Gedichte für die soziale Arbeit?

In Berlin streitet man sich über ein Gedicht. Ein Gedicht an einer Hauswand einer Hochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik. Ein Gedicht über eine Prachtstraße mit Bäumen und flanierende Frauen. Ein freundliches Gedicht. Ein Gedicht aus männlicher Sicht. Was hat es hier zu suchen? Wohl eher nichts.

Die Alice Salomon Hochschule ist als ehemalige Hochschule für Sozialarbeit und –Sozialpädagogik HfSS Nachfolgerin der ersten Sozialen Frauenschule in Berlin. Sie wurde 1903/8 gegründet. Damals schuf die erste Frauenbewegung ähnliche Hochschulen überall in der Welt z.B.auch in London oder New York etc. The first wave of feminism setzte sich neben dem Wahlrecht und dem Recht auf Bildung auch für soziale Gerechtigkeit ein. Ledige Mütter und ihre Kinder sollten nicht mehr hungern müssen. Alleinreisende Dienstmädchen sollten nicht mehr Mädchenhändlern in die Fänge geraten. Lehrerinnen eine Rente ansparen können. Arbeiterinnen auch ohne ehemännliche Erlaubnis z.B. einen Kleingarten pachten können… Die erste Frauenbewegung setzte sich für ihre Ziele sowohl theoretisch als auch praktisch ein. Die Feministinnen schrieben Eingaben an die Regierung und unterrichteten ehrenamtlich junge Frauen, die ihrerseits freiwillig in den Armenquartieren arbeiteten. Von Chikago über Berlin bis Hamburg entstand international eine sogenannte Settlementbewegung: „junge Damen aus gutem Hause“ zogen furchtlos und abenteuerlustig in die Ghettos, lebten mit den Obdachlosen, ehemaligen Knackis und Prostituierten eng zusammen. Sie versuchten ihnen durch kostenlose Beratung zur Seite zu stehen. Um den jungen Helferinnen ihre Naivität und den damit einhergehenden Klassendünkel zu nehmen, richteten die Frauenrechtlerinnen, wie die Feministinnen im Kaiserreich abschätzig genannt wurden, soziale Frauenschulen ein. Es begann in Berlin ab 1893 mit Kursen für die Jugendgruppen für soziale Hilfsarbeit. Auch die Brüder Max und Alfred Weber unterrichteten hier unentgeltlich. Schließlich war ihre Mutter eine der Erfinderinnen der sozialen Arbeit. Die Ausbildung währte drei Jahre und entwuchs aus der Praxis. Auf ihre Praxisorientiertheit waren die Frauenrechtlerinnen stolz. Das hatten sie den Universitäten voraus. Die nämlich empfanden sie als langweilig verstaubt und ihrer Zeit hinterher.

Dann kam der Erste Weltkrieg. Die Not war urplötzlich überall so groß, dass viele der Anliegen der ersten Frauenbewegung nunmehr Gehör fanden. Plötzlich wurden überall Sozialarbeiterinnen und auch Sozialpädagoginnen benötigt: für die hungernden Alten, mittellose Mütter, verwaiste und in die Kriminalität abgerutschte Kinder. In vielen Großstädten entstanden nun Soziale Frauenschulen. Aber als der Krieg zu Ende war, war der gesamte Mittelstand verarmt. Die Staatsanleihen waren wertlos geworden und die Inflation nahm den Rest der Ersparnisse. Kaum noch eine Familie konnte es sich leisten eine ihrer Töchter auszuhalten, damit sie ehrenamtlich als Sozialarbeiterin tätig war. Egal, ob sie nun Sozialbeamtin, Wohlfahrtsdame, Fürsorgerin oder Jugendleiterin hießen: Die Examinierten mussten nunmehr bezahlt werden. Die Professionalisierung eines Berufsstandes stand an. Alice Salomon, damals Direktorin der Sozialen Frauenschule Berlins, war darüber extrem unglücklich. Sie wusste, dass sie damit ihre Freiheiten verlieren würden. Denn mit der staatlichen Besoldung übernahm der Staat auch „das Sagen“… Dienstanweisungen verboten den ersten Sozialarbeiterinnen das forschende Lehren, das sofortige schriftliche Reflektieren der gemachten Erfahrungen und das Öffentlichmachen sozialer Ungerechtigkeiten. Und so kam es.

Alice Salomon war erst Mitte der 1920er Jahre wieder glücklich, als sie auf dem begrünten Dach des Neubaus ihrer Schule unterrichten konnte. Immer noch am altangestammten Platz so vieler sozialer Frauengründungen in der Karl-Schrader-Straße. Hier hatten die Damen wie Lina Morgenstern, Henriette Schrader-Breymann, Hedwig Heyl, Helene Lange, Jenny Hirsch etc. alles einmal angefangen… Alice Salomon kam als Jüngere dazu. Heute erinnert nur noch der Krippenverein an den Standort. Die Gebäude sind noch da, aber nur noch teilwiese genutzt. – Damals wurde ab 1933 unerwartet alles anders. Alice Salomon kam aus jüdischem Hause. Sie musste weg. Die Nazis übernahmen.

Als die Hochschule für Sozialarbeit- und Sozialpädagogik nach 1945 wieder allmählich in ihre sozialpolitisch orientieren Gänge kam, wussten nur noch ältere Hochschullehrer wie Dieter Claessens von der Geschichte der Hochschule. Meistens solche, die wie Claessens selbst, aktive Frauenrechtlerinnen als Mütter hatten, die sich auch 1945 wieder für die Waisen, Flüchtlinge, displaced persons im Verbund mit ihren Schwestern im Geiste in den USA etc. einsetzten…

Dann kam die Wende von 1989, die deutsche Wiedervereinigung. Die HfSS kam aus dem Zentrum der damaligen Frauen- und Lesbenbewegung weg. Weg aus dem Stadtteil mit den vielen neuen Frauenhäusern, Mädchenläden, betreuten Mädchen-WeGes, Prostituierten-Beratungs-Stellen und Lesben-Zentren. Sie wurde einem übereifrigen Bauvorhaben geopfert, wo noch diverse Räume zu besetzen waren. Die HfSS, nunmehr nach ihrer ersten Direktorin Alice-Salomon-Hochschule genannt, kam an den östlichen Stadtrand, sollten zur dortigen Entwicklung beitragen…

Das Lehrpersonal wurde zunehmend männlicher. Wer mag da wohl für das fragliche Gedicht an die Wand der Fachhochschule (university of applied sciences) entschieden haben? Was wussten die entsprechenden Gremiums-Mitglieder über die Geschichte dieser Einrichtung? Was über Alice-Salomon und die Frauenbewegung, aus der sie kam? Bedeutet die Abkürzung ASH die Tilgung einer besonderen Geschichte? Wäre es nicht einer Zeit, da weltweit unzählige Frauen kaum genügend Beschäftigung für eine ausreichende Rente bekommen und weibliche Alleinerziehende und ihre Kinder größtenteils arm sind, an der Zeit, über die Geschlechtergerechtigkeit in der staatlichen Wohlfahrt neu nachzudenken?