viehhaltung nicht als Arbeit. Aber wenn man ihnen die Möglichkeit dazu nimmt, bringt man sie um ihren Lebensunterhalt. Mit Ihrer Lebensweise verlieren sie Bescheidenheit und Stolz und wenden sich den Boko Haram oder anderen Fundamentalisten zu. Die Tuareg der Sahara etwa verbündeten sich mit dem islamischen Terror und merkten zu spät, mit wem sie sich da verbündet hatten.

Landraub und Vertreibung von Bauern und Hirten von ihren Feldern ist eine Haupt-Ursache für den nicht abbrechenden Flüchtlingsstrom nach Europa. Der Vorgang des Landgrabbing findet auch im Norden statt. Die in den Parks Schlafenden oder die osteuropäischen Musikanten sind Flüchtlinge der äußerst brutal ablaufenden Privatisierungsprozesse im Osten Europas. Aber es entstehen auch neue Formen einer gemeinsamen Landwirtschaft. Winzige, aber überzeugende Beispiels sind etwa die „Bauerngärten“ in den Landschaftsschutzgebieten von Berlin. Oder das „Speisegut“ in Gatow als erste solidarische Landwirtschaft Berlins. In beiden Modellen tragen alle Konsumenten das Risiko gemeinsam mit den Landwirten. Wenn die Ernte schlecht wird, gibt es halt für alle etwas weniger Gemüse… Oder nehmen wir das Stadtgut Blankenfelde ebenfalls in Berlin. Hier sind die Gebäude des ehemaligen Guts mittels unzähliger freiwilliger Arbeitseinsätzen an Samstagnachmittagen gerettet worden. Das Gelände steht Spaziergängern offen, im Gemeinschaftsgarten dürfen auch Nachbarn mitbuddeln und es gibt Versammlungsräume für Konzerte, Vorträge, Lesungen und Ausstellungen aller Art. Gemeinsam schuf eine Gruppe eine für alle benutzbare Allmende. Und inmitten Berlins wurde das Tempelhofer Feld im Mai 2014 für den Klima-, Natur- und Landschaftsschutz gerettet – mitsamt ihren offenen Allmende-Gärten. Fehlen sozusagen nur noch die Schafe, die zu einer traditionellen Bewirtschaftung von Allmenden dazu gehören, als Landschafts- und Klimaschützer…Besonders eine maßvolle Wanderweide-Wirtschaft schützt Grasländer vor Verwüstung.

