Bodenfragen? Humusrevolution!

Unsere Landwirtschaftspolitik ist bodenlos. Von Herren bestimmt und Ökonomie-fixiert – die ersten Frauenrechtlerinnen von 1900 wie Helene Lange hätten gesagt: „einseitig männlich.“ Dem widerspricht nicht, dass sich die Kanzlerin sich von der großen Industrie mal wieder rumkriegen ließ. Und der Zustimmung zum Ackergift Glyphosat entgegen der Koalitionsvereinbarungen und dem Votum der Umweltministerin Hendricks offenbar mitzuverantworten hat… – Es war Anfang der 1990er Jahre, als der Fortschrittskritiker Ivan Illich und der Freiburger Germanist Uwe Pörksen zusammen mit der alten Nonne Mother Jerome von Regina Laudris die „Bodenlosigkeit“ unseres Umgangs mit unseren Mutterböden thematisierten. Es war eine wunderbare Konferenz in einem nordostamerikanischem Kloster. Die Benediktinerinnen bewirteten uns ausschließlich mit Lokalem wie etwa selbstgemachtem Käse. Das Kloster war zeitweilig Zufluchtsort erledigter Hippies, die mal eine Auszeit brauchten.

Ergebnis war: Die Landwirtschaftspolitik der jüngsten Zeit zerstört die Erde mitsamt dem Klima. Sie ist für die Menschheit nicht länger tragbar. Die Agrarindustrie zerstört die zarte Humushaut, die den Globus umgibt und Garant für die Fruchtbarkeit unserer Erde ist. Die Zwangsfütterung der Menschen mit Fleisch aus Massentierhaltung verschlingt die Hälfte der weltweiten Getreideerzeugung. Die Produktion sogenannter Bio-Energie vertilgt Wälder, verbraucht die Äcker und zerstört die Subistenzwirtschaften der Indonesier. Mais- oder Palm-Monokulturen zerstören die Biodiversität, so dass künftige Agrarkultur fraglich wird. Vor allem aber zerstört eine maschinenbestimmte Bodennutzung die Wasserkreisläufe. Böden ohne Wälder oder buschige Feldraine an kanalisierten Flüssen können kaum noch Regenwasser aufnehmen und verdunsten. Die dadurch fehlenden kleinen Wasserkreisläufe lassen die Gletscher schmelzen und heben die Meeresspiegel.

Um diese Fehlentwicklung zu beenden, hat sich ein Teil der Menschheit aufgemacht, die Ruder herumzureißen. Die Aktivisten gärtnern in Städten, gründen solidarische Landwirtschaften oder bilden Bodenfonds, um Junglandwirten einen Einstieg zu ermöglichen. Andere entwickeln ausgeklügelte Systeme von Weidewirtschaften, wo nach nacheinander Kühe, Hühner und etwa Schweine auf einem Landstück grasen und dieses so anschließend einen sehr guten Ackerboden abgibt. In Südamerika blickt man mit Respekt auf die mehrgeschossigen Waldgärten, die dortige Indigene Tausende von Jahren mit Erfolg betrieben haben…

Das Buch „Die Humusrevolution“ stellt in Form von Reisbeschreibungen alternative Ansätze vor, den Boden wieder aufzubauen. Initiativen wie Incredible Edible von Todmorden zeigen, wie eine ganze Stadt erfolgreich mit Gemüse bestellt werden kann. Kleinstädte wie Andernach können mithilfe von Arbeitslosen zu essbaren Städten verwandelt werden. Großstädte könnten generell wieder von einem Ring von Gärtnereien und Kleinbauernhöfen umgeben werden, auf denen Gärtner im Zweiterwerb Lokales zu direktem Vor-Ort-Verzehr anbauen. Co-Autor Stefan Schwarzer betreibt in der Lebensgemeinschaft Ökohof Tempelhof selbst einen Permakultur-Garten. Als wissenschaftlich ausgebildete Autoren unterlegen die Verfasser Ute Scheub und Schwarzer die Versuche ihrer Protagonisten  mittels der Forschungsergebnisse von einschlägigen Institutionen wie vom Rodals Institut in Pennsylvanien (USA)  oder vom Schweizer FiBl-Institut. – Das Buch bietet im Anhang eine lange Liste von Vorschlägen, was unmittelbar jetzt getan werden kann, für jeden einzelnen als auch für Politiker. Hübsch ist der abschließende kleine Ausblick von Hans Peter Rusch ins Jahr 2050: in dem die Menschen mehr im Anbau klimaverträgliche Nüsse, Früchte und Staudengemüse verzehren. Parkplätze samt Supermärkten sind in Urban Gardening-Projekte verwandelt worden, da keiner mehr anonyme Lebensmittel einkaufen mochte. Erwerbslose, Flüchtlinge oder Rentnerinnen können sich nun auch in den Städten ihr eigenes Gemüse anbauen…

Ute Scheub, Stefan Schwarzer, Die Humusrevolution – Wie wir den Boden heilen, das Klima retten und die Ernährungswende schaffen, Oekom Verlag München 2017, 235 Seiten, zahl. Abb., 19,95 €