Stadtgrün und Bodenfragen

Die Presse ist neutral. Wenigstens meistens. Nicht aber, wenn es um Besitz- und Bodenfragen geht. Der Grundgesetzparagraph, demzufolge Eigentum verpflichtet, ist vergessen. Das Magazin „Focus“ fragte kürzlich die Leser, was sie von Tübingens Bürgermeister Boris Palmers Idee hielten, die leerstehenden Grundstücke Tübingens einzuziehen: habe er damit völlig unrecht oder nur übertrieben, war die Frage. Die Option für die Leserinnen, ihr Kreuzchen bei, „damit hat er völlig recht“ machen zu können, die war nicht dabei. Was hatte Bürgermeister Boris Palmer verbrochen? Er hatte alle Besitzer von langjährig unbebauten Grundstücken angeschrieben und gefragt, was sie mit ihrem Grundstück vorhätten. Falls sie es im nächsten Jahr nicht zu bebauen vorhätten, wolle die Stadt es bebauen lassen. Zu diesem Zweck bot er an, das jeweilige Grundstück zum Verkehrswert zu kaufen. Eine sehr vernünftige Idee, der wahrscheinlich 95% aller Stadtbewohner zustimmen würden.

Besonders jene, die sich über ein jahrzehntelang nicht bebautes Grundstück in ihrer Ecke wundern. Wie z.B. mitten in Berlin an der Potsdamer Straße, Ecke Alvensleben. Es verbirgt sich hinter einem hässlichen Zaun. Die wild darauf wachsenden Birken werden alle Jahre abgesägt und zeigen so an, dass es einen Besitzer gibt, der auf Kosten der Allgemeinheit mit seinem Grundstück spekuliert. Das Grundstück ist seit dem Kriegsende leer.  In New York wäre hier wohl längst zumindest ein Nachbarschaftsgarten entstanden, für die Alten im Kiez, denen man eine Bank unter Bäumen gönnen kann. Hier aber passiert seit Jahren: nichts. So bleibt uns das traurige in die Brandwand des Nachbarhauses eingravierte Portrait von Hans-Jürgen Rattey erhalten. Er wurde Opfer eines martialischen Einsatzes der Polizei gegen eine Hausbesetzer-Demonstration Anfang der 1980er Jahre. Dem Engagement der Jugend damals verdanken wir den behutsamen Stadtumbau, die Altbauten erhielt, eine viel Klimafreundlicher Umgangsweise mit Gebäuden und grüne Hinterhöfe einführte.

Den Mut von Bürgermeister Palmer hat die Politik in Berlin noch nicht an den Tag gelegt. Stattdessen wechseln  weiter Wohnungen und ganze Häuser und Wohnanlagen ihre Besitzer und die Preise steigen in exorbitanteHöhen, mit der die durchschnittlichen Löhne und Gehälter nicht im Entferntesten mitwachsen können. Die Hälfte der Wohnungsverkäufe gehen durch „Share Deals“ an den Behörden vorbei… Die Spekulanten sparen sich so die Grunderwerbssteuer und können das Vorkaufsrecht der langjährig in den Wohnungen wohnenden aushebeln. Dass es auch anders geht, zeigte an diesem Wochenende die Berliner Tageszeitung (die) taz, die den Idealisten und Hausbesitzer Gerhard Oschmann würdigte, der bis heute nur 3 €uro pro Quadratmeter nimmt. Hoffentlich bieten ihm seine Mitbewohner rechtzeitig an, im gegenzug die Repapraturen selbst übernehmen zu wollen, ev. sogar genossenschaftlich?

Immerhin setzt sich die derzeitig  rot-rot-grüne Regierung für eine Grüncharta ein. Man möchte das vorhandene Grün in der Stadt dauerhaft sichern. Berlin besticht seit bereits über 100 Jahren durch seinen Dauerwaldvertrag. Damals wollte man die Wälder zugunsten der Grundwasserqualität erhalten. Aber auch an den großen Erholungswert der Stadtwälder war damals mitgedacht. Sie bilden bis heute eine unverzichtbare grüne Lunge der Stadt und beherbergen neben zahlreichem Wildleben auch Waldschulen, Badeseen und Jugendsommerlager.

Heute will die Politik dieses Grün zusammen mit den öffentlichen Parks einschließlich der entsprechenden Kleingartenanlagen durch eine Art neuen Dauerwaldvertrag resp. nunmehr Dauergrünvertrag endgültig sichern. Eine große Stadt braucht grüne Parks für Erholung, Spiel und informellen Sport. Auch die allermeisten Kleingartenanlagen, glücklicherweise ohnehin oft am Rande von Parks gelegen, stehen dem Publikum für Spaziergänge offen, vergrößern den Grüne-Lunge-Effekt der Parks. Sie tragen im Übrigen viel mehr noch als die Parks zur Biodiversität bei.  Dazu kommen die Gemeinschaftsgärten Berlins, die – wie unter anderem das Allmende-Kontor auf dem Tempelhofer Feld – laut Internet zu den Top Ten gehören, die für Berlin-Besucher sozusagen absolut verpflichtend sind. Sie gehören daher als Schwerpunkt einer zeitgemäßen Klima- und Erwachsenenbildung ins Zentrum eines jeglichen Grüncharta-Prozesses. Hier wäre eine aktivere Förderung sinnvoll, weil sie lebenslanges Klimalernen mit sozialer Integration verbinden, Ernährungsreflexion mit einem Guten Leben im Grünen.