Die Stadtbauern von Da Nang

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Da Nang ist eine junge Großstadt in Mittel-Vietnam. Überall sind Baustellen, umzingelt von Heerscharen von Mopeds, mit denen die Bauarbeiter zur Arbeit kommen. Auf Fahrrädern sieht man fast nur noch Kinder und Seniorinnen. Der Stadtteil am offenen Meer mit dem Strand „Chinabeach“ wird gezielt für den Massentourismus ausgebaut. Breite Straßen mit wohlgepflegten grünen Mittelstreifen führen zur Küste, in denen Gärtnerinnen und Gärtner unter ihren großen Kegel-Strohhüten permanent im Einsatz sind. Bauern, die hier bis vor kurzem noch ihre Äcker hatten, mußten hingegen aufhören und die Flächen hergeben. Sie wohnen nun Reihenhaus-Manier in meistens zweistöckigen neuen Betonhäusern nach vietnamesischem Stil. Unten ein großer offener Raum, der als Werkstatt, Laden, Café oder auch als Wohnzimmer genutzt wird. Oben die Schlafzimmer. Da die Grundstücke maximal genutzt werden sollen, spielt sich in den schmalen Wohnstraßen das Familienleben auf den zu Terrassen umfunktionierten Bürgersteigen ab. Überall sind die Gehwege mit Schattenbäumen bepflanzt oder sogar komplett von Pflanzgefäßen oder sogar Hühnerställen okkupiert. Während die einen noch auf ihren Feldern arbeiten, wie sie das als Kleinbauern immer gemacht haben, bauen die anderen auf Brachen oder Bürgersteigen Gemüse an, weil sie demjenigen in den Supermärkten nicht mehr trauen mögen. Zu oft gab es in den letzten Jahren Skandale mit giftigen Rückständen im Supermarktgemüse. Da die Stadt ein massives Abfall-Entsorgungs-Problem hat, liegen viele der säuberlich angelegten Äcker zwischen unschönen Müllbergen. Abends versuchen zumal manche Bewohnerinnen ihren Plastik-Müll zu verbrennen und erzeugen so mir schier unerträgliche Giftwolken. Die Jugend jedoch interessiert sich für ein „weg vom Gift“ hin zu einer gesunder Ernährung. Die älteren Bäuerinnen hingegen freuen sich über mein Interesse und bieten mir ihre Salat-Pflänzchen zum Verkauf an. In den beiden Markthallen von Da Nang wird das Gemüse direkt verkauft oder von geschickten Garköchinnen teilweise auch gleich verkocht. Sie sind umringt von ihren speisenden und schwatzenden Kunden. Denn die exzellente vietnamesische Küche ist bestimmt durch stets frische Gemüse und Salate zur Nudelsuppe oder dem Reis. — Die derzeitige Verkehrspolitik jedoch nimmt auf die Belange der Gemüse- und Reis-Bauern keine Rücksicht. Sie zerschneidet vielmehr die Dörfer und mit ihnen auch die dörfliche Ökonomie samt gegenseitiger Hilfe per ebenerdig hindurch führenden Autobahnen. Das gestattet auch dem gutmütigen Wasserbüffel, einer Art Haus- und Symboltier des ruralen Vietnams, kein selbständiges Überqueren der Straße mehr. Das bisher selbständige Aufspüren neuer Weideflächen am Wegesrand – das ist vorbei…       P1040002 P1040456 P1040056

Nyeleni-Kongress für Selbstversorgung

Ende Oktober trafen sich in Cluj, Rumänen, in den Zelten der „Expo Transilvania“ 2000 überwiegend junge Ernährungsaktivisten und Bäuerinnen aus ganz Europa. Hauptanliegen war, für das Recht auf eine eigenständige Ernährung einzutreten. Schließlich würde 70 Prozent der Menschheit immer noch mittels kleinbäuerlicher Landwirtschaft ernährt. Lebensmittel nachhaltig vor Ort anzubauen und auf lokalen Märkten zu verkaufen, erhält nicht nur ländliche Arbeitsplätze und überhaupt weltweit überall benötigte Erwerbsgelegenheiten, sondern auch die Artenvielfalt, Biodiversität und die Umwelt. Und zwar in Osteuropa oder Südeuropa oder Afrika so gut wie in Asien, es gab neben der Chefin von La via Campesino Afrika, Elizabeth aus Zimbabwe, auch einige Delegierte aus Birma, Sibirien oder Kirgisien. Beeindruckend war sich an den Länder-Ständen zu informieren, wie etwa der Kampf für den Erhalt der Umwelt und der bäuerlichen Landwirtschaft etwa in Griechenland oder der Türkei von vielen verschiedenen Organisationen getragen wird. In Ungarn haben Ernährungsaktivisten die ersten Gemeinschaftsgärten gegründet, in Polen boomt derzeit die Solidarische Landwirtschaft (CSA, community supported agriculture). Der Kongress wurde ausschließlich von regionalen Produkten ernährt, die von einem schweizerisch-österreichisch-rumänischem Kochkollektiv täglich frisch zubereitet wurden. Das Interessanteste waren natürlich die Besuche lokaler Umweltinitiativen und Bauern oder Bäuerinnen am Exkursionstag.

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Nyéléni calls to action!

Mutter Erde geht in die Stadt

imvalentinoparkemr   albanientanztemr Der 9. Terra Madre Kongress von Slow Food verließ die dunklen Fiat-Hallen und ging in die Stadt. An allen Ecken Turins wuchs der Kohl. Auf dem Marktplatz wurde beispielhaft gekocht. Im Innenhof der Universität gab es eine Ausstellung zu der unglaublichen Diversität von Honig und dessen Sammelformen. Im wunderschönen Valentino-Park entlang des Flusses Po standen saatgutundmusikausborneoemrklHunderte von Ständen und präsentierten traditionelles Saatgut, alte meterhohe Roggensorten oder das Bier aus handwerklichem Betrieb. Die 7000 Delegierten aus 141 Ländern der Erde präsentierten ihr Engagement für klimatisch und landschaftlich angepasste Rindersorten, ihre auch zu Heilzwecken guten Kräutertees und diskutierten in zahllosen Workshops kohlinmittenturinsemrklauch bedrückende Probleme, wie das fortgesetzte Landgrabbing auf Kosten von Kleinbäuerinnen weltweit. Oder sie freuten sich über so ermutigende Projekte wie „10.000 Gärten für Afrika“, das rein aus Afrikanischer Initiative vor etwa fünf Jahren in Ruanda entstanden, jetzt schon über 2400 Gemeinschaftsgärten umfasst, in den vorbildlich und ökologisch Gemüse angebaut und kompostiert wird.  Viele der Delegierten hatten ihre traditionellen Gewänder mitgebracht und manche dazu auch ihre Musikinstrumente. So wurde spontan immer wieder mal getanzt, beispielsweise  bei den Albaniern oder bei den Musikanten aus Borneo.

Im Carignano-Theater, in dem ehedem Italien einmal gegründet worden war, fanden die großen Konferenzen statt. Alice Waters aus konferenzimtheateremrKalifornien, die Vizepräsidentin von Slow Food, bekannt dafür, dass sie die Menschen in ihrem Restaurant aus dem eigenen Garten versorgte, präsentierte stolz ihre Initiative für Schulgärten in der Westküstenregion der USA. Slow-Food-Gründer Carlos Petrini war begeistert von den Massai in Tansania, denen es gelungen ist, einen Angriff auf ihre traditionellen Landnutzungsrechte abzuwehren.

Insgesamt kann man den Slow Food Terra Madre Kongress 22. bis 29. September als eine gelungene Kooperation zwischen der Kommune Turin, der Region Piemont und einer überaus erfolgreichen „NGO“ betrachten, auf die Turiner nach anfänglichem Desinteresse heute stolz sind. Der bunte Umzug, die „Slow Food Parade“, hat mit den dieschoenstenaufderparadedietaiwaneremrbeeindruckenden Wildpilze-Sammlern mit ihren Kiepen (übrigens aus New England), den wunderschön bunt gewandeten Südost-Asiaten oder den lustigen Delegierten-Gruppen aus Afrika alle vergnügt gestimmt. Auf der Abschlußkundgebung beschenkten die Beteiligten sich gegenseitig, Alemitu neben mir bekam japanische Salzfischchen geschenkt, ich geräuchertes Salz aus Südafrika. „Vote with your Fork“ und unterstütze so die weltweit ackernden 500 Millionen Familienbetriebe, die die uns vielfältig ernähren, trotz der Übermacht der wenigen, den Weltmark dominierenden Giganten. Beeindruckende Foto-Ausstellungen, Kurz-Workshops von lokalen Wasserspar-Initiativen, Künstler-Events und Installationen in der ganzen Innenstadt zogen Tausende an…

Vom Verschwinden der Kühe und dem Hunger im Süden

INPoUnterKaritebäumenEMRWie das wohl sein könne fragen mich die Bekannten, sie wären bis nach Portugal quer durch Europa mit dem Zug gefahren und überall, besonders aber in Frankreich, wären ehedem vielfältige Landschaften gähnender Leere und erdrückend langweiligen Flächen gewichen. Kaum sähe man noch Kühe auf der Weide, keine bunten Wiesensäume mehr, auch kleine oder wilde Tiere wären nicht mehr zu sehen. Sie sind schwer enttäuscht. Und sind nicht sehr glücklich auf meinen Hinweis auf die seit Max Webers Zeiten wider alle nationalökonomische Vernunft vornehmlich die „Großgrundbesitzer“ fördernde und darüber leider meistens zugleich „Bauernlegende“ Agrarpolitik der Europäischen Union. Sie führt heute dazu, dass über die „Laufställe“, die zugunsten des Tierwohls eingeführt wurden, den Kühen ihr Weidegang verwehrt wird. Ähnlich grübelt man auch in der FAZ darüber nach, warum der Deutsche Bauernverband noch immer auf die „Umweltschützer“ einprügelt, statt einzusehen, dass keinem Erholungssuchenden wie auch keinem Essenden mit der bisherigen Politik des Immer-größer, Immer-mehr gedient ist. Ín einem Artikel mit dem schönen Titel „Was die Nachtigall stört“ entarnt Patrick Bahners die Landwirtschaft als „kollektivistischen Großindustrie“ (FAZ, 13. Juli 2016), und fragt sich, ob eventuell die Agrarwissenschaft Abhilfe schaffen könnte. Maisfressende Kühe verbannt in dunkle Ställen, Milch, billiger als Mineral-Wasser, Industrie- statt Kulturlandschaften: das will keiner. Könnte also nicht die Agrarwissenschaft durch wissenschaftlichen Nachweis der objektiven Notwendigkeit von Bodenpflege statt Überdüngung, Klimapolitik statt Versteppung, Bienenschutz statt Vermaisung nötig ist, helfen, die Landwirte als Landschaftpfleger anzuerkennen und entsprechend zu honorieren? Um gleich im Anschluß immerhin die Annahme der Agrarökonomie, man könne der Natur unbegrenzt Material entnehmen, ohne dafür eines Tages zahlen zu müssen, kritisch zu hinterfragen… Allerdings beruht der Lösungs-Vorschlag des Autors auf einer Versöhnung von Konventioneller und Ökolandwirtschaft mitsamt dem Traum von mehr Technik z.B. auch im Ökobereich: von führerlosen Traktoren, die behutsam wertvolle Ökotope umfahren. Der Autor übersieht die Tatsache, dass die Verschuldung infolge des Einkaufs von Hightec viele Landwirte so verschuldet hat, dass sie zu immer mehr Wachstum erpressbar geworden sind. Denn es waren die Schulden, die sie zu Klienten ihrer Kreditgeber machten, denen man sagen kann, wie sie sich verhalten sollen. Der Universitätsgeograf David Montgomery zeigt in seinem Buch „Dirt“ („Dreck“), dass verschuldete Farmer seit 1918 alle Ratschläge der Wissenschaft in den Wind schlugen…

Auf der Politikseite der selben FAZ vom „Aufstand der Hungernden“ zu lesen. In Zimbabwe nämlich wollen die Menschen sich nicht mehr gefallen lassen, dass der korrupte Präsident Mugabe ihnen die letzte Mahlzeit vom Teller raubt, um Devisen zum Schuldenabbezahlen einbehalten zu können. Einzig zu dem Zweck, neue Schulen machen zu können. Da 90 % der Bevölkerung jedoch keine reguläre Beschäftigung haben, sind stark steigende Lebensmittelpreise für sie unerträglich. Besonders in diesen Jahren, da die von „El Nino“ ausgelöste Dürre auf den einheimischen Feldern vieles hat vertrocknen lassen. Autor Thomas Scheen stellt klar, dass das Abkommen vom Juni zwischen IWF, Weltbank, Afrikanischer Entwicklungsbank sowie Finanzminister von Zimbabwe, Chinamasa, die Ursache ist, die zu den drastischen Gehaltkürzungen führte, die nun Hungersnot und Bürgerproteste hervorgerufen hat… Denn um neue Kredite bekommen zu können, musste die Regierung in Harare nicht nur Privatisierungen versprechen, sondern auch, alle Schulden abzubezahlen. Daher beschloss die Regierung, alle Gehaltzahlungen einzustellen. (FAZ 13.7.2016)

Bauern ernähren die Welt

OLYMPUS DIGITAL CAMERA OLYMPUS DIGITAL CAMERA„Wir haben es satt“

Am Samstag den 16.1.2016 trafen sich 23.00 Bauern, Tierschützer, Vegetarierer mitsamt von 130 Treckern in Berlin zu einer Kundgebung und Demonstration gegen die unvernünftige Agrarpolitik der Europäischen Union resp. der Bundesrepublik und der Bundesländer. Gerade hatten die Brandenburger per erfolgreichem Volksbegehren gezeigt, dass die Bevölkerung mehrheitlich gegen Massentierhaltung ist. Auch wenn es diesmal mit „nur“ 23.000 nicht ganz so viele waren wie im letzten Jahr, wo 50.000 Demonstranten gekommen waren, war die Stimmung  vergnügt wie die Sprüche auf vielen Transparenten kreativ und lustig.  „Power to the Power“  war auf einem der Traktoren von der organisierenden „Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft“ (ABL) zu lesen. „Die Zeit ist reif für Ernährungsouveränität“ stand auf einem anderen. „Kein TTIP“ ( = Transatlantisches Handelsabkommen) stand auf sehr, sehr vielen Fahnen oder Transparenten. Abgesehen von der AbL hatten zahlreiche andere Gruppen, Vereine und Stiftung wie etwa die „Zukunftstiftung Landwirtschaft“ oder der „BUND“ und viele, veile andere bei der Organisation geholfen. Die Demo-Route führte durch die Innenstadt, so dass immerhin der eine oder andere Tourist die Protestierenden bestaunen konnte.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA OLYMPUS DIGITAL CAMERA TierschutzkleinP1160060 StoppTTipklP1160058Eigentlich wissen alle, dass kleine und mittlere Betriebe, egal ob in der Landwirtschaft oder in Produktion und Handwerk die Mehrzahl der Menschen beschäftigen. Es ist daher verwunderlich, dass die Politik allzu einseitig auf Exporterhöhung und Handelabkommen setzt, statt sich um menschenwürdige Lebensbedingungen im eigenen Land zu kümmern. Zumal der Verzicht auf tierquälerische Milchmassen-produktion niemanden in Versuchung bringen würde, Kleinbäuerinnen in West-Afrika um ihr Einkommen und Brot zu bringen wie etwa durch Einfuhr von Milchpulver zu Dumpingpreisen, wie ein Redner aus Westafrika auf der Abschlußkundgebung anmahnte.

Die auf der Demo gut vertretene Jugend hatte in einer geselligen „Schnippelsdisko“ am Abend zuvor dafür gesorgt, dass es anschließend bei der Heinrich-Böll-Stiftung für die ausgekühlten Demonstranten warme Suppe zu Musik, Kaffee, Vorträgen und neuem „Fleischatlas“ gab.

Besonders beeindruckend waren die Berichte von neuen Initiativen aus der Praxis: es gibt mehrere neue Bodengenossenschaften und überall neue Hofinitiativen. Besonders beeindruckend war der tatsächlich live zustande kommende Bericht aus Syrien, von wo aus einer einge-schlossenen Stadt ein dortiger Gartenaktivist berichete: Seit zwei Jahren bauen sie dort auf jedem nur möglichen Flecken Gemüse an, auf Dächern, in Höfen und auf allen Brachen. Die Einführungskurse in das Gärtnern ohne Gift und Geld fanden im Libanon oder in der Türkei statt. Das nötige Saatgut kommt von hier und natürlich muss es samenfest sein, damit sie jedes Jahr neu wieder aussäen und ernten können. Der Erfolg ist, dass niemand mehr verhungert und die Menschen wieder etwas Mut fassen; die Lebensmittelpreise sanken sogar wieder ein wenig.

Land, Flucht und Armut: Filmfestspiele

Land, Flucht sowie Armutsmigration infolge Erwerbslosigkeit als dominierende Themen der Internationalen Filmfestspiele Berlin 11. bis 21. Februar 2016

Das momentaner Hauptthema der Europäer bestimmte den Gewinner des Wettbewerbs: Der Film „Fuocammare“ von Gianfranco Rosi über die Insel Lampedusa bzw. was die Ankunft der Flüchtlinge dort mit den Leuten macht. Der Film zeigt  aus der Perspektive eines Zwölfjährigen, wie die Menschen dort hilfsbereit auf die Flüchtlinge zugegingen, obwohl Europa die Inselbewohner wie die Asylsuchenden dabei teilweise grausam allein gelassen hat.

Im außerhalb des Wettbewerbs gezeigten „Forum“ geht es ebenfalls vielfach um die Situation von Flüchtlingen: In einem chinesischen Beitrag sitzen Bauern einer ethnischen Minderheit im Norden Burmas in den Berge gefangen. Sie sind auf der Flucht vor Grenzstreitikeiten, da sie schon öfter deren Opfer waren. Zum Glück können sie sich auf Zuckerrohrfarmen verdingen, so dass sie unter ihren notdürftigen Plastikplanen immerhin jeden Abend Kochen können. Die Kinder finden das neue Zusammenleben des halben Dorfs in Plastik-Tunneln lustig. Ihr Schwatzen und Streiten bildet eine anstrengende ständige Geräuschkulisse auch Nachts. Aber Bauern müssen ihre Felder bestellen und so gingen viele zurück, während andere sich erneut auf die Flucht machten. (Ta´and von Wang Bing). – In Israel sind die Flüchtlinge aus Eritrea und dem Sudan nicht willkommen. Sie finden kaum Jobs und werden als Schwarze diskriminiert. Die Regierung hat mitten in der Wüste nahe der ägyptischen Grenze ein Lager eingerichtet, wo sie viele von ihnen interniert hat, um sie abzuschieben, Ägypten nimmt die Leute aber nicht zurück. Ein Filmer und ein Theatermann kommen auf die Idee, mit einigen der Internierten ein Theaterstück über ihre Situation einzustudieren. Der Film bzw. das Theaterstück konnte dazu beitragen, dass die Regierung dieses Lager wieder auflösen musste (Bein gderot von Avi Mograbi). – Ein junger dänischer und ein deutscher Filmmacher drücken einem Westafrikanischen Flüchtling eine Kamera in die Hand, er möge ihre Flucht-Erlebnisse filmen. Die jungen Männer aus Mali und Côte d’Ivoire haben sich angesichts der schlechten Verdienstmöglichkeiten in ihren Ländern aufgemacht, in Europa Geld zu verdienen. Sie wollen ihren Familien helfen. Sie warten im Wald auf dem Berg Gurugu auf eine günstige Gelegenheit als Gruppe den drei mal sieben Meter hohen Zaun in die spanische Enklave Melilla überwinden zu können. Und zwar ohne dass die Polizei sie widerrechtlich wieder zurück jagt. 15 Monate wartet Abou bereits, hat mehrere vergebliche Versuche hinter sich, bis er es schließlich doch schafft. 15 Monate lebte er in Angst vor der marokkanischen Polizei, die immer wieder zu ihnen ins Lager kam, um sie zu vertreiben, indem sie ihre Decken und ihre Nahrungsvorräte verbrannten. ( Les Sauteurs – d.h. die (Zaun)Springer von Moritz Siebert, Estephan Wagner, Abou Bakar Sidibé).26

Zwei Freundinnen in Istanbul finden keine Stellen und verdingen sich in ihrer Not als Putzfrauen, obwohl sie als solche nicht genug für Miete und Strom verdienen können. Irgendwann kann die von ihrem erwerbslosen Mann verlassene Nesrin schließlich nicht mehr, sie gibt auf, ihre kleine Tochter ihrem Schicksal bzw. der Freundin überlassend (Toz bezi von Ahu Ötztürk). Merkwürdiger Weise ist der Film nicht als einer zum Thema Erwerbslosennot verstanden worden. – Im „Landstück“ von Volker Koepp geht es um das Landgrabbing und die Vergiftung der Agrarlandschaften nordöstlich von Berlin, der Uckermark. Humorvoll erzählen junge Einheimische, warum sie zurück kamen und jetzt Biolandwirtschaft betreiben. Sie werden ergänzt von den Berichten von zwei Neubrandenburgern, die Biolandwirtschaft im ganzen großen Stil betreiben. Umweltforscher Michael Succow fasst die Sachlage mit wenigen Sätze zusammen: Weil die Europäer mit unkluger Subvention der von der Energiebilanz her völlig unrentablen industriellen Landwirtschaft die Bauernmärkte Afrikas zerstören, klopfen die Menschen von dort jetzt hier bei uns an